75 Jahre Hiroshima: „Plötzlich leuchtete der Himmel unglaublich hell“

Zweiter Weltkrieg

Die erste Atombombe hat vor 75 Jahren Hiroshima zerstört – und Japans Stolz. Das Kaiserreich hat eine ganz eigene Lehre daraus gezogen: Nie wieder wollte es technologisch ins Hintertreffen geraten.

06.08.2020, 21:48 Uhr / Lesedauer: 5 min
Teilnehmer der Zeremonie zum 75. Jahrestag gedenken mit einer Schweigeminute um 8.15 der Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima.

Teilnehmer der Zeremonie zum 75. Jahrestag gedenken mit einer Schweigeminute um 8.15 der Opfer des Atombombenabwurfs auf Hiroshima. © picture alliance/dpa

Am Morgen des großen Knalls war Sumako Hamada im Garten und wusch die Wäsche ihrer Eltern. Das Wetter war klar, die Hitze, die der Tag bringen würde, zu erahnen. Um Viertel nach acht blickte die 18-Jährige übers Meer in die Ferne. Sie hat es ihr Leben lang nicht vergessen. Denn um genau diese Uhrzeit passierte etwas, das nicht von dieser Welt schien.

„Plötzlich leuchtete der Himmel unglaublich hell“, erinnert sich Sumako Hamada. „Ich war alt genug, um zu wissen, dass das nicht die Sonne sein konnte.“ In Matsuyama, der größten Stadt am Rande der südlichen Insel Shikoku, blieb es bei dieser unglaublichen Kulisse. Sie tat nicht weh.

Auf der anderen Seite aber, jenseits der Wellen des Seto-Binnenmeers, auf der großen Hauptinsel Honshu, ist in diesem Augenblick die Stadt Hiroshima ausgelöscht worden. Und mit ihr mindestens 45.000 Menschenleben.

Der erste Atombombenangriff der Geschichte

80 Kilometer weit konnte Sumako Hamada an jenem 6. August 1945 Richtung Norden blicken. Um 8.15 Uhr hatte Bombenschütze Thomas Ferebee in einigen Kilometern Höhe auf den Knopf gedrückt und eine mit Uran-235 gefüllte Bombe aus dem US-Flugzeug „Enola Gay“ abgeworfen. 43 Sekunden später, 600 Meter über der Industriestadt Hiroshima, explodierte sie.

Mit einer Geschwindigkeit von 440 Metern pro Sekunde breitete sich ein riesiger Feuerball aus, die Temperatur raste auf fast 4000 Grad Celsius hoch. Drei Minuten später ragte eine pilzförmige Wolke in den bis dahin sonnigen Himmel. Dann fiel schwarzer Regen. 45.000 Menschen starben in Sekundenschnelle, an den Tagen und Monaten danach folgten an die 100.000 Tote. Es war der erste Atombombenangriff der Geschichte. Drei Tage später explodierte eine zweite Bombe über Nagasaki.

Eine Woche später erfuhr die Bauerntochter Sumako Hamada, dass „der große Krieg“ zu Ende war. Es überraschte sie nicht mehr. Die Radioansprache des Tennos, Kaiser Hirohito, war allerdings ein Ereignis für sich. Bis zu jenem 15. August 1945 hatten die allermeisten Japaner noch nie die Stimme ihres als gottähnlich verehrten Staatsoberhaupts gehört.

Doch seine Worte hatten für Sumako kaum noch Informationswert. „Ich hatte gleich nach Hiroshima das Gefühl, dass die Niederlage nur noch eine Frage der Zeit war.“ Erleichterung empfand sie dennoch: „Der Krieg hatte uns alle müde gemacht. Mich auch.“

Japan arbeitete an der Bombe

In den Tagen, Wochen, Monaten nach der Niederlage rückte das Gefühl der totalen Erschöpfung in den Hintergrund. Bis zum letzten Mann würde Japan kämpfen, so hatten es die Generäle und Journalisten im Land immer wieder behauptet. Nun durfte die Kapitulation gegenüber den Lebenden nicht zu sehr wie ein Widerspruch wirken. Und so fand man ein Narrativ für die Niederlage: Japan sei nicht an sich selbst gescheitert – sondern an der Technologie.

Das, hat sich das Kaiserreich am Tag der Vernichtung geschworen, durfte nie wieder passieren. Der Schwur gilt bis heute und hat zur Folge, dass Japan sich wie kaum ein zweites Land ausgerechnet der Atomtechnologie verschrieben hat.

Das hatte durchaus seine Logik. Sumako Hamada und die allermeisten anderen Japaner wussten davon nichts, aber auch Japan hatte während des Krieges versucht, eine Atombombe zu bauen. Der Physiker Yoshio Nishina, ein Freund der führenden Wissenschaftler Niels Bohr und Albert Einstein, setzte sich bereits 1939 mit der Kernspaltung auseinander. Zwei Jahre später erhielt Nishina den offiziellen Auftrag, eine Atombombe zu konstruieren.

Nur verlief das Projekt nicht wie geplant. Es mangelte unter anderem am Rohstoff Uran. Als man bei Deutschland und weiteren Verbündeten um Unterstützung bat, fand sich zwar einiges zusammen, doch für eine machtvolle Bombe reichte es noch lange nicht.

Von der Bewertung in der ersten Phase des Vorhabens konnte man nicht nennenswert abrücken: Eine Atombombe, hieß es darin, sei zwar prinzipiell möglich, aber „es wäre wahrscheinlich selbst für die USA schwer, die Anwendung von Atomenergie während des Kriegs zu realisieren“. Am Ende wurde das japanische Atomlabor noch durch einen US-amerikanischen Luftangriff zerstört und auch nicht wieder aufgebaut. Das N-Projekt, benannt nach Yoshio Nishina, war gescheitert.

Entsprechend tief saß der Schock nach dem 6. August 1945. Das japanische Militär hatte zeitweise fast den ganzen Pazifik unter seiner brutalen Kontrolle. Im Dienst des Militärs führten japanische Wissenschaftler medizinische Versuche an Menschen durch. Bürokraten beorderten ausländische Frauen, insbesondere koreanische, in Bordelle an der Front. Seinen Bürgern präsentierte man, wo es ging, Bilder der Überlegenheit. Doch plötzlich waren der Stolz und die Stärke des japanischen Kampfes dahin.

Robert Jacobs, ein wohlgenährter Herr in kurzärmeligem Hemd, ist Historiker an der Universität Hiroshima. Er forscht zum Trauma, das die Explosion dieser unmöglich geglaubten Bombe bedeutete. „Als die Bomben ausgerechnet über Japan explodierten“, sagt Jacobs in seinem mit Büchern vollgestellten, heißen Büro, „muss die Erschütterung ungefähr so groß gewesen sein, wie wenn du in einem Duell kämpfst und dein Gegner sich plötzlich wegbeamt: Du hast mal gehört, dass diese Technik theoretisch möglich ist, aber praktisch völlig unrealistisch sein muss.“

Dieses Trauma und der Drang, es auszulöschen, sieht Jacobs als entscheidend für die Politik der nächsten Jahre an. „Japan wurde in relativ kurzer Zeit zu einem der führenden Standorte für Atomtechnik.“ Als nach dem Zweiten Weltkrieg die USA auf den Inseln Japans regierten und in die neue Verfassung einen Pazifismusartikel schrieben, blieb dem ostasiatischen Land nichts anderes, als auf die Forschung zu setzen.

Im Frühjahr 1956 öffnete das Friedensmuseum für Hiroshima

Statt ins Militär, das man ohnehin nicht mehr haben durfte, wurde in die Wissenschaft investiert. Und es wurden Legenden gebildet: Schon 1946 gab es Meldungen, nach denen Japan kurz vor der Produktion einer Bombe gestanden habe. Angeblich gab es sogar einen Test. In Wahrheit war das Land von der Fertigstellung einer Bombe weit entfernt gewesen. Doch die geopolitischen Entwicklungen trugen dazu bei, dass Japan bald seine Kernspaltungen bekam.

„Anfang der 1950er-Jahre wollte US-Präsident Eisenhower vor allem die liberalen Länder der Welt enger zusammenbringen“, sagt der US-Amerikaner Jacobs. „Dazu hielt er vor den Vereinten Nationen seine ‚Atoms for Peace‘-Rede. Er plädierte für die friedliche Nutzung von Kernspaltungen in Form von Atomkraft.“

Im Frühjahr 1956 öffnete dann das Friedensmuseum von Hiroshima. Die erste Ausstellung lautete „Atoms for Peace“. „Sie war eine echte Propagandaveranstaltung für die Nutzung von Atomkraft“, sagt Jacobs. Man zeigte, wie eine durch Atomtechnik angetriebene Roboterhand japanische Kalligrafie zeichnen konnte. Auch ein Atomreaktor in Miniaturform war ausgestellt. Und man deutete an, dass Nuklearenergie die Strahlungsschäden der Atombombenüberlebenden heilen könnte. Das Publikum war begeistert.

1966 ging der erste Reaktorblock im AKW Tokai in Betrieb

Sumako Hamada gehörte nicht zu den Besuchern der Ausstellung. Aber auch sie, die doch sogar aus der Ferne die Zerstörungskraft so klar hatte sehen können, empfand kaum noch Skepsis bei der Idee, die Kernkraft auch in Japan zu nutzen. „Wir haben uns darüber keine großen Gedanken mehr gemacht“, sagt sie, auf der Bettkante in ihrem Zimmer in einem Seniorenheim sitzend. Sie geht alte Bilder durch.

„Ich war zwar zu Kriegsende etwas pummelig“, sagt sie schmunzelnd, „weil wir als Bauern immer Reis hatten. Aber wir waren trotzdem arm. Zu uns kamen keine neuen Produkte. Nicht mal Textilien.“ Die heute 93-Jährige und die anderen in Matsuyama wollten Fortschritt. Und die Atomkraft sollte ihn bringen.

Kurz nach der Ausstellung in Hiroshima wurde das Japan Atomic Energy Research Institute gegründet. 1966 ging der erste Reaktorblock im AKW Tokai in Betrieb. Es dauerte nicht lang, bis viele weitere folgten. In den Hochzeiten waren 54 Reaktoren in 17 Anlagen gleichzeitig in Betrieb. Das Land, dem die Atomtechnik das größte Leid angetan hatte, mauserte sich zu einem der führenden Standorte für Kernphysik.

Unternehmen wie Hitachi, Toshiba, Mitsubishi oder Japan Steel Works avancierten zu den weltweit größten Unternehmen der Branche. In Tsuruga, einer Stadt im Westen des Landes, wurde einer der modernsten Forschungsreaktoren überhaupt gebaut. „Bis heute verkörpert das Atom in gewissen Kreisen vor allem Fortschritt“, sagt Robert Jacobs. Fukushima zum Trotz.

Als am 11. März 2011 zuerst die Erde gewaltig bebt, dann mehr als 20 Meter hohe Wellen über die Nordostküste Japans hereinbrechen, havariert in Fukushima ein Atomkraftwerk. Hunderttausende müssen evakuiert werden. Wieder fällt Japan einer nuklearen Kettenreaktion zum Opfer. Und erstmals bildet sich im Land eine sehr sichtbare Anti-Atom-Bewegung. Umfragen zeigen seitdem sogar, dass die Mehrheit der Menschen in Japan gegen die Atomenergie ist.

Der Wettlauf geht weiter

Doch die Regierung beeindruckt das kaum. Eineinhalb Jahre nach dem Super-GAU wird mit Shinzo Abe ein Mann zum Premierminister gewählt, der partout an der Kernkraft festhalten will. Mehrere der gut 50 heruntergefahrenen Reaktoren lässt er unter strengeren Bedingungen wieder in Betrieb nehmen. Und ein Klüngel aus Politikern, Unternehmen und atomfreundlichen Forschern, das man in Japan oft das „nukleare Dorf“ nennt, hat es mittlerweile geschafft, in Bezug auf das Fuku­shima-Desaster eine Erzählung von menschlichen Fehlern zu prägen.

In anderen Worten: Das Unglück von 2011 spornte nur dazu an, weiter auf die Atomkraft zu setzen.

Dabei will man in der regierenden Liberaldemokratischen Partei auch mehr als das. Immer wieder haben Politiker der ersten Reihe Gedanken geäußert, die aufhorchen ließen. Ende 2017 sagte der ehemalige Verteidigungsminister Shigeru Ishiba: „Japan sollte die Technologie haben, um eine Atomwaffe zu bauen, wenn es dies will.“ Ishiba gilt als aussichtsreicher Kandidat auf die Nachfolge als Premierminister.

Wenn Sumako Hamada so etwas hört, dann wird ihr ganz anders. Sie will das Bild vom 6. August 1945 nie wieder sehen. „Niemand in der Welt sollte Atomwaffen besitzen. Sie bringen nie Gutes. Sie richten nur Schaden an.“

RND