Alice im Wunderland des Tanzes

Theater Dortmund

In einer Fantasie-Welt aus 3D-Videos lässt Mauro Bigonzetti in Dortmund „Alice“ tanzen. So verrücktes Tanztheater hat man noch nicht gesehen.

Dortmund

, 11.02.2018, 16:55 Uhr / Lesedauer: 2 min
Einen Pas-de-sept, so irrwitzig und virtuos getanzt, hat man im Ballett noch nicht erlebt. Mauro Bigonzetti schüttet in Dortmund für „Alice“ ein Füllhorn an verrückten Ideen aus.Foto:

Einen Pas-de-sept, so irrwitzig und virtuos getanzt, hat man im Ballett noch nicht erlebt. Mauro Bigonzetti schüttet in Dortmund für „Alice“ ein Füllhorn an verrückten Ideen aus.Foto: © Hickmann

Im Disney-Film „Alice im Wunderland“ erkennt jeder sofort die Grinsekatze, das weiße Kaninchen und die Herzkönigin. Starchoreograf Mauro Bigonzetti fordert von den Zuschauern seines Balletts „Alice“ mehr Fantasie: Der 57-jährige Italiener schubst die Ballettfreunde in eine Fantasy-Welt, in der nur die große und die kleine Alice, der Hutmacher (Michael Samuel Blasko), der mit einem Zylinder am Fuß virtuos in das Leben der Mädchen tanzt, und die Zwillinge, die am Zopf verbunden sind, gut zu identifizieren sind.

Die anderen Figuren – das weiße Kaninchen mit Taktstock, die Königin im Reifrock, Katzen, Raupe, Schildkröte und Siebenschläfer – sind stilisierte Fantasiewesen. Helena de Medeiros hat sie in tolle Designer-Kostüme gesteckt.

Spektakuläre Bewegungen

Es ist ein Wunderland des Tanzes, das Bigonzetti knapp vier Jahre nach der Uraufführung in Stuttgart mit Bühnen-, Video- und Lichtdesigner Carlo Cerri und dem Ooopstudio im Dortmunder Opernhaus auf die Bühne gebracht hat. Ein Tanztheater zum Staunen mit Bildern in 3D-Animationen und einem spektakulären Bewegungskanon.

So etwas hat man noch nicht im Ballett gesehen. Und das liegt auch daran, dass die Musiker, die süditalienische Gruppe Assurd sowie Antongiulio Galeando und Enza Pagliara, kostümiert zu Darstellern auf der Bühne werden.

Artistisch herausfordernd

Und daran, dass die vortreffliche Dortmunder Compagnie eindrucksvoll zeigt, dass sie derart anspruchsvolles, auch artistisch herausforderndes Ballett in Perfektion präsentieren kann. Das Premierenpublikum am Samstag war zutiefst fasziniert.

„Alice“ ist – anders, als der Titel nahelegt – kein Kinderballett, sondern ein Ereignis für Erwachsene. In einer Bibliothek macht Bigonzetti die Figuren auf Papier zu Wesen aus Fleisch und Blut. Und in einer Gemäldegalerie zoomt er in großen, goldenen Bilderrahmen die Räume heran, in denen Alice im Traum wundersame Abenteuer erlebt. Ein sehr gelungenes Beispiel für den Einsatz von Videos im Theater.

Bilderbogen

Bigonzettis zweieinhalbstündiges Tanztheater ist ein Bilderbogen, eine Folge von Szenen, die austauschbar sind und auch nicht der Reihenfolge in Lewis Carrolls Büchern „Alice im Wunderland“ und „Alice hinter den Spiegeln“ entsprechen.

Die große und kleine Alice sind eine Einheit, zwei Mädchen, die Körper an Körper durchs Abenteuerland tanzen. Jana Nenadovíc, Tänzerin der großen Alice, hatte sich bei der Generalprobe verletzt.

Tänzerin der Uraufführung sprang ein

Für sie sprang Anna Süheyla Harms von der Gauthier Dance Company, ein, für die Bigonzetti 2014 diese Rolle kreiert hat. Verblüffend, wie synchron sie mit der großartigen Ida Kallanvaara als kleine Alice tanzte. Und beide Ballerinnen zeigten wunderbar Neugier und Abenteuerlust der Titelfigur.

Giacomo Altovino ist als Kaninchen mit weißem Felllätzchen – ein Nager mit Raubtierherz, ein temperamentvoller, virtuos getanzter Beschützer der Alice.

Virtuosität

Virtuosität ist überhaupt in diesem verrückten Ballett Bigonzettis großes Thema. Der Pas-de-Sept, den er für sieben verschlungene Körper choreografiert hat, ist ein irrwitziges tänzerisches Bravourstück – wie auch die Teezeremonie, ein Sitzballett bei der glatzköpfigen Königin (tolle Ausstrahlung: Sae Tamura).

Und auch der Pas-de-deux von Katze und Kater (sehr geschmeidig in den Bewegungen: Denise Chiaroni und Giuseppe Ragona sind Beispiele dafür, wie genau Bigonzetti die Charaktere zeichnet, aber trotzdem viel Raum für Fantasie lässt.

Süditalienische Fiesta

Die süditalienische Musik macht das britische Märchen zu einer Fiesta und unterstreicht mit Spieluhr-Klängen auch das Märchenhafte der farbigen Fantasiewelt.

Riesenjubel für Bigonzetti. Und der Weltstar war bei den Proben von der tollen Dortmunder Company so begeistert, dass er für sie nun ein neues Ballett kreieren will.

Termine: 16./ 22. 2., 2. / 9. / 18. / 21. / 31. 3., 19. / 21. / 27. 4., 4. /19. 5., 2. / 22. 6., 27. 6.; Karten: Tel. (0231) 5027222.www.theaterdo.de
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