Can Dündars Autobiografie wird am WLT gespielt

Theaterstück „Verräter“

Der türkische Journalist Can Dündar lebt notgedrungen in Berlin. Sein autobiografisches Buch „Verräter“ wird nun in Castrop-Rauxel in Szene gesetzt.

Castrop-Rauxel

, 06.05.2019, 15:01 Uhr / Lesedauer: 3 min
Can Dündars Autobiografie wird am WLT gespielt

Can Dündar (oben) traf die Darsteller beim Probenbesuch am WLT. © Volker Beushausen

Er ist der prominenteste türkische Exilant in Deutschland, ein Mann, dem in seiner Heimat Verrat und Nähe zum Terrorismus vorgeworfen wird: Can Dündar, früher Chefredakteur der renommierten unabhängigen Zeitung „Cumhuriyet“, gilt der türkischen Regierung als Staatsfeind. Käme er in Reichweite der dortigen Justiz, drohte ihm Gefängnis, so wie gerade erst sechs „Cumhuriyet“-Journalisten zu Haftstrafen verurteilt wurden.

Can Dündars Autobiografie wird am WLT gespielt

Can Dündar hat ein Buch über sein Leben im Exil geschrieben. Es heißt „Verräter“ und wird jetzt in der Bearbeitung und Regie von Christian Scholze als Bühnenstück am Westfälischen Landestheater (WLT) in Castrop-Rauxel gespielt (Premiere ist am 9. Mai).

THATERSTÜCK „VERRÄTER“

DAS SIND DIE TERMINE

Die Premiere ist am Donnerstag, 9. Mai, in der Stadthalle Castrop Rauxel, danach ab Januar 2020 im Studio (7. bis 11. Januar 2020) Karten gibt es unter Tel. (02305) 97 80 20 oder im Internet

Wie sieht das Dasein eines Journalisten aus, dessen Land ihn zur Persona non grata erklärt? Der mundtot gemacht werden soll und nun im Exil für seinen Traum einer demokratischen Türkei kämpft? Der um Gehör sucht, der seine Stimme wiederfinden muss und dazu in die Öffentlichkeit geht, obwohl er bei jedem Termin von sechs, sieben Personenschützern begleitet wird. Der mit einer Drohkulisse fertig werden muss: Dündars Frau wurde der Pass entzogen, sie muss wie eine Geisel in der Türkei bleiben, ohne Arbeit und Einkommen. Wie bleibt Dündar beim aufrechten Gang, obwohl viel Druck auf ihm lastet? Um diese Fragen kreisen Buch und Stück.

Der Journalist sagte bei der Umsetzung als Theaterstück schnell zu

„Ich habe schnell zugesagt, als die Anfrage aus Castrop-Rauxel kam“, erzählt Can Dündar, der aus einem Frankfurter Hotel (auf Englisch) mit uns telefoniert. „Mein erstes Buch wurde von der Royal Shakespeare Company in England auf die Bühne gebracht. „Verräter“ spielt in Deutschland und das in einem deutschen Theater zu sehen, ist eine Aussicht, die mich begeistert hat.“ Wie wichtig Dündar das Projekt am WLT nimmt, lässt sich daran ablesen, dass er dreimal nach Castrop-Rauxel reiste, um bei Proben dabei zu sein.

Schnell wird es politisch in unserem Gespräch, als Can Dündar die neue Rolle beschreibt, in die er im Exil geschlüpft ist: „Ich bin jetzt Teil einer größeren Kampagne. Das ist mehr als Journalismus, ich bin eine Art Freiheitskämpfer, so pathetisch das auch klingt.

„Ich nutze den Journalismus, um meine Freiheit wiederzuerlangen“

„Man könnte sagen, ich sei auf einer Mission. Ich möchte der Welt zeigen, dass es eine Türkei gibt, die nichts mit Erdogan gemein hat. In meiner Kolumne für ‚Die Zeit‘ analysiere ich das Geschehen in meiner Heimat und beschreibe eine tief polarisierte türkische Gesellschaft, wo sich liberal und national gegenüber stehen.“

Es gebe viele Anhänger der Demokratie in der Türkei, sagt Dündar, und er versuche, ihnen Gehör zu verschaffen. „Mit einer politischen Agenda identifiziert zu werden, ist keine gute Sache für einen Journalisten, ich weiß. Allerdings habe ich keine Wahl. Ein Journalist ohne Freiheit zu sein, bedeutet gar nichts. Also nutze ich den Journalismus, um meine Freiheit wiederzuerlangen, als Werkzeug, wenn Sie so wollen.“

„Ich bin nicht alleine. Wir ziehen an einem Strang, das macht Mut.“

Woher nimmt Can Dündar die Kraft, was macht ihm Mut in diesem Kampf? „Ich bin nicht allein, ich gehöre zu einem solidarischen Netzwerk“, antwortet er. „Heute traf ich einen Ägypter, der gegen das Regime seiner Heimat arbeitet. Gestern sprach ich mit Leuten von Amnesty International über die Pressefreiheit in Afrika. Wir ziehen an einem Strang, das macht Mut.“

Die jüngsten Wahlen in der Türkei sind für Can Dündar ein Lichtblick: „Sie könnten der Anfang vom Ende des Systems Erdogan sein. Mit einer starken Opposition wird es schwer für ihn. Er selbst hat gesagt: Wer Istanbul verliert, verliert die Türkei. Das macht mir Hoffnung.“

Gefreut habe ihn, dass das Stück des WLT von eben dieser Hoffnung durchzogen sei: „Es ist keine Passionsgeschichte, wie ich sehen konnte. Es verbreitet den Optimismus, dass die Freiheit siegen kann, das ist eine starke Botschaft. Ich komme zur Premiere und bin gespannt auf das Stück und die Reaktion des Publikums.“

Karriere-Aus nach kritischem Artikel

Can Dündar - ein Journalist mit Profil

  • Der Journalist, Buchautor und Filmemacher Can Dündar (57) lebt heute in Berlin und arbeitet unter anderem als Kolumnist für „Die Zeit“. In der Türkei war er als Chefredakteur der Zeitung „Cumhuriyet“ einer der profiliertesten Blattmacher und Autoren, bevor er 2015 der Spionage angeklagt und verhaftet wurde.
Can Dündars Autobiografie wird am WLT gespielt

Der türkische Journalist Can Dündar © Volker Beushausen

  • Dündar hat in Ankara und London Journalistik studiert, schrieb für große Zeitungen seines Landes, produzierte TV-Sendungen und veröffentlichte an die 20 Bücher über Personen der türkischen Zeitgeschichte. Seine Karriere als Publizist kam zu einem jähen Ende, als „Cumhuriyet“ im Mai 2015 einen Artikel veröffentlichte, in dem von Munitionslieferungen nach Syrien die Rede war, die offenbar mit Wissen des Geheimdienstes über die türkische Grenze abgewickelt wurden.
  • Im November begann Dündars Prozess, er saß drei Monate in U-Haft, bevor er auf Betreiben der Verfassungsrichter frei kam. Im Mai 2016 wurde auf Can Dündar geschossen, er blieb unverletzt, der Attentäter wurde überwältigt. im Juni reiste Dündar nach Deutschland aus. 2018 forderte die Türkei vergeblich seine Auslieferung. Im Internet betreibt Dündar die journalistische Plattform „Özgürüz“ („Wir sind frei“).
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