Reporter Daniel Claeßen kommentiert als "Fretful Father" das Familienleben. © Foto Kristina Schröder Photography / Montage Klose
The Fretful Father

Wie lebe ich mit Bibi und Tina und Marc Forster, ohne durchzudrehen?

Wenn die Kinder ihre Lieblingsmusik hören, ist das für unseren Autor eine vielfältige Herausforderung. Neben den diversen Schmerzen fragt er sich, wohin die Musik die Kinder denn führen soll.

Schule und Kita sind zwar keine Tabus mehr, das Grundproblem des Lockdowns bleibt jedoch erhalten: Die Kontakte sind auf eine Person aus einem anderen Haushalt reduziert. Trifft man also nicht rein zufällig auf dem Wanderparkplatz eine andere Familie, die dann auch noch gleichen Weg gehen möchte, bleibt das mit der Freizeitgestaltung für die Kinder schwierig.

Folglich geht der Griff immer häufiger zum Tablet. Also nicht mein Griff, sondern der der Kinder, die mittlerweile auch das Passwort für den Sperrbildschirm geknackt haben und sich bestens mit unserer Sprachassistentin verstehen. Es gibt sogar schon eine Playlist ihrer Lieblingslieder. Aber dazu kommen wir gleich.

Zunächst mal: Kinder von digitalen Medien fernzuhalten, wäre ja der falsche Weg. Die gesunde Mischung macht’s. Dachte ich, bis der Lockdown kam. Mittlerweile ist es mir egal, wenn sie mehrere Stunden am Stück irgendwelche Hörspiele hören. Oder die „Sendung mit der Maus“-App zum achten Mal komplett durchklicken. Wenn am Abend keine Gewaltausbrüche oder Angstzustände zu verzeichnen sind, wird der Konsum am Tag schon nicht so schlimm gewesen sein.

Bodenständige Besserwisser und Nebelkrähen

Weit weniger einverstanden bin ich mit der bereits angesprochenen Playlist, die mittlerweile unseren Alltag musikalisch unterlegt. Dazu sollte ich vielleicht erwähnen, dass ich meinen Musikgeschmack recht spät ausgeprägt habe, und das dann auch durchaus kontrovers. Während beispielsweise alle für „Wir sind Helden“ schwärmten, diese vermeintlich hippen und doch so bodenständigen Besserwisser, die für mich in etwa so authentisch wirkten wie Milli Vanilli Ende der 1980er, und deren Anführerin Judith Holofernes in meinen Ohren so klang wie eine halskranke Nebelkrähe, arbeitete ich mich gerade durch das damalige Gesamtwerk von Oasis. Die wirkten zwar authentischer, aber wie wir wissen, so ganz dicht waren die auch nicht.

Zurück zur Playlist meiner Kinder: Da gibt es „154 Länder“ und „Chöre“ von Marc Forster, die für mich nur zu ertragen sind, weil der Sänger Fan des 1. FC Kaiserslautern ist und ich ihm deshalb nicht böse sein kann. Bei „Keine Maschine“ und „Hoch“ von Tim Bendzko drücken hingegen meine Fingerkuppen Dellen in die Hartholz-Tischplatte. Und dann kommt Lina Larissa Strahl. Die dürfte den meisten Eltern als „Bibi Blocksberg“ aus insgesamt vier „Bibi und Tina“-Filmen bekannt sein, die Regisseur Detlef Buck derart auf cool und hip getrimmt hat, dass man sich als neutraler Zuschauer eigentlich übergeben müsste, wenn nicht pinkes Kaugummi die Speiseröhre verstopfen würde.

Genauso fühlen sich auch die Lieder von Lina Larissa Strahl an. Und die unterscheiden sich damit überhaupt nicht von dem poppigen Geschnulze, das Forster, Bendzko & Co. mit ein paar Tönen aus dem Klangcomputer unterlegen, wie man es sonst nur von „Malen nach Zahlen“ kennt.

Keinen Marionetten hinterherhecheln

Folglich werde ich alles dafür tun, um zu verhindern, dass ausgerechnet das die Musik meiner Kinder wird. Janis Joplin, AC/DC, Guns ´n Roses oder Jimi Hendrix müssen doch auch auf diese Generation Einfluss ausüben können. Ich müsste mir natürlich ein paar Argumente überlegen, warum viele gute Musiker offenbar auch gute Drogenkonsumenten waren.

Aber eigentlich geht es mir ja nur darum, dass die Kinder nicht irgendwelchen synthetischen Marionetten hinterherhecheln, die keine Botschaft haben. Sie sollen lernen, Dinge zu hinterfragen, selbstständig zu denken und zu handeln, und nicht alles hinzunehmen, was mit ihnen und ihrer Umwelt geschieht. Vielleicht kaufe ich ihnen deshalb erst mal eine CD. Ich weiß auch schon, welche: „Von hier an blind“ von „Wir sind Helden“.

ZWISCHEN BESORGT UND VERÄRGERT

In seiner Kolumne „The Fretful Father“ schreibt Reporter Daniel Claeßen über Dinge, die ihn als Familienvater bewegen. Und auch wenn er die Probleme seiner Kinder stets ernst nimmt, ist hier nicht immer alles ernst gemeint. Der Titel der Kolumne ist angelehnt an das „Fretful Mother Magazine“ aus der Serie „Die Simpsons“. Womit auch klar ist, dass hier immer mal wieder das Kind im Manne durchkommt. Außerdem kann „fretful“ nicht nur „besorgt“, sondern auch „quengelig“, „weinerlich“ und „verärgert“ bedeuten – womit die Gefühlsspanne unseres Autors ziemlich gut abgebildet wird.

Über den Autor
Redaktion Lünen
Journalist, Vater, Ehemann. Möglicherweise sogar in dieser Reihenfolge. Eigentlich Chefreporter für Lünen, Selm, Olfen und Nordkirchen. Trotzdem behält er auch gerne das Geschehen hinter den jeweiligen Ortsausgangsschildern im Blick - falls der Wahnsinn doch mal um sich greifen sollte.
Zur Autorenseite
Avatar
Lesen Sie jetzt