Apotheken in der Corona-Krise: “Wir sind es, die Fake News korrigieren”

Coronavirus

Apotheken müssen während der Corona-Krise viele falsche Informationen widerlegen, sagt Apotheker Franz Stadler im Interview. Desinfektionsmittel trinken, Medikamente hamstern und mehr.

von Anna Schughart

, 26.08.2020, 21:15 Uhr / Lesedauer: 4 min
In der Corona-Krise kam es zu Lieferengpässen bei Medikamenten.

In der Corona-Krise kam es zu Lieferengpässen bei Medikamenten. © picture alliance/dpa

Herr Stadler, im Vergleich zu anderen Ländern ist Deutschland bisher eher glimpflich durch die Corona-Krise gekommen. Die Krankenhäuser etwa waren nicht überlastet. Können Sie diesen Eindruck auch aus Sicht der Apotheken bestätigen?

Ich denke auch, dass wir bisher gut durch die Krise gekommen sind. Aber das war nur der Fall, weil wir vor Ort noch – und ich betone noch – die nötigen Strukturen hatten, um das zu managen. Gerade sind wir aber dabei, diese Vor-Ort-Kapazitäten und Kompetenzen zu reduzieren. Die Zahl der Apotheken sinkt.

Das ist noch nicht dramatisch, aber man muss begreifen, dass es die Apotheken sind, die die Arzneimittelversorgung vor Ort leisten und die zur kritischen Infrastruktur gehören. Wir sind es, die beispielsweise Desinfektionsmittel hergestellt haben, die Fake News korrigieren, die Nacht- und Notdienste machen – nicht die Versandapotheken. Die schicken einfach die Ware raus, ohne mit den Menschen zu kommunizieren.

Welche Gespräche haben Sie denn in der Corona-Krise mit Ihren Kunden geführt?

Es gab ja alle möglichen Geschichten, was gegen das Virus helfen sollte: Desinfektionsmittel trinken und sonst was. Die Kunden waren einfach massiv verunsichert und wussten nicht, was sie tun sollen. In so einem Fall müssen wir dann vor Ort lange Gespräche führen und erklären, was wirklich sinnvoll ist. Wir haben zum Beispiel auch viel über Maskentypen aufgeklärt: Es gab Kunden, die wollten unbedingt eine FFP3-Maske mit Atemventil – obwohl man damit ungefilterte Luft ausatmet und seine Mitmenschen gefährdet.

Anfang März sind wir auch richtig überrannt worden, weil die Menschen sich Vorräte anlegen wollten. Da kommt dann ein Patient und will zehn Packungen Paracetamol kaufen, weil er gehört hat, es würde ausgehen. Vor Ort können wir davon abraten und sagen: “Nehmen Sie eine und wenn Sie wieder welche brauchen, bekommen Sie noch eine.” Eine Versandapotheke tut das nicht, die verkauft, bis sie nichts mehr hat.

Dass sie ein bestimmtes Medikament in der Apotheke nicht erhalten, ist allerdings eine Erfahrung, die viele Kunden machen. Wie entstehen solche Lieferengpässe?

Das ist ein sehr komplexes System, in dem vieles miteinander zusammenhängt. Aber die Apotheke hat definitiv keine Schuld. Wir können nur das bestellen, was in Deutschland verfügbar ist. Die Lieferengpässe sind auch dadurch entstanden, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Produktion der Wirkstoffe fast komplett nach Asien abgewandert ist.

In der Corona-Zeit ist das zum Beispiel verstärkt zum Problem geworden, weil Indien keine Wirkstoffe mehr ausgeliefert hat. Auch Wuhan ist eine Zentrale der Arzneimittelherstellung, wenn von dort nichts mehr geliefert wird, ist die ganze Kette unterbrochen.

Medikamenten-Lieferengpässe gab es ja aber auch schon vor Corona …

Ja, das hat in den vergangenen Jahren nach meiner Erfahrung enorm zugenommen. Das liegt auch daran, dass Deutschland im generischen Bereich, also bei den Nachahmer-Medikamenten, inzwischen zu einem Billigland verkommen ist. Deutschland hat mit die günstigsten Erstattungspreise.

Trotzdem muss die gesamte Lieferkette funktionieren. Wenn es aber zu einer Produktionsunterbrechung kommt, zum Beispiel, weil eine Charge verunreinigt ist oder es ein Erdbeben gegeben hat, wird die Ware knapp und Deutschland nicht bevorzugt beliefert. Das ist ein ganz normales marktwirtschaftliches Geschehen.

Sie machen dafür die sogenannten Rabattverträge verantwortlich. Dabei gewährt ein Pharmahersteller einer Krankenkasse einen Rabatt auf den Herstellerabgabepreis. Im Ausgleich dafür sollen alle Kunden der betreffenden Krankenkasse das Medikament dieses Herstellers bekommen. Die Krankenkassen argumentieren: Das verschaffe den Herstellern Planungssicherheit – und verhindere so Lieferengpässe.

Wenn das so wäre, dann hätten wir ja keine Lieferengpässe. In Zeiten von Corona gab es aber in meiner Apotheke bis zu 500 Arzneimittel, die wir nicht bestellten konnten. Das schwankt sehr, manchmal sind es mehr, manchmal weniger. Allerdings gibt es derzeit in der Corona-Zeit zumindest die Notfall-Regelung, dass wir ohne großen bürokratischen Aufwand ein Ersatz-Medikament abgeben dürfen.

Unter Normalbedingungen sind wir Apotheker aber verpflichtet, die Rabattverträge einzuhalten. Denn die Krankenkassen sparen damit Milliarden. Was aber übrigens nicht dazu führt, dass die Kosten des Gesamtverbrauchs an Arzneimitteln sinken. Denn die patentgeschützten Arzneimittel werden im Gegenzug immer teurer.

Für eine solche Preis-Diskussionen hat dabei zuletzt auch die Summe gesorgt, die das Unternehmen Gilead für sein Covid-19-Medikament Remdesivir festgelegt hat: Rund 2000 Euro soll eine Behandlung in den USA kosten. Sind solche Preise – aus Ihrer Sicht – gerechtfertigt?

Das müsste man im konkreten Fall prüfen und es wäre die Aufgabe der Zulassungsbehörden, sich diese Kalkulation offenlegen zu lassen. Aber der Druck und die Erwartungen sind sehr groß. Das ist momentan auch das Problem bei den Impfstoffen: Die Hoffnung auf eine möglichst baldige Zulassung ist sehr groß. Doch die Arzneimittelsicherheit muss vorgehen, man kann nicht jedes Verfahren ohne Qualitätsverluste beliebig beschleunigen.

Im Prinzip ist das doch bei jedem Medikament eine ähnliche Frage, oder? Wie stellt man sicher, dass eine Notlage nicht finanziell ausgenutzt wird?

Deutschland ist eines der wenigen Länder, das den Herstellern bei der Neueinführung eines Medikaments eine weitgehend freie Preisgestaltung zugesteht. Weil die pharmazeutischen Unternehmen mit den Generika nichts mehr oder nur wenig verdienen, gehen die Preise bei den patentgeschützten Medikamenten immer weiter nach oben. Hier fehlt jede Transparenz bei der Preisgestaltung.

Daneben wäre meiner Meinung nach ein weiterer Schlüssel, eine flexiblere Gestaltung des Patentschutzes. Im Schnitt haben Hersteller rund 12 Jahre einen exklusiven Marktzugang. Man könnte also zum Beispiel sagen: Wenn die Preise zu hoch sind, dann wird eventuell der Patentschutz verkürzt.

Ich bin aber auch der Meinung, das gewisse – unwirtschaftliche – Arzneimittelforschung und -entwicklung mehr vom Staat gefördert werden müssten. Wenn die Gewinnaussichten gering sind, dann wird nämlich oft nicht viel geforscht. Viele Unternehmen haben zum Beispiel die Antibiotika-Forschung stark zurückgefahren, weil das Preisniveau zu niedrig wäre.

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Im Zuge der Corona-Krise wurde auch darüber diskutiert, ob man die Medikamentenproduktion nach Europa zurückholen sollte. Wäre das aus Ihrer Sicht eine Lösung des Problems?

Es wäre schon sinnvoll, wenn mehr Produktion zurückkommt. Allerdings muss man sagen: Die Abwanderung nach Asien war ein jahrelanger Prozess. Es ist eine Illusion zu sagen: Nächstes Jahr produzieren wir wieder in Europa. Das dauert in jedem Fall länger. Deshalb ist meine Hauptforderung ein nationales Arzneitmitteldepot, in dem man Medikamente für eine drei bis sechs Monate lange Versorgung einlagert – vergleichbar mit den Ölreserven. Das ist wesentlich schneller umsetzbar als die gesamte Wirkstoffproduktion nach Europa zu holen.

RND

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