Benedikt Stampa macht seit zehn Jahren Konzerte zu Ereignissen

Konzerthaus Dortmund

Seit zehn Jahren ist Benedikt Stampa Intendant und Geschäftsführer des Dortmunder Konzerthauses. In dieser Dekade hat er Neuerungen eingeführt wie die „Zeitinseln“ und „Jungen Wilden“, die von anderen Häusern nun kopiert werden. Und er hat das Haus an die europäische Spitze geführt. Julia Gaß sprach mit dem 48-Jährigen über die vergangenen zehn Jahre und seine Zukunft in Dortmund.

DORTMUND

, 21.07.2015, 12:30 Uhr / Lesedauer: 3 min
Benedikt Stampa ist seit zehn Jahren Intendant vom Konzerthaus Dortmund.

Benedikt Stampa ist seit zehn Jahren Intendant vom Konzerthaus Dortmund.

Zehn Jahre sind Sie in Dortmund. Hätten Sie 2005 geglaubt, dass Sie so lange bleiben? (lacht) Nein, damals habe ich nicht geglaubt, dass ich länger als zwei Jahre bleibe. Jetzt kann ich es Ihnen ja erzählen: Ich habe in meinen ersten Vertrag schreiben lassen, dass ich ein halbes Jahr bezahlt werde – egal, was passieren wird. Aber ich habe von Anfang an einen fairen Umgang mit allen Menschen gespürt. Dieses Haus ist so wichtig und so sehr gewollt von so vielen Menschen, dass man mir die Chance gegeben hat, es weiterzuentwickeln.  

Ihr Vertrag läuft bis 2018. Wollen Sie darüber hinaus noch bleiben? (schmunzelt) Ich habe noch nichts gehört. Acht bis zehn Jahre sind für einen Intendanten heute normal. Das Musikleben verändert sich so rasant, dass es gut ist, wenn mit dem Intendanten eine Konstanz da ist. Und Dortmund ist von den großen Häusern nicht das schlechteste, in dem man arbeiten kann. Es ist seit Jahren stabil, und der Job des Intendanten ist einer der besten, die in der Branche zu vergeben sind.  

Es ist auffällig im Konzerthaus Dortmund, dass die Begeisterungsfähigkeit des Publikums in den Konzerten viel größer ist als in anderen Städten. Sie haben oft gesagt „Unser Parkett ist unsere Südtribüne“. Woran liegt das? Das ist echte Liebe, wie im Fußball. Wir haben hier so ein gewisses Grundrauschen und ein treues Klientel mit Besuchern, die drei, vier, fünf Abos haben. Wir haben eine Nähe zum Publikum geschaffen, eine Atmosphäre, die familiär und offen ist. Und das Publikum spürt die Qualität. Ich bin immer wieder erstaunt, wie genau unsere Zuhörer zuhören können. Das sagen auch die Musiker.

Und man muss Konzerte zu Ereignissen machen. Das haben wir in Dortmund geschafft. Man braucht Menschen wie Yannick, die mit ihrem Temperament alle mitreißen. Das Gegenteil ist Kirill Petrenko. Und auch von dem waren alle hier begeistert. Die Mischung macht‘s, Konzerthäuser sind nicht mehr nur Abspielbuden. Und die Künstler müssen sich hier zu Hause fühlen, das spürt das Publikum. Das Konzerthaus Dortmund hat bei den Künstlern einen besonderen Status.  

Ist die Entscheidung der Berliner Philharmoniker für Kirill Petrenko eine gute Wahl? Das ist eine Entscheidung pro musica. Vielleicht ist für ein Orchester, das so sehr auf dem Präsentierteller steht und so viele PR-Termine hat, ein Dirigent, der aus der Musik herauskommt, genau der Richtige.  

Petrenko hat im Konzerthaus Dortmund vor drei Jahren die Zeitinsel Rachmaninoff /  Skrjabin dirigiert. Wie schnell muss man als Intendant jetzt sein, wenn man ihn mit den Berliner Philharmonikern engagieren will? Wir sind mit ihm immer im Kontakt. Petrenko ist einer der wichtigsten Musiker, ein Sokolov der Dirigenten.  

Ein Publikumsliebling ist auch Ihr Exklusivkünstler Yannick Nézet-Séguin. Ist geplant, die Bildergalerie von Oliver Jordan mit einem Porträt von ihm zu ergänzen? Nein, wir haben jetzt andere Ebenen für eine Außendarstellung. Ganz wichtig ist die Lounge für unsere Exklusivkünstler. Yannick hat die ganz stolz seinem Management gezeigt, als er mit dem Philadelphia Orchestra da war, und gesagt, so etwas möchte er auch in Philadelphia haben. Oder da steht dann ein Valery Gergiev vor dem Riesenbild von Yannick. Die Riesenwand beeindruckt alle. Die Fotos, die da entstehen, werden in sozialen Netzwerken gepostet und oft geteilt. Yannick ist zum Beispiel ein großer Facebooker.  

Ihr Motto „Stell Dich der Klassik“ geht in die zweite Saison. Hat das etwas bewirkt? Ja, wir haben sechs Prozent Neukunden gewonnen. Bei der „Happy Hour“ war der Saal voll mit Erstkunden. Es ist wichtig, die wieder anzusprechen und dann eine gute Mischung zu schaffen von Bestandskunden und Neukunden. Wir werden das systematisch ausbauen in der nächsten Saison, danach stehen unsere beiden anderen großen Themen „So klingt nur Dortmund“ und „Musik für alle“ wieder im Vordergrund.

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Und die Zahl der Abonnenten ist auch gestiegen. Ja, und der Trend geht zum Wahlabo, aber unsere Zuschauer kaufen auch Konzerte mit anspruchsvoller, schwieriger Musik. In den zwölf Jahren, in denen es das Konzerthaus gibt, haben sich viele Besucher eine Meinung über klassische Musik gebildet. Und wir mischen das Publikum. Wir verkaufen höchstens 500 Abos für ein Konzert, der Rest kommt durch den freien Verkauf dazu. Dadurch erstarrt ein Konzert nicht in Abos.  

Während andere noch Education-Programme für Kinder pflegen, setzen Sie auf musikalische Bildung der Erwachsenen. Ist das die Zukunft? Wir engagieren uns ja auch für Jekiz, aber wir wollen das Publikum anregen, über Musik nachzudenken und zu reden – ohne uns anbiedern zu wollen. Wir haben in Dortmund so tolle Leute dafür. Acht Abende mit Michael Stegemann über Mozarts Da-Ponte-Opern – wo bekommt man das, außer an der Uni?  

Welche Saison planen Sie gerade? 2016 / 17 ist durch, an 2017 /18 arbeiten wir gerade, für 2018 / 19 stehen die großen Dinge fest. Dann haben Sie schon einen neuen Exklusivkünstler? Ist das wieder ein Dirigent? (schmunzelt) Dazu sag ich nichts. Nur, dass es extrem schwer gewesen ist, aber trotzdem ganz leicht.  

Wohin fahren Sie in den Ferien – nach Salzburg, Bayreuth? Nach Salzburg, Luzern und Aix-en-Provence, zu Esa-Pekka Salonen. Der wird in Zukunft eine immer wichtigere Rolle spielen.