Ines Wulfert-Decke mit ihren drei Kindern. © privat
Schicksalsschlag

Gronauerin verliert neunjähriges Kind durch Coronavirus

Ines Wulfert-Decke hat ihren Sohn Dean-Michael ins Hospiz begleitet. Dort sollte der behinderte Junge zur Erholung Zeit verbringen. Doch der Neunjährige steckte sich mit Corona an und starb.

Geschichten vom Tod sind immer schwere Geschichten. Geht es um den Tod eines Kindes, sind sie besonders schwer. Wenn es das eigene Kind ist, wird es unerträglich. Aber sie will sie unbedingt erzählen, auch wenn ihr immer wieder die Stimme bricht und sie kaum weiß, woher sie die Kraft aufbringen soll für alles, was sie gerade durchmacht: Ines Wulfert-Decke hat ihren Sohn Dean-Michael verloren – durch Corona. Im Oktober wäre er zehn Jahre alt geworden.

Zur Erholung ins Hospiz

Beim ersten Telefonat mit der 45-jährigen Gronauerin ist ihr Sohn seit einer Woche tot. „Er ist eingeschlafen“, sagt sie. Sie selbst und sein älterer Bruder sind zuhause. Es ist Tag 7 ihrer Quarantäne. Deans Leichnam ist noch in Olpe, wo die drei gemeinsam im Kinder- und Jugendhospiz waren – eigentlich nur zur Erholung.

Dean soll eingeäschert werden. „Wir durften ihn nicht einsargen“, erklärt Ines Wulfert-Decke, „wegen Corona.“ Wann und wie er überführt werden kann – sie weiß es nicht. Wer die Kosten dafür trägt – auch das weiß sie noch nicht. Mit Deans Tod sind Ines Wulfert-Decke sämtliche Fundamente ihres bisherigen Lebens verloren gegangen, denn für die alleinerziehende Mutter bedeutete die Pflege ihres Kindes auch einen 24-Stunden-Job täglich.

Die Suche nach der Ansteckung

Die Frage, die sie am meisten umtreibt aber ist, wo sie sich angesteckt haben könnten. „Wir können uns nicht erklären, wo wir uns das geholt haben.“ Noch vor dem lange geplanten Aufenthalt in Olpe seien sie getestet worden, mit negativem Ergebnis. „Ich habe meinen anderen Sohn extra aus der Schule gelassen, damit nichts passiert.“ Eine Woche lang sei alles normal gewesen. „Dann bekam Dean auf einmal Fieber.“ Was folgte, ist in Pflegeeinrichtungen bereits Routine: Testen und Isolieren. Ines Wulfert-Decke und ihre Söhne hatten Corona, sie hatten die britische Mutation erwischt.

Seit zwei Jahren ans Bett gefesselt

Während der ältere Sohn kaum Symptome entwickelte und beim zweiten Test bereits negativ getestet wurde, hatte Dean dem Virus nichts entgegen zu setzen. Von Geburt an war er mehrfach behindert, in den letzten Jahren kamen inoperable Knochenverletzungen und eine Stimmbandlähmung hinzu, in deren Folge er einen künstlichen Luftröhrenausgang bekam. Seit zwei Jahren war er ans Bett gefesselt.

Natürlich habe sie gewusst, dass Deans Lebenszeit begrenzt sein würde. Aber so? „Das ist das, was wir nie wollten.“ Die Quarantäne-Auflagen machen es nicht leichter, mit der Trauer umzugehen. „Ich komme hier nicht raus“, sagt sie. „Niemand darf herkommen, keiner kann einen in den Arm nehmen. Das ist so schrecklich.“ Nicht einmal ihre Älteste, die bei einer Pflegefamilie ist, konnte sich persönlich von Dean verabschieden.

Am Rosenmontag, als Dean starb, traf sich die Familie via Face-Time, damit die 16-Jährige bei Dean sein konnte. Ines Wulfert-Decke: „Wir hatten ihn noch mal im Arm.“

Am nächsten Morgen traten sie und Deans Bruder die Heimreise an und damit ihre Quarantäne und das Warten darauf, dass die eigenen Symptome wieder abklingen. „Schmecken und Riechen kann ich schon wieder“, erklärt sie am Telefon. Der Schützenverein hilft beim Einkaufen, ansonsten ist wenig Unterstützung vorhanden. Deans Vater hatte sich vor Jahren komplett abgewandt, ihre Mutter starb im vorigen Jahr. Familienanschluss ist keiner da, Ines Wulfert-Decke ist zugezogen. Dabei gäbe es so viel zu regeln und zu klären. „Wir warten nur darauf, dass wir nicht mehr positiv sind, damit wir ihn beisetzen können.“

Erlösendes Testergebnis

Inzwischen ist eine weitere Woche vergangen. Nach „üblen“ Tagen des Wartens kam am Sonntag das erlösende Testergebnis des letzten Abstrichs vom Mittwoch voriger Woche: negativ. Ines Wulfert-Decke atmet auf. Jetzt könne sie endlich anfangen mit den ganzen Behördengängen und sich um Beerdigung und Trauerbegleitung kümmern. Die Beisetzung soll am 15. März sein, genau einen Monat nachdem sie Dean ein letztes Mal im Arm hatte.

Wie es danach weitergehen soll – auch das weiß sie noch nicht. Dabei hat sie kaum Zeit, sich Gedanken zu machen, denn mit Deans Tod ändern sich die Voraussetzungen für den Bezug von Sozialleistungen. „Ganz ehrlich: Ich kann jede Hilfe gebrauchen.“ Ob sie in ihrem alten Job als Zahnarzthelferin so schnell eine neue Stelle findet, steht unter Corona-Bedingungen in den Sternen – und damit die nächste Frage im Raum. „Wenn ich kein Einkommen habe, kann ich hier nicht wohnen bleiben.“ Darum wolle sie sich auch nicht fixieren auf ihren Lehrberuf. „Ich bin auch bereit, einen Putzjob anzunehmen“, überlegt sie, „oder beim Discounter.“

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