Aus „Angst vor dem Angeklagten“: Marvin wird vorerst nicht befragt

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Im Prozess um den Fall Marvin wurde die Zeugenvernehmung des Teenagers am Montag kurzfristig wieder abgesagt. Der 16-Jährige wollte nicht im Beisein seines mutmaßlichen Peinigers aussagen.

Bochum

, 06.07.2020, 17:24 Uhr / Lesedauer: 2 min

Ziemlich genau 200 Tage nach seiner zufälligen Entdeckung im Schrank des Angeklagten Lars H. aus Recklinghausen war der heute 16 Jahre alte Marvin am Montag erstmals wieder im gleichen Raum wie sein mutmaßlicher Peiniger. Zu einer direkten Begegnung „Auge in Auge“ kam es aber vorerst nicht. Denn genau dieses Szenario ist am Bochumer Landgericht zurzeit umstritten.

Nebenklage-Anwältin Marie Lingnau möchte jedwede Gefahr für das Wohl von Marvin durch eine erneute Konfrontation mit dem Angeklagten unbedingt vermeiden und hat deshalb beantragt, dass der 45-Jährige für die Dauer der Zeugenvernehmung Marvins den Sitzungssaal verlassen muss. Die Wahrheitsfindung sei gefährdet, Marvin selbst gehe es nicht gut, argumentiert Anwältin Lingnau: „Eine Aussage im Beisein des Angeklagten ist eine große Belastung für ihn, das treibt ihn jetzt natürlich schon wieder das ganze Wochenende rum.“

Marvin wurde ohne den Angeklagten im Saal befragt

Gericht und Staatsanwaltschaft halten die Voraussetzungen für eine „Rote Karte“ für den Angeklagten im Strafprozess zwar durchaus für möglich, aber nur in begründeten Ausnahmefällen. Im Fall Marvin seien die Kriterien dafür aktuell jedoch nicht für erfüllt. Der Antrag von Marvins Anwältin wurde abgelehnt. Marie Lingnau wiederum hat dagegen sofort Beschwerde, unter anderem beim Oberlandesgericht Hamm, eingelegt.

Um sich selbst ein Bild vom Gemütszustand und der Frage möglicher Trauma-Gefahren durch eine Konfrontation mit dem Angeklagten in ein und demselben Saal zu machen, haben die Bochumer Richter Marvin am Montag für rund 20 Minuten befragt. Nicht öffentlich. Und auch ohne den Angeklagten im Saal. Zwischen dem Platz, auf dem Lars H. bis 10.50 Uhr noch saß (sich abwechselnd Notizen machte und mit dem Kopf schüttelte) und dem Zeugenstuhl, auf dem um kurz nach 11 Uhr Marvin saß, lagen rund sechs Meter. Den Gerichtssaal A0.15 haben beide (nacheinander und ohne Blickkontakt) über denselben Zugang betreten.

Marvin habe „Angst vor dem Angeklagten“ geäußert

Im Anschluss an die Befragung des Teenagers verkündete Richter Stefan Culemann am frühen Nachmittag: „Mit Blick auf die Beschwerde soll der Nebenkläger (Marvin) vorerst nicht vernommen werden.“ Ein konkreter Ausweich-Vernehmungstermin wurde nicht festgelegt. Marvin habe unter anderem „Aufgeregtheit“, „Nervösität“ und „Angst vor dem Angeklagten“ geäußert, hieß es, außerdem die Befürchtung, dass er sich in dessen Beisein nicht mehr an alles erinnern könne. „

Man hat ihm angesehen, dass es ihm richtig schlecht geht und der Angeklagte war ja heute nicht dabei“, sagte Anwältin Lingnau. Sie hofft nun, dass Marvin erst dann wieder als Zeuge vorgeladen wird, „wenn über die Beschwerde abschließend entschieden ist“.

Lars H. soll den anfangs 13-jährigen Marvin laut Anklage zweieinhalb Jahre in seiner Wohnung im Süden von Recklinghausen versteckt und in 475 Fällen sexuell missbraucht haben. Zu den Vorwürfen schweigt der 45-Jährige. Mit einem Urteil ist frühestens im Oktober zu rechnen.

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