Akzeptanz der Corona-Maßnahmen nimmt ab: Deutsche wollen mehr Lockerungen

Coronavirus

Der Umgang mit der Pandemie hat sich seit dem Lockdown stark verändert, wie zwei Studien zeigen. Immer mehr Menschen halten die Hygieneregeln nicht ein – und würden sogar an Demos gegen die Maßnahmen teilnehmen.

Berlin

01.06.2020, 19:30 Uhr / Lesedauer: 4 min
Am Pfingstsonntag genossen viele Menschen am Abend im Berliner Monbijoupark die untergehende Sonne

Am Pfingstsonntag genossen viele Menschen am Abend im Berliner Monbijoupark die untergehende Sonne © picture alliance/dpa

Vor gut zehn Wochen wurden im Zuge der Corona-Pandemie in Deutschland die Kontaktbeschränkungen und der Mindestabstand beschlossen, im April kam die Maskenpflicht hinzu. Diese und viele weiteren Maßnahmen haben Wirkung gezeigt: So ist die Zahl der Infektionen und Todesfälle spürbar gesunken. Inzwischen wurden viele Maßnahmen gelockert. Doch ist das den Deutschen genug? Zwei Umfragen der Universität Erfurt und der Universität Mannheim geben Aufschluss darüber, was Menschen hierzulande von den Kontaktbeschränkungen halten – und wie sie zur Maskenpflicht und einer Corona-Impfung stehen.

Erfurter Studie: Eltern wollen sofortige Öffnung der Schulen und Kindergärten

Das „Covid-19 Snapshot Monitoring“ (Cosmo) läuft als Gemeinschaftsprojekt der Universität Erfurt, des Robert-Koch-Instituts (RKI), der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA), des Science Media Centers (SMC), der Yale University und weiterer Einrichtungen. Bei der Untersuchung werden wöchentlich etwa 1000 Menschen befragt. Demnach sei mittlerweile die Wahrnehmung des Risikos durch das Coronavirus und die Akzeptanz der Maßnahmen deutlich gesunken.

Das Niveau sei nun auf dem Stand der Zeit vor dem Lockdown. Unter anderem wurden Eltern befragt, wann Schulen und Kindergärten wieder geöffnet werden sollen. Mehr als 50 Prozent der Befragten stimmten für eine sofortige Öffnung. Jedoch betonten die Erfurter Fachleute, dass die Zahl der Studienteilnehmer relativ klein war.

Anti-Corona-Maßnahmen: Übertrieben oder angemessen?

Sind die aktuellen Lockerungen der Corona-Gegenmaßnahmen stark übertrieben? Diese Frage stellten die Wissenschaftler den Teilnehmern jede Woche seit Anfang Mai. Am 5. Mai fand noch jeder Zweite (50 Prozent) die Lockerungen angemessen und jeder Dritte (33 Prozent) hielt sie für stark übertrieben. 16 Prozent waren sich nicht sicher. Am 26. Mai änderte sich die Einstellung etwas: 36 Prozent der Befragten hielten sie für stark übertrieben, fast jeder Fünfte war gespaltener Meinung (19 Prozent). 45 Prozent hielten die Lockerungsmaßnahmen noch für angemessen. Auch interessant: Der Aussage, dass die deutschen Behörden den Eindruck vermitteln, dass das Gröbste überstanden sei, stimmte fast jeder Zweite zu (46 Prozent).

Die Zahl derjenigen, denen die Maßnahmen gegen das Coronavirus zu weit gehen und die deswegen auch an Demonstrationen teilnehmen würden, ist mittlerweile leicht auf zwölf Prozent gestiegen. Zwei Wochen zuvor waren es noch elf Prozent. Die überwiegende Mehrheit würde aber nach wie vor nicht an einer Demonstration teilnehmen. Interessant ist auch, dass sich kaum die Hälfte der Befragten eine Tracing-App herunterladen würde.

Akzeptanz der Corona-Maßnahmen gesunken

Am 14. April waren noch 79 Prozent der Befragten bereit, sich gegen Covid-19 impfen zu lassen. Bei der aktuellsten Umfrage (26. Mai) hat sich das gravierend geändert: Nur noch 61 Prozent würden sich impfen lassen, wenn ein Impfstoff bereitstünde. Diejenigen, die sich impfen lassen würden, vertrauen mehr den Behörden, sind eher männlich, älter, informieren sich häufiger und halten sich für anfälliger für eine Infektion und Krankheit. Auch bei anderen Maßnahmen sinkt die Akzeptanz.

Haben im März noch knapp 90 Prozent öffentliche Orte vermieden, waren es bei der aktuellen Befragung nur noch zwei Drittel (66 Prozent). Die Einhaltung des Mindestabstands, das 20-Sekunden-Händewaschen und der Verzicht auf private Feiern werden auch weniger häufig eingehalten. Nur der Anteil derjenigen, die eine Gesichtsmaske tragen, ist aufgrund der Maskenpflicht auf 80 Prozent gestiegen.

Tausende Menschen feiern in Berlin

Dass die Akzeptanz der Deutschen hinsichtlich der Corona-Maßnahmen sinkt, wurde am Pfingstwochenende deutlich: Während die Polizei auf Sylt bereits am Sonnabend Strandabschnitte wegen Überfüllung schließen musste, versammelten sich in Berlin Tausende Menschen zu einem Rave am Landwehrkanal. Größtenteils hielten sie keinen Mindestabstand ein und trugen keine Masken. Sie feierten auf zahlreichen Schlauchbooten, als gäbe es das Coronavirus nicht mehr.

Ein Twitter-Nutzer, der ein Video des Raves veröffentlichte, sagte sogar: „Berlin feiert den Sieg über Corona!“ Doch der Kampf ist noch nicht vorbei. Auch wenn die Infektionszahlen relativ niedrig sind, liegt seit Samstag die Reproduktionszahl wieder über dem kritischen Wert von 1,0. Und Fälle wie die privaten Partys in Göttingen vor einigen Tagen zeigen, wie sich dutzende Menschen an nur einem Event anstecken können, wenn die Hygieneregeln missachtet werden.

Ansteckungsrisiko laut Mannheimer Studie deutlich geringer eingeschätzt

Doch warum ist die Akzeptanz der Corona-Gegenmaßnahmen überhaupt gesunken? Ein Teil der Antwort lässt sich anhand der veränderten Risikowahrnehmung erklären: Nur 44 Prozent finden laut der Erfurter Studie das Virus noch angsteinflößend. Ende März lag der Anteil noch bei 60 Prozent.

Bereitschaft zu Social Distancing verringert

Auch die sogenannte „Mannheimer Corona-Studie“ von Wissenschaftlern der Universität Mannheim zeigt, dass die Wahrnehmung des Virus als Bedrohung spürbar nachgelassen hat. Auf einer Skala von 0 (überhaupt keine Bedrohung) bis 100 (extreme Bedrohung) lag der Mittelwert im März noch bei mehr als 50, Ende Mai jedoch nur bei knapp über 30. Zudem wird das Ansteckungsrisiko inzwischen als deutlich geringer eingeschätzt: Während die Befragten Mitte März im Schnitt mit 17 Infizierten unter 100 Menschen rechneten, sind es aktuell nur noch drei.

Die Mannheimer Studie zeigt, dass sich auch die Bereitschaft zu Social Distancing verändert hat. Ende März und Anfang April gaben noch bis zu 70 Prozent der Befragten an, sich in den vergangenen sieben Tagen gar nicht mit Freunden, Verwandten und Bekannten getroffen zu haben. Ende Mai war es nur noch jeder Fünfte (20 Prozent). Die Anzahl an Menschen, die sich innerhalb einer Woche mehrmals oder einmal mit anderen trafen, stieg indes auf jeweils knapp 40 Prozent.

Wirtschaftlicher Schaden höher als gesellschaftlicher Nutzen?

Die Umfrage der Universität Erfurt hat auch untersucht, worüber sich Menschen Sorgen machen. Während die Befragten im März und Anfang April noch Angaben, dass sie sich auf einer Skala von 1 (sehr wenige Sorgen) bis 7 (sehr viele Sorgen) noch viele Sorgen (Skalenwert über 5) um eine Überlastung des Gesundheitsystems machten, sank der Wert bis Ende Mai auf 4,23. Die Werte zu Sorgen über einen Konkurs kleiner Unternehmen und einer wirtschaftlichen Rezession blieben hingegen konstant bei über fünf.

Das Spannungsverhältnis zwischen wirtschaftlichem Schaden und gesellschaftlichen Nutzen untersuchte auch die Mannheimer Corona-Studie. Das Ergebnis: Waren es Ende März noch 27 Prozent, die den wirtschaftlichen Schaden der Maßnahmen höher einschätzten als ihren gesellschaftlichen Nutzen, ist der Anteil der Befragten inzwischen auf bis zu 50 Prozent gestiegen.

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