Dean Pavliczek und Kai Pekowski haben zusammen mit der Lehrerin Kathrin Rieckermann und weiteren Schülern der AG "Schule ohne Rassismus - Schule mit Courage" über Zwangsarbeiter in Lünen während der NS-Zeit recherchiert. Jetzt setzen sie sich dafür ein, dass für die mindestens 3800 Zwangsarbeiter ein Denkmal errichtet wird. © Matthias Stachelhaus
Erinnerungskultur

Zwangsarbeit in Lünen: Schüler fordern Mahnmal an NS-Verbrechen

Monatelang haben Schüler des GSG über Zwangsarbeiter in Lünen während der NS-Zeit recherchiert. Es gab tausende, die unter Elend und Misshandlungen litten. Ein Mahnmal gibt es bis heute nicht.

„Mehr als 75 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges ist es höchste Zeit, auch in Lünen an die hier eingesetzten Zwangsarbeiter zu erinnern.“ Mit diesem Satz beginnt die Präsentation von fünf Schüllerinnen und Schülern der Geschwister-Scholl-Gesamtschule (GSG).

Rund sechs Monate haben sie zusammen mit Lehrerin Katrin Riekermann recherchiert und Daten zusammengetragen. Dass Menschen aus eroberten oder besetzten Gebieten während der NS-Zeit auch bis in die Lippestadt verschleppt wurden, um hier wie Sklaven unter grausamen Bedingungen zu arbeiten, ist nicht verwunderlich. Lünen machte als Industriestadt mit diversen Zechen keine Ausnahme zum restlichen Ruhrgebiet.

Über Monate haben die Schüler der AG
Über Monate haben die Schüler der AG „Schule ohne Rassismss – Schule mit Courage“ zu Zwangsarbeit recherchiert. Im Stadtarchiv, beim LWL und auch in Zeitzeugen-Interviews erhielten sie Informationen. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Im Stadtgebiet gibt es bis heute allerdings kein Mahnmal für diese Männer, Frauen und Kinder, die meist aus der Sowjetunion, der Ukraine, Polen und vom Balkan kamen. Teils auch aus Süd- und Westeuropa, wie die AG „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ erklärt.

Mindestens 3800 Zwangsarbeiter in Lünen

„Wie viele es genau waren, lässt sich heute kaum seriös beantworten“, erklärt Dean Pavliczek (18) im Gespräch mit der Redaktion. Britische Besatzungskräfte hatten nach Ende des Zweiten Weltkriegs rund 3800 Personen in sieben Lagern in der Stadt ermittelt. Vollständig sind die Unterlagen aber sicher nicht. Es könnten auch 1500 mehr sein, oder doppelt so viele.

Spuren sind aber bis heute im Stadtbild zu finden. Nicht nur auf dem evangelischen Friedhof an der Kirchhofstraße, auf dem in 14 Gräbern Zwangsarbeiter liegen.

So sind die Fundamente eines der (wenn nicht dem) größten Lagers in der Stadt noch zu finden. Wenn man denn danach sucht. In einem kleinen Wäldchen an der Willi-Melchers-Straße erinnern noch einige Fundamente an zwei Lager, in denen nach offiziellen Zahlen 2430 Zwangsarbeiter untergebracht waren.

Not und Elend für jedermann zu sehen

Wobei das Wort „untergebracht“ relativ ist. Denn beheizt waren die Baracken nicht. Passend zur allgemeinen Behandlung seien für Insassen Schläge, Tritte und Misshandlungen bei der Arbeit an der Tagesordnung gewesen, wie die Schüler Interviews mit Zeitzeugen entnehmen. Nebst Berichten von drakonischen Strafen auch für kleinste „Vergehen“, wie etwa dem Stehlen von Kartoffelschalen, derer wegen sie erschossen oder erhängt wurden.

Die Fundamente des
Die Fundamente des „Lager Barabara“ in dem zu NS-Zeiten rund 2430 Personen untergebracht waren, sind bis heute an der Willi-Melchers-Straße zu finden. © GSG © GSG

Versteckt wurden die Lager oder deren Insassen übrigens nicht. Die Lager waren mitten in den Wohngebieten, die Arbeiter wurden von dort aus zur Arbeit getrieben. „Ihr Elend und ihre Not waren für jedermann sichtbar“, erklären die Schüler.

„Ich wohne selbst in der näheren Umgebung. Aber gewusst habe ich von dem Lager Barbara nichts“, sagt Dean Pavliczek. Die Überreste der Baracken, die nach dem Krieg wohl auch als Flüchtlingslager genutzt wurden, sind zugewuchert. Wahrgenommen wird die Stätte kaum.

Weitere Lager und Zwangsarbeiter in Privathaushalten

Weitere Lager in Nordlünen befanden sich an:

  • Schützenstraße/Arndtstraße, für Gottfried Quitmanne, Metall- und Lackierwarenfabrick, rund 100 Personen
  • Hammer Straße, Gewerkschaft Eisenhütte Westfalia, rund 180 Personen
  • Thomas-Mann-Straße, für die Zeche Viktoria, keine Angabe zur Zahl der Insassen
  • Dorfstraße, Lager für „Ostarbeiter“, keine Angabe zur Zahl der Insassen
  • Dorfstraße, Lager für Italiener, keine Angabe zur Zahl der Insassen
  • Viele weitere Zwangsarbeiter waren auch in Bauernhöfen oder privaten Haushalten. Genaue Zahlen liegen hier nicht vor.
  • Auch im St.-Marien-Hospital waren zwischen 1941 und 1945 insgesamt 16 Zwangsarbeiter eingesetzt, wie es in der Chronik des Krankenhauses zu seinem 150-Jährigen Bestehen heißt. Dazu kamen deren Kinder und Familien. Diesen Arbeitern, so heißt es in der Chronik weiter, „scheint es, den Umständen entsprechend, einigermaßen gut“ ergangen zu sein. Sie seien laut den Historikern Bernhard Fries und Peter Sieve nicht nur besser untergebracht gewesen, als in Barackenlagern, sondern wurden auch ähnliche bezahlt, wie deutsche Angestellte. Im Gesamtkontext sicher eher die Ausnahme.
Auf diesem Kartenausschnitt haben die Schüler des GSG die Standorte der Zwangsarbeiterlager in Nordlünen / Wethmar eingezeichnet.
Auf diesem Kartenausschnitt haben die Schüler des GSG die Standorte der Zwangsarbeiterlager in Nordlünen / Wethmar eingezeichnet. © Kartenausschnitt: GSG © Kartenausschnitt: GSG

Kein Mahnmal für Zwangsarbeiter in Lünen

Überraschend sei dabei nicht nur die Menge an Zwangsarbeitern in der Lippestadt. „Es sind eben nicht nur ein paar gewesen, sondern tausende“, sagt Kai Pekowski (18), ebenfalls aus der AG an der Gesamtschule. Noch mehr die Tatsache, dass in Lünen keinerlei Mahnmal an das Leid der Zwangsarbeiter hinweist.

Mehrere Vorschläge haben die Schüler deshalb auch dem Ausschuss für Kultur und Europa und Städtepartnerschaften vorgelegt. Im Bestfall könnten etwa eine oder mehrere Baracken des Lagers Barbara als Erinnerungsstätte wieder aufgebaut werden. Fördergelder dafür könnten zum Beispiel vom LWL fließen.

Einer der Vorschläge der Schüler von der GSG für ein Denkmal: Der Wiederaufbau von Baracken des früheren
Einer der Vorschläge der Schüler von der GSG für ein Denkmal: Der Wiederaufbau von Baracken des früheren „Lager Barbara“ an der Willi-Melcher-Straße in Nordlünen. © Matthias Stachelhaus © Matthias Stachelhaus

Eine andere Option wäre ein Mahnmal an der Hüttenallee, neben dem Mahnmal für die Gründer von Westfalia und für die Weltkriegsopfer, nahe der kleinen Lippebrücke. Dort wäre es gut sichtbar, etwa für Radfahrer.

Zustimmung für die Ideen gab es von Verwaltung und Politik gleichermaßen. „Wir werden das Thema auf die Liste setzen“, sagte Beigeordnerter Horst Müller-Baß. „Es ist ein Stück Erinnerungskultur, das in Lünen fehlt“, heißt es aus den Reihen der Ausschussmitglieder.

Die Schüler der GSG freuen sich, dass ihr Anliegen so angenommen wurde. „Eine konkrete Antwort über Pläne hätte ich schon gerne noch vor Ende meiner Schulzeit“, sagt Dean Pavliczek. Das setzt ein klares Ziel. Denn Pavliczek besucht die 13. Klasse und ist auf dem Weg zum Abitur.

Über den Autor
Beruflicher Quereinsteiger und Liebhaber von tief schwarzem Humor. Manchmal mit sehr eigenem Blick auf das Geschehen. Großer Hang zu Zahlen, Statistiken und Datenbanken, wenn sie denn aussagekräftig sind. Ein Überbleibsel aus meinem Leben als Laborant und Techniker. Immer für ein gutes und/oder kritisches Gespräch zu haben.
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