Aus Frust wird Aggression

Theater Dortmund

Schlaglichter zur deutschen Befindlichkeit aus der Feder von Franz Xaver Kroetz, da und dort erweitert und satirisch noch etwas greller übermalt. "Furcht und Hoffnung in Deutschland: Ich bin das Volk" hat Wiebke Rüter (Regie) ihre Bilder von Frust und Aggression für das Schauspiel Dortmund betitelt.

DORTMUND

, 18.12.2016, 17:09 Uhr / Lesedauer: 2 min
Im deutschen Wald sprießt die Wut der zu kurz Gekommenen. Per Video sehen wir Marlena Keil und Ekkehard Freye.

Im deutschen Wald sprießt die Wut der zu kurz Gekommenen. Per Video sehen wir Marlena Keil und Ekkehard Freye.

In seiner Wohnung hat der Arbeitslose Willi (Ekkehard Frey) schwer zu knacken an seiner Situation. In seinen Monologen gehen Selbstmitleid und Sarkasmus wild durcheinander. Mal sieht er sich als Versuchstier der Herren Politiker, dann wirft er sich in die Brust, er habe zu viel, solle sich schämen, sei zu faul. Was der blanke Hohn ist.

Dumpfe Wut

Mit "Furcht und Hoffnung der BRD" gab Kroetz 1984 denen eine Stimme, die eigentlich sprachunfähig sind und aus dem Bauch heraus dumpfe Wut formulieren.

Willi, der zu kurz Gekommene, schwadroniert sich in Rage, fantasiert sich in die Rolle des Gekreuzigten, will sich vor dem Arbeitsamt anzünden. Seine Frau Martha (Marlena Keil) probiert es mit Gleichmut. "Und Cut!" Julia Schubert spielt eine Dokumentarfilmerin, die das Leben der Proleten für einen Sender einfangen soll.

Wie eine Doku-Soap

Durch diesen Kniff sehen Willi und Martha wie traurige Helden einer dieser unsäglichen Doku-Soaps aus. Schuberts Filmemacherin steht für alle Künstler, die angesichts der Wirklichkeit nur Schablonen und Klischeeformate produzieren.

In einem Telefonat faselt sie von "Relevanz", hat aber nur idiotische Ideen: Burka-Frauen zur Musik von "Sexy, and i know it"? "Natürlich ist das platt. Ich will auch mal ’ne Staatskrise auslösen wie der Böhmermann!"

Ermahnung zur Ausgewogenheit

Der Kulturbetrieb hat die Flinte also schon ins Korn geschmissen, angesichts von Flüchtlingen und "German Angst". Und die Journaille (von Kroetz 1994 in "Ich bin das Volk" beschrieben) taucht ab, als Wohnheime brennen und rechte Bauernfänger Stimmung gegen Ausländer machen.

So vergattert die Rundfunk-Chefin (Keil) ihr Team zur "Ausgewogenheit". "Es brennt viel in Deutschland. Wo viele Ausländer sind, brennen eben auch die." Gewissermaßen als Zeichen ihrer Integration. Nicht jede Zündelei habe einen politischen Hintergrund, da gelte es, fein abzuwägen! Galliger kann Humor nicht sein.

Groteske und Farce

Das Stück (Premiere war Samstag im Megastore) pendelt zwischen Groteske, böser Farce, Polit-Comedy, wenn es dem deutschen Michel den Angstpuls fühlt: Ich hab keinen Job, und jetzt kommen die Fremden!

Die Szenen sind flüssig montiert, der Einsatz von Video und Live-Kamera macht Sinn, fliegend wechselt das groß aufspielende Trio in diverse Rollen. Ein schmerzlich komisches Panoptikum deutscher Wüteriche, nahe am Tagesgeschehen.

Termine: 23.12., 29.1.; Karten: Tel. (0231) 5027222.

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