Betten aber keine Pfleger? Maßnahmen greifen nur langsam

Coronavirus

Auch wenn die Zahl der Corona-Patienten weiter zunehmen sollte: Es gibt genug Betten, um sie aufzunehmen. Auf der Intensivstation fehlen jedoch Pflegekräfte.

Berlin

13.11.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ein Intensivpfleger arbeitet in einer Schutzausrüstung mit Mund-Nasenbedeckung, Gesichtsschutz, Kittel und Haube auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel Berlin an einem Corona-Patienten.

Ein Intensivpfleger arbeitet in einer Schutzausrüstung mit Mund-Nasenbedeckung, Gesichtsschutz, Kittel und Haube auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel Berlin an einem Corona-Patienten. © picture alliance/dpa

Betten für Corona-Patienten gibt es genug. Aber gibt es auch genug Pfleger, um die Kranken zu versorgen? Darüber gab es zuletzt Streit. Noch während der ersten Corona-Welle wurde das DIVI-Intensivregister aufgebaut: Darin wird jeden Tag erfasst, wie viele freie Intensivbetten deutschlandweit zur Verfügung stehen. Rund 22.000 Patienten liegen derzeit (Stand 12.11.) auf deutschen Intensivstationen, davon haben rund 3186 Covid-19.

Fast 6600 Betten stehen frei und mehr als 12.000 weitere könnten innerhalb einer Woche zur Verfügung gestellt werden. Eine Auslastung der Intensivbetten ist demnach derzeit nicht zu befürchten: Zwar steigt die Zahl der Covid-19-Intensivpatienten immer noch an, aber deutlich langsamer als noch zu Beginn des Monats. Zwischen 50 und 60 Patienten kommen derzeit täglich dazu.

Falsche Zahl an freien Betten gemeldet

Offenbar hatten Krankenhäuser aber zuletzt freie Betten ans DIVI-Intensivregister gemeldet, die gar nicht genutzt werden können – weil es am Pflegepersonal mangelt. Daraufhin hatte unter anderem die Deutsche Stiftung Patientenschutz Alarm geschlagen. Es hätte sich gezeigt, „dass das Intensivbetten-Register wenig bringt“ sagte deren Vorstand Eugen Brysch gegenüber der dpa. Denn es sei „zweifelhaft, inwieweit die im Register als verfügbar angezeigten Betten auch tatsächlich belegt werden könnten“. Im neunten Monat der Pandemie „fehle schlichtweg qualifiziertes Personal, das die professionelle Hilfe am Schwerstkranken leisten kann“.

Die deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) hatte umgehend reagiert. Die im DIVI-Intensivregister angegebenen Bettenkapazitäten würden „ohne Zweifel zur Verfügung stehen“, betonte DKG Präsident Gerald Gaß in einer Pressemitteilung. Die Zahl der freien gemeldeten Betten bedeute aber „selbstverständlich nicht, dass dort Personal steht und darauf wartet, dass Patienten eingeliefert werden“. Man sei auch anderen Patienten mit dringendem medizinischen Behandlungsbedarf verpflichtet.

Pflegekräfte aus anderen Stationen abziehen

Wenn die Intensivstationen zu einem großen Anteil von Covid-19-Patienten belegt würden, müsse man Personal aus anderen Stationen hinzuziehen, um sie zu versorgen. An besonders ausgelasteten Standorten werde der Regelbetrieb dafür stufenweise zurückgefahren. Ein Planungs-Problem habe es nicht gegeben: „Niemand hat erwartet, dass die Kliniken für einen solchen Ausnahmezustand allein durch die regelhafte Personalbesetzung auf Intensivstationen gerüstet sind“, so Gaß. In deutschen Krankenhäusern gibt es demnach genug Personal, um auch eine wachsende Zahl an Covid-19-Patienten zu versorgen. Die Kliniken müssten dann aber wieder einige andere, planbare Eingriffe verschieben.

Die DKG und die Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) hatten sich auch in einem offenen Brief an die Kliniken gewandt. Darin baten sie darum, als sofort verfügbare freie Betten nur solche zu melden, für die auch sofort Pflegepersonal zur Verfügung steht. Seitdem werden laut DIVI etwa 1000 freie Betten weniger gemeldet. Die gemeldeten sollen dafür aber wirklich sofort verfügbar sein.

DIVI-Präsident verfasst Videobotschaft

Dass es eher am Personal als an Betten mangelt, und das schon länger, hatte DIVI-Präsident Uwe Janssens bereits Ende Oktober in einer Videoansprache gesagt. Während zusätzliche Betten geschaffen worden seien, hätte die Zahl der Pfleger und Ärzte auf den Intensivstationen nicht zugenommen. „Bei den Intensivpflegekräften kämpfen wir immer noch mit den gleichen Engpässen wie vor der Covid-19-Pandemie“, so Janssens. Noch dazu würden Pflegekräfte ausfallen, die sich im privaten Umfeld infizieren und in Quarantäne müssen.

Tatsächlich war schon lange vor Coronazeiten klar, dass es am Pflegepersonal mangelt. Dass nicht alle freien Krankenhausbetten belegt werden können, komme im Winter regelmäßig vor, sagt Torben Brinkema, Pressesprecher der DIVI. „Das war in den letzten Jahren genauso.“ Bevor das Coronavirus grassierte, führte regelmäßig die Grippewelle zu Personalengpässen: Weil auch dabei gleichzeitig mehr Patienten eingeliefert werden und Pfleger ausfallen, die selbst erkranken.

Dauert Jahre, bis Maßnahmen wirken

Die Zahl der Pfleger lässt sich nicht einfach so schnell erhöhen wie die der Betten, auch nicht für eine Corona-Welle. Janssens verweist in seinem Video auf „umfangreiche Maßnahmen“ die die Bundesregierung im letzten Jahr angestoßen habe: „Bis diese Wirksamkeit entfalten, dauert es aber sicherlich noch Jahre.“ Tatsächlich hatte die Politik im vergangenen Jahr beschlossen, Pflegern künftig mehr Geld zu zahlen, um den Beruf attraktiver zu machen. Auch will sie die Ausbildung neuer Pfleger fördern.

Bis wirklich mehr Pflegekräfte eingestellt werden können, bleibt aber eben nur der Abzug aus anderen Stationen, wenn sich die Intensivstation füllt. Dass vorsorglich wieder sämtliche andere Operationen abgesagt werden, ist aber wohl diesmal nicht zu befürchten. „Wir haben seit dem Frühjahr viel dazu gelernt und können die Planung jetzt viel besser steuern“, sagt DIVI-Pressesprecher Torben Brinkema.

Vermutlich wird diesmal nur einzelnen, stärker betroffenen Kliniken ein Notfallbetrieb verordnet, wie bereits in Berlin geschehen. Ein solcher Notfallbetrieb bedeutet für die Krankenhäuser auch finanzielle Hilfen. Sie bekommen Ausgleichszahlungen, wenn ihnen wegen abgesagter Operationen Einnahmen entgehen.

RND

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