Beschimpfungen und Aggressionen gegen Mitarbeiter der Corona-Hotline

hzCoronavirus

Die Stimmung zum Umgang mit der Corona-Pandemie kippt in Teilen der Bevölkerung. Das sagt Annette Scherwinski, Leiterin des Kreisgesundheitsamtes. Anrufer sind unzufrieden und aggressiv.

Kreis Borken

, 12.10.2020, 13:36 Uhr / Lesedauer: 4 min

Sieben Monate Corona-Pandemie in Deutschland. Nach einer abgeflachten Kurve im Sommer steigen die Zahlen, in der Region moderat. Annette Scherwinski (64), seit 2016 Leiterin des Kreisgesundheitsamtes und damit Vorgesetzte von aktuell 96 Beschäftigten, blickt zurück und voraus. Das Interview führte Horst Andresen.

Wie geht es Ihnen und Ihrem Team?

Wir sind nicht ausgebrannt, aber wir merken, dass wir kräftemäßig deutlich in Anspruch genommen worden sind.

Es prasselte zu viel auf alle ein?

Einerseits haben wir mehr als ein halbes Jahr jeden Tag gearbeitet, auch am Wochenende, täglich sicherlich elf, zwölf Stunden mit einer hohen Schlagzahl und mit wichtigen Entscheidungen, die zu treffen waren – und andererseits auch, weil wir merken, dass die Stimmung in der Bevölkerung zum Teil kippt.

Wie meinen Sie das?

Die Anrufe waren anfangs eher ängstlich geprägt, und in ihnen ging es darum zu informieren. Das hat sich gewandelt: Jetzt haben wir zusätzlich Corona-Leugner oder Leute, die sich über das Maskentragen beschweren; Leute, die uns zum Teil beschimpfen, weil sie in Quarantäne gesetzt werden; Leute, die unzufrieden und zum Teil aggressiv sind. Das ist durchaus schwierig. Dennoch versuchen wir immer, freundlich zu sein. Aber wohlgemerkt: Die meisten Anrufer benötigen Informationen oder Hilfe.

Corona-Kontaktermittler des Kreises – immer häufiger ist detektivische Kleinstarbeit erforderlich.

Corona-Kontaktermittler des Kreises – immer häufiger ist detektivische Kleinstarbeit erforderlich. © Kreis Borken

Das Amt ist personell aufgestockt worden?

Ja, durch Mitarbeiter aus dem gesamten Kreishaus, die alle geschult wurden – jetzt haben wir ein Konzept entwickelt, dass der Personalbestand aus anderen Abteilungen aufgestockt wird. Wir haben auch Kollegen aus dem Ruhestand zurückgeholt.

Da brauchen Sie wohl nicht Schnellschüsse der Landesregierung wie zuletzt, als plötzlich Formularpflicht für Kurzbesuche im Nachbarland bestand?

Das brauchen wir absolut nicht. Die Hotline konnte sich der Anrufe kaum erwehren. 500 Anrufe täglich in der Spitze sind keine Ausnahme.


Welche Gründe sehen Sie für ein anderes Verhalten von Bürgern?

Scherwinski: Sie leugnen Corona oder werden aggressiv, weil die Pandemie zu Einschränkungen führt. Wenn sich jeder an die AHA-Regeln hält, ist das Infektionsrisiko sehr gering. Das sehen wir in den Schulen, Kitas und überall, wo sie eingehalten werden. Das finde ich fantastisch. Und ich hätte nicht erwartet, dass es dann praktisch keine Folgeinfektionen gibt.

Das Masketragen ist wichtig?

Enorm. Wenn das nicht der Fall ist, bei privaten Feiern zum Beispiel, haben wir gegen die Folgen zu kämpfen. In den Medien waren ja diese großen Hochzeiten in Remscheid und Hamm mit Feiernden auch aus dem Kreis Borken ein Thema. Aus Remscheid resultierten bei uns 15 Folgeinfektionen. Wir mussten mit großem Aufwand das Umfeld recherchieren. Es gestaltete sich äußerst schwierig, die kompletten Teilnehmerlisten zu bekommen.

Sie müssen detektivische Kleinstarbeit leisten, um die Infektionsketten verfolgen zu können?

Ja, genau so ist es. Nur bei einigen sind wir ruck-zuck fertig. Aber bei vielen anderen kommen die Infos nur häppchenweise. Da müssen wir nachhaken. Plötzlich ist noch ein Sportverein mit in der Kette oder eine Schule. Manchmal sind wir einen Tag lang nur bei einer Person damit beschäftigt herauszufinden, mit wem sie Kontakt hatte. Das hört sich leicht an, aber manchmal ist es auch schwierig, immer die Ruhe zu bewahren.


Fehlen verstärkt Offenheit, Transparenz, Mitarbeit?

Der Großteil macht es gut, und als Laie kann man nicht alles wissen. Der größte Teil ist kooperativ, aber ein Teil nicht. Von den Leuten erwarte ich wahrheitsgemäße Angaben.

Am Freitag begannen die Herbstferien – Durchatmen in den Schulen?

18 Fälle in Schulen haben wir bislang abgeschlossen. Wir haben keine weiteren Infektionen identifizieren können. Das hat mich sehr erstaunt. Wir haben viel getestet, auch um Erfahrungen zu sammeln. Wir können deshalb jetzt das Testverhalten und die verhängten Quarantänen reduzieren. Wir arbeiten immer sehr individuell. Man kann den einen Fall nicht mit dem anderen vergleichen. Die Schulleitungen waren extrem kooperativ.

Können Sie ausschließen, dass Schulen nochmals geschlossen werden müssen, wie es andernorts in NRW erfolgt ist?

Eine 100-prozentige Sicherheit kann keiner geben. Aber Kinder haben Anspruch auf Bildung, und den versuchen wir zu erfüllen.


Hat die Steigerung der Testungen geholfen?

Das wird gerade ausgewertet. Wir hatten allein über unsere DRK-Abstrichstelle in Stadtlohn tageweise mehr als 500 Coronatests. Hinzu kommen die Tests, die von den Ärzten veranlasst werden. Die Vielzahl der negativen Testergebnisse bei Umgebungsuntersuchungen, insbesondere in Schulen, hilft, unsere Teststrategien immer wieder anzupassen und liefert uns wichtige Erkenntnisse für die Zukunft.

In Nachbarkreisen hat die Kassenärztliche Vereinigung Westfalen-Lippe (KVWL) Schwerpunktstationen für Infektionspatienten eingerichtet. Hier auch?

Wir stehen in Gesprächen mit der KV. Ziel ist es, samstags vormittags in den vier größeren Städten des Kreises bei Ärzten Sprechstunden einzurichten – nur für Infektionspatienten, für Diagnostik, Abstriche und Schnelltests, deren Ergebnisse nach zehn Minuten vorliegen. Hier gibt es jetzt solche Sprechstunden in Borken und Bocholt.

Sie empfehlen gerade in diesem Jahr Grippe-Impfungen?

Es wäre gut, wenn sich viele Menschen im Kreis gegen Influenza impfen lassen würden. Wir haben in einem Vorgespräch mit den Ärztenetzwerken besprochen, dass wir Anfang November eine Impfwoche gegen Influenza machen werden. Wichtig ist es, hierfür auch die älteren Menschen zu sensibilisieren, deshalb haben wir schon alle Heimeinrichtungen im Kreisgebiet angeschrieben.

Haben Sie Angst vor einer Grippewelle?

Natürlich! Wenn wir Patienten mit Covid-19 und Influenza haben, werden die Bettenkapazitäten sehr schnell an ihre Grenzen kommen, wie es vor einigen Jahren bei der heftigen Grippewelle passiert ist. In Enschede laufen derzeit die Stationen zu: Wir müssen uns darauf vorbereiten, dass so etwas wieder passieren kann. Wenn beide Infektionen zeitgleich auftreten, wird unser stationäres und ambulantes System vor große Herausforderungen gestellt. Gegen Influenza kann ich impfen. Deshalb kann ich nur aufrufen: Bitte, lassen Sie sich impfen. Der Zuspruch wird größer.

Wird Weihnachten dieses Jahr anders ausfallen?

Das glaube ich schon. Viele werden ihre Eltern mit Maske besuchen. Es wird auch Weihnachtsmärkte geben, aber mit Beschränkungen, kürzeren Öffnungszeiten, weniger Besuchern – und sicherlich keinem Glühwein to go.

Und mit Maske?

Maske tragen ist das A und O.

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt