Benedikt Stampa erlebte im Konzerthaus zwölf glückliche Jahre

Interview mit dem Intendanten

Zwölf Jahre ist Benedikt Stampa Intendant und Geschäftsführer des Dortmunder Konzerthauses. Nach der Sommerpause beginnt sein letztes Jahr in Dortmund. Zur Saison 2019/2020 wird er Intendant des Festspielhauses Baden-Baden. Julia Gaß sprach mit dem 51-Jährigen über Abschied und Anfang.

DORTMUND

, 01.08.2017 / Lesedauer: 5 min
Benedikt Stampa erlebte im Konzerthaus zwölf glückliche Jahre

Benedikt Stampa, Intendant des Dortmunder Konzerthauses, wird 2019 Intendant des Festspielhauses Baden-Baden.

Die „Dortmunder Dramaturgie“ im Konzerthaus ist von allen Kandidaten, die in der engeren Wahl waren, Ihr Nachfolger in Dortmund zu werden gelobt worden. Was nehmen Sie aus Dortmund mit nach Baden-Baden? Zunächst einmal nehme ich mich selbst mit nach Baden-Baden, denn ein Konzerthaus-Programm ist immer auch persönlich beeinflusst. Ich will und kann mich nicht neu erfinden. Aber ich werde mich auf den Ort Baden-Baden einlassen, der geprägt ist von Geschichten und großartigen Künstlern. Es gibt etwas, das spezifisch Baden-Baden ist. Das, zusammen mit meinen eigenen Prägungen, ergibt das neue Programm.

Das Publikum in Dortmund kennen Sie. In Baden-Baden gehören zu den Besuchern viele Russen und Araber. Ist es schwieriger, für diese reichen Leute ein Programm zu entwickeln? Baden-Baden lebt von zwei Publikumskreisen. Mittlerweile habe ich gelernt, dass mehr als 60 Prozent der Besucher aus der Region kommt – ähnlich wie im Konzerthaus Dortmund. Ein anderer Großteil rekrutiert sich aus dem Bundesgebiet, ein weiterer nicht unbeträchtlicher Teil aus der ganzen Welt. Im Grunde genommen will das Publikum großartige Musik in einem ebenso ansprechenden Ambiente hören, aufgeführt von den besten Musikern. In Dortmund sind wir sehr publikumsnah, in Baden-Baden wird das auch eine Rolle spielen.  

Wenn Sie in Dortmund durchs Foyer gehen, werden Sie oft angesprochen. Das Publikum ist offen und direkt. Rechnen Sie damit, dass es in Baden-Baden auch so sein wird? Ich hoffe es! Wir haben uns in Dortmund diesen Status erarbeitet, es ist im Publikum eine Art Fangemeinde entstanden. Warum soll das nicht auch in anderen Regionen möglich sein?

Wenn Sie auf die zwölf Jahren in Dortmund zurückblicken. Welche Jahre waren die schwersten? Ehrlich gesagt, gab es keine schweren Jahre. Es lief von Anfang an gut. Ich habe damals für mich den Satz geprägt „Wir erleben in Dortmund Lucky Times“ (Anm. der Redaktion „Glückliche Zeiten“). Es kam in jedem Jahr mehr Publikum, wir hatten aufsteigende Winde, es gab tolle Kampagnen, die Künstler wurden internationaler und immer hochkarätiger. Diese Entwicklung hat bis heute angehalten.

Selbst im Finanzkrisenjahr 2008, als wir zum Beispiel Sponsoren für Cecilia Bartolis „Norma“-Debüt suchten, wurde uns von den Partnern aus der Wirtschaft signalisiert: „Wir sind dabei, auch wenn es nicht so viel sein kann“. Esa-Pekka Salonen dirigierte als Residenzkünstler den „Tristan“, sein Nachfolger Yannick Nézez-Séguin war schon am Horizont – selbst in dieser schweren Zeit hat das Konzept gehalten. Aber selbst damals habe ich gesagt, es geht irgendwie weiter. Mich treibt ein Grundoptimismus an, und der ist im ganzen Haus vorhanden.  

Was waren die schönsten Momente? Das waren unzählig viele. Schön zu erleben war, dass die Formate, die wir erfunden haben, wie die „Zeitinseln“ oder „Junge Wilde“ künstlerisch und publikumswirksam, aufgegangen sind. Dann die spektakulären Sonderereignisse wie Bartolis „Norma“, „Tristan und Isolde“ und „Le Sacre“ mit Esa-Pekka Salonen, seine ganze Residenz. Yannicks Konzert mit der fünften Sinfonie von Schostakowitsch, bevor er zum Exklusivkünstler ernannt wurde – ein Traum.

Wie auch nicht weniger als sieben Yannick-Konzerte in der vorletzten Saison. Schöne Momente waren die großen Sänger, die konzertanten Opern, die Berliner Philharmoniker, die sogar mit Werken von Ligeti in einem ausverkauften Haus gespielt haben. Schön war es, Teodor Currentzis mitentdeckt zu haben, seinen Mozart-Zyklus nach Dortmund zu holen, die „Jungen Wilden“, die eine Weltkarriere gemacht haben. In Kammerkonzerten konnten sie sich bei uns austoben vor 800 bis 1000 Leuten, wo gibt es das auf der Welt? Das Haus ist ein Haus der Entdeckungen, der großen internationalen Konzerte und auch der kleinen, schönen Abende. Aber am schönsten ist für mich, dass wir uns das Vertrauen beim Publikum erarbeitet haben.

Gab es einen Moment, wo sie gesagt haben. Jetzt haben wir es geschafft. War das nach dem Kulturhauptstadtjahr 2010? Als Esa-Pekka Salonens Residenz begonnen hat? Viel früher! 2006/07 war meine erste eigene Saison. Als damals trotz aller Unkenrufe die Zuschauerzahlen nach oben gingen, habe ich gesagt, wir haben es geschafft. Hätte es einen Einbruch bei den Zuschauern gegeben, wäre es schwerer geworden. Aber es war zu spüren, dass Dortmund „sein“ Konzerthaus wollte. Wir füllen es mit Programm, und die Dortmunder kommen, weil sie das Haus sehr mögen.  

Ist das etwas, was Sie ihrem Nachfolger Raphael von Hoensbroech sagen: Die Dortmunder kommen, weil sie ihr Haus lieben? Ich denke das spürt jeder, der emphatisch ist. Als Intendant ist man gut beraten in ein Haus hineinzuhören. Wie in ein Orchester. Nur ist ein Konzerthaus viel komplexer als ein Orchester. Jeder Intendant sollte gut zuhören. Man darf nicht nur nach dem schauen, was bereits da ist, sondern muss auch überlegen was man investiert, was man weiterentwickeln kann.

Wie lange muss ein Intendant bleiben, um etwas weiterzuentwickeln? Zehn Jahre bestimmt. Fünf Jahre sind ein Zeitraum, in der vielleicht erste Linien vorgegeben sind, die man dann weiterziehen kann. In Dortmund war es wichtig sich diese Zeit zu nehmen. Nach zwölf Jahren sind wir hier jetzt in einem Entfaltungszustand.  

Haben Sie Fehler gemacht? Gab es Dinge, wo Sie im Nachhinein gesagt haben, das hätten wir nicht tun sollen? Wir haben damals die Zeitspannen für die Exklusivkünstler angepasst: von fünf Jahren auf vier, auf drei. Die ursprünglichen fünf Jahre waren zu lang. Vielleicht war es ein Fehler am Anfang zwei Exklusivkünstler gleichzeitig zu ernennen. Daraus entstand ein ungleicher Wettkampf zwischen zwei wirklich großartigen Künstlern, Fazil Say und Renaud Capucon. Wir haben erkannt, dass es besser ist, sich auf einen Künstler über drei Jahre zu konzentrieren. Das war ein Lerneffekt.  

Wie leid würde es ihnen das tun, wenn ein neuer Intendant die „Jungen Wilden“, das „Pop-Abo“ oder die „Zeitinseln“ abschafft. Das sind ja alles Ihre Kinder? Sie sind auch erwachsen geworden...  

Gibt es Künstler, von denen Sie sich verabschieden müssen, oder können alle nach Baden-Baden kommen? Im Prinzip können gerne alle kommen. In Baden-Baden müssen die Künstler jedoch einen sehr, sehr großen Saal füllen, der mit 2500 Plätzen zu den größten der Welt gehört. „Junge Wilde“ in so einem Saal, das ist eher schwer. Ist das nicht schade, dass Sie keinen Künstler mehr entdecken können? Und in erster Linie Anne-Sophie Mutter, Lang Lang und Netrebko programmieren?  

Ich glaube, dass es extrem schwierig ist in dieses hohe Weltstarniveau jemanden neu hineinzuführen, weil die Luft im Bereich der publikumswirksamen Künstler extrem dünn ist. Baden-Baden hat in den letzten Jahren immer wieder große Künstler hervorgebracht. Tatsächlich wird es aber die Herausforderung sein, eine nächste Generation von Superstars aufzubauen. In Bezug auf Dortmund gilt dies auch ähnlich.

Ist die Elbphilharmonie in Hamburg für Sie noch eine Option, oder wollen sie in Baden-Baden in Rente gehen? Och, die Rente ist noch so weit weg. Der Festspielort Baden-Baden ist einer der attraktivsten, interessantesten Hotspots des deutschen Musiklebens. Es ist ein historischer, kleiner Ort mit einer großen kulturellen Bedeutung und hohen Bekanntheitsgrad. Wer nach Baden-Baden kommt, fährt außerdem in Festspielorte wie Salzburg oder Aix-en-Provence. Hamburg ist eine Metropole wie London. Da gibt es eine andere Erwartungshaltung.