Bundesregierung: Nawalny „zweifelsfrei“ mit chemischem Nervenkampfstoff vergiftet

Kriminalität

Seit einer Woche wird der Kreml-Kritiker Alexej Nawalny in der Berliner Charité behandelt. Nun hat die Bundesregierung Erkenntnisse über die Ursachen für seinen Gesundheitszustand.

Berlin

02.09.2020, 15:58 Uhr / Lesedauer: 2 min
Kreml-Kritiker Alexej Nawalny wird seit einigen Tagen in der Berliner Charité behandelt.

Kreml-Kritiker Alexej Nawalny wird seit einigen Tagen in der Berliner Charité behandelt. © picture alliance/dpa

Bei dem in Deutschland in Behandlung befindlichen russischen Regierungskritiker Alexej Nawalny wurde nach Angaben der Bundesregierung „der zweifelsfreie Nachweis“ eines chemischen Nervenkampfstoffes aus der Nowitschok-Gruppe erbracht. Das erklärte Regierungssprecher Steffen Seibert am Mittwoch in Berlin.

Ärzte der Berliner Universitätsklinik Charité, in der Nawalny behandelt wird, gingen schon zuvor von einer Vergiftung aus. Dort wird der Regierungskritiker seit einer Woche behandelt. Am Freitag sprachen die Mediziner von einem nach wie vor ernsten Zustand. Akute Lebensgefahr bestand demnach nicht. Der 44-Jährige liege auf einer Intensivstation im künstlichen Koma.

Nawalnys Team gab an, dass der Kritiker des russischen Präsidenten Wladimir Putin während einer politischen Reise in Sibirien vergiftet worden sei. Russische Ärzte hatten zunächst keine Hinweise darauf gefunden. Auf den Oppositionen wurden schon mehrfach Anschläge verübt. Er war schon mehrfach festgenommen worden.

Die Bundesregierung in Berlin hatte von Moskau eine Untersuchung der Umstände gefordert. Der frühere Geheimdienstkoordinator unter dem damaligen Bundeskanzler Helmut Kohl, Bernd Schmidbauer (beide CDU), warnte in der „Welt am Sonntag“ vor schnellen Schuldzuweisungen. „Erst müssen handfeste Ergebnisse vorliegen, bevor der Kreml verantwortlich gemacht wird“, sagte er.

Angela Merkel ist bestürzt

Nach der Bekanntgabe der Bundesregierung, dass Kremlkritiker Alexej Nawalny mit einem Nervenkampfstoff vergiftet worden ist, hat sich auch die Bundeskanzlerin dazu geäußert. „Es sind bestürzende Informationen“, sagte Angela Merkel, die sich nach eigenen Angaben am Vormittag über die Erkenntnis hatte informieren lassen.

„Alexej Nawalny ist Opfer eines Verbrechens geworden, er sollte zum Schweigen gebracht werden“, sagte Merkel in ihrem Statement am frühen Abend in Berlin. Sie verurteile das auf das Schärfste.

Nawalny sei in Berlin in Behandlung, aus humanitären Gründen habe man dies ermöglicht. Sie hoffe und wünsche ihm, dass er sich von diesem Anschlag erholen kann.

Russischer Botschafter einbestellt

Merkel erklärte ebenfalls, dass der russische Botschafter informiert worden sei. „Wir erwarten, dass sich die russische Regierung dazu erklärt“, fügte sie hinzu. Es stellten sich Fragen, die nur die russische Regierung beantworten könne und beantworten muss. Man werde gemeinsam mit den Partnern in der EU über eine gemeinsame und angemessene Reaktion beraten.

Regierungssprecher Seibert sprach von einem „bestürzenden Vorgang“. „Die Bundesregierung verurteilt diesen Angriff auf das Schärfste. Die russische Regierung ist dringlich aufgefordert, sich zu dem Vorgang zu erklären.“

Das Untersuchungsergebnis könnte die ohnehin schon schwer angeschlagenen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland sowie anderen westlichen Staaten noch einmal massiv erschüttern. Das Auswärtige Amt bestellte den russischen Botschafter ein.

RND/dpa/das

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