Altenheime in NRW wieder offen - Kritik an komplizierten Auflagen

Corona-Exit

Um einen Ansturm zu vermeiden, sind Besuche in Altenheime seit dem heutigen Samstag wieder möglich. Wegen der geringen Vorbereitungszeit gibt es jedoch viel Kritik der Betreiber.

Düsseldorf

09.05.2020, 08:15 Uhr / Lesedauer: 3 min
Mit der Aufhebung des Besuchsverbots sind aufwendige Schutzvorkehrungen verbunden, wie Besucherboxen mit ausreichend Abstand und Abtrennungen etwa durch Plexiglasscheiben.

Mit der Aufhebung des Besuchsverbots sind aufwendige Schutzvorkehrungen verbunden, wie Besucherboxen mit ausreichend Abstand und Abtrennungen etwa durch Plexiglasscheiben. © picture alliance/dpa

Bewohner der Alten- und Pflegeheime in Nordrhein-Westfalen dürfen überraschend schon seit Samstag wieder Besuch bekommen. Angekündigt war die lang ersehnte Öffnung nach wochenlanger Corona-Isolation eigentlich erst zum Sonntag, also Muttertag.

Kein Besucheransturm

Öffentlich verkündet hatte das NRW-Gesundheitsministerium den vorgezogenen Termin nicht. Auch Heime zeigten sich davon überrascht. Zu einem Besucheransturm in den mehr als 2200 vollstationären Einrichtungen mit rund
170 000 Bewohnern kam es zumindest am Samstag offenbar nicht.

Dass Väter, Mütter und Großeltern in Pflegeheimen wegen der Corona-Gefahr wochenlang keinen Besuch im bekommen dürfen, „war mit das Schmerzhafteste, das wir entscheiden mussten“, sagte NRW-Ministerpräsident Armin Laschet (CDU) in Bochum. Er habe Briefe bekommen von Menschen, die gesagt hätten, ihr Vater oder Mutter habe „den Lebenswillen verloren, weil keiner mehr gekommen ist“, sagte Laschet. „Das sind auch Opfer der Krise, die wir gerade durchleben“.

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Am Wochenende werde es für viele nun wieder eine Begegnung geben können. Die Sprecherin der Malteser Rhein-Ruhr, Olga Jabs, wusste zunächst gar nicht, dass Alten- und Pflegeheime einen Tag früher öffnen dürfen. Die 17 Heime der Malteser in NRW seien aber vorbereitet gewesen. „Uns hätte es nicht unvorbereitet erwischt“. Laut Olga Jabs kam jedoch am Samstag noch niemand zu Besuch. Wahrscheinlich hätten gar nicht so viele Angehörige von der Änderung erfahren.

Kritik an Öffnungspolitik

Das Heim der Arbeiterwohlfahrt in Heinsberg blieb dagegen am Samstag für Besuche noch geschlossen. Geschäftsführer Andreas Wagner begründete das unter anderem mit der Rücksicht auf die Mitarbeiter. „Die haben wir in letzter Zeit ohnehin über die Maßen in Anspruch genommen.“ Er kritisierte die Öffnungspolitik der Landesregierung für die Heime.

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So einfach, wie die Politik sich das vorstelle, sei es nicht. Die Organisation habe zwei Tage in Anspruch genommen, es sei „enormer Aufwand“, die Besuche zu koordinieren. Angehörige wurden in Heinsberg angerufen und Termine im Halbstundentakt vergeben. So werden am Muttertag etwa 40 der 120 Heimbewohner Besuch bekommen, die anderen in der kommenden Woche.

„So spontan hätten wir es nicht leisten können“

Statt normalerweise vier Mitarbeiter je Schicht würden am Sonntag 20 eingesetzt, sagte Wagner. Als er von der Besuchsmöglichkeit schon ab Samstag erfahren hat, habe er „mit Kopfschütteln“ reagiert, sagte der Geschäftsführer. „So spontan hätten wir das nicht leisten können. Seit zehn Wochen sind wir dicht, da kommt es auf einen Tag auch nicht an. Wir können uns nicht überschlagen.“

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Dennoch seien viele Bewohner in der Zeit nicht völlig isoliert gewesen, es habe etwa Gespräche über den Balkon gegeben. Zugleich betonte Wagner: „Es ist noch lange nicht alles normal.“ Um den Öffnungstermin hatte es Verwirrung gegeben. Noch am Dienstag hatte Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) angekündigt, das seit Mitte März geltende Besuchsverbot wegen der Corona-Pandemie werde zum Muttertag aufgehoben.

In Kürze der Zeit keine Hygienskonzepte möglich

In der Coronaschutzverordnung vom 6. Mai steht allerdings, dass die Lockerungen in stationären Gesundheits- und Pflegeeinrichtungen bereits am 9. Mai in Kraft treten. „Das ermöglicht den Heimen, Besucherströme am Muttertagswochenende besser zu steuern und kann letztlich für eine Entlastung sorgen“, begründete ein Ministeriumssprecher den Termin. Laut Verordnung darf jeder Bewohner maximal einen Besuch pro Tag empfangen - maximal zwei Personen.

Die schnelle Öffnung der NRW-Altenheime nach langem Besuchsverbot stößt bei Einrichtungen im Land wegen der geringen Vorbereitungszeit auf Skepsis und Kritik. Christian Woltering, Geschäftsführer beim Paritätischen Wohlfahrtsverband NRW, sagte: „Viele Heime können in der Kürze der Zeit gar keine entsprechenden Hygienekonzepte umsetzen.“

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Mit der Aufhebung des Besuchsverbots sind aufwendige Schutzvorkehrungen verbunden; etwa die Anmeldung und ein Gesundheits-Kurzscreening aller Besucher etwa auf Fieber oder Schnupfen sowie Besucherboxen mit ausreichend Abstand und Abtrennungen etwa durch Plexiglasscheiben, Begleitung auf dem Weg durch die Heime und gründliche Desinfektion nach dem Besuch.

„Gesundheitsminister weit vorgeprescht“

Die Besuchszeit wird begrenzt - meist auf 20 bis 30 Minuten. Laumann sagte am Freitagabend, er verstehe die Sorge der Pflegeheime. Aber: „Auch soziale Isolation kann erhebliche Schäden verursachen.“ Und es gebe eine Reihe unterschiedlicher Möglichkeiten, Besuche innerhalb und außerhalb der Heime anbieten zu können.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz riet, sich vorab genau über die jeweiligen Besuchsmöglichkeiten zu informieren. Der Gesundheitsminister sei weit vorgeprescht, sagte Vorstand Eugen Brysch. „Nicht jedes Heim ist auf einen Ansturm vorbereitet

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