Chinas Wirtschaft schrumpft - aber was bedeutet das für Deutschland?

Coronavirus

Erstmals seit Jahrzehnten ist Chinas Wirtschaft im ersten Quartal 2020 geschrumpft. Grund ist die weltweite Corona-Krise, die im Land für starke finanzielle Einbußen sorgt. Ein Überblick über die Folgen.

Peking

18.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Geschlossene Geschäfte in Peking. Auch in China schrumpft die Wirtschaft.

Geschlossene Geschäfte in Peking. Auch in China schrumpft die Wirtschaft. © picture alliance/dpa

Es ist ein Einbruch von historischer Dimension: Die Wirtschaftsleistung in China ist im ersten Quartal wegen der Corona-Pandemie um 6,8 Prozent geschrumpft. Eine Erholung wird sich nur ganz langsam einstellen. Wir erläutern, welche Auswirkungen das auch auf deutsche Unternehmen haben wird.

Hat es einen vergleichbaren Rückschlag für die chinesische Wirtschaft schon einmal gegeben?

Zumindest nicht in der jüngeren Geschichte. Seit 1992, als die Regierung der Volksrepublik damit begann, Quartalsberichte publik zu machen, gab es keinen vergleichsweise starken Rückschlag. Auf Jahresbasis wurde zuletzt 1976 ein Schrumpfen des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gemeldet. Im vorigen Jahr wuchs die Wirtschaft noch um 6,1 Prozent.

Wie sehen die Erwartungen nun für dieses Jahr aus?

Der Internationale Währungsfonds hatte noch im Januar mit einem BIP-Plus von sechs Prozent gerechnet. Anfang der Woche wurde die Prognose auf nur noch 1,2 Prozent reduziert. Bei den Verbrauchern sitzt offenbar der Corona-Schock tief. Nach den Angaben der chinesischen Statistikbehörde ging der private Konsum im März im Vergleich zum Vorjahr um 15,8 Prozent zurück.

Und auch Unternehmen sind äußerst zurückhaltend. Die Investitionen lagen im dritten Monat 16,1 Prozent niedriger als im Vorjahr. Dennoch erwarten viele Volkswirte eine zaghafte Erholung. Im zweiten Quartal könne schon wieder ein Plus knapp über der Nulllinie erzielt werden, sagte der Analyst Robin Xing dem Fernsehsender Bloomberg TV.

Welche Rolle spielt China für die Weltwirtschaft?

Das Riesenland ist die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt und wird in den nächsten Jahren zur Nummer eins aufsteigen. Deshalb ist China wie eine Art Schwungrad für die globale Ökonomie. Läuft es dort nicht, macht sich das beinahe überall und in beinahe allen Branchen bemerkbar. Ein Beispiel ist der Ölmarkt: Das Land importiert gigantische Mengen Öl. Durch den Lockdown ist die Nachfrage massiv eingebrochen. Chinas Rohöllager sind randvoll. Das ist ein maßgeblicher Faktor dafür, dass die Ölpreise nun weltweit auf Niveaus zurückgefallen sind, die es seit zwei Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat.

Wovon hängt eine Besserung der Ökonomie in der Volksrepublik ab?

In China wurde nach strengen Ausgangssperren im ersten Quartal die Produktion wieder vielfach hochgefahren. Aber die stark vom Export abhängige Industrie wird nach Einschätzung vieler Experten in den nächsten Monaten noch stark unter den Beschränkungen in zahlreichen anderen Ländern leiden – etwa in Europa oder Nordamerika. Und auch der wichtige Handelspartner Japan hat inzwischen strenge Restriktionen eingeführt, um die Pandemie einzudämmen.

Wie wichtig sind die chinesischen Konsumenten für Deutschland?

Sie werden eine zentrale Rolle spielen. Die Konsumenten – insbesondere die aus der neuen Mittelschicht – sind eigentlich extrem ausgabefreundlich. Sie schmücken sich mit Luxusprodukten aus Europa, von der Handtasche bis zum SUV einer deutschen Luxusmarke. Beobachter berichten aber davon, dass Verbraucher noch extrem vorsichtig agieren – nicht nur in puncto Ansteckungsgefahr, sondern auch bei den Konsumausgaben. Positiv ist indes, dass die offizielle Arbeitslosenquote von 6,2 Prozent im Februar auf 5,9 Prozent im März gefallen ist – viele Firmen haben offenbar trotz Produktionsstopps ihre Beschäftigten nicht entlassen.

Wie wirkt sich die Entwicklung in der Volksrepublik auf deutsche Firmen aus?

Volkswagens China-Chef Stephan Wöllenstein betonte am Freitag, dass es „sicherlich eine aufgestaute Nachfrage“ gebe. Gerade junge Leute seien auf der Suche nach dem ersten Pkw. China ist für die deutschen Autobauer der wichtigste Markt. Der Volkswagen-Konzern etwa hat im ersten Quartal Absatzeinbußen um gut ein Drittel erlitten.

Wöllenstein hofft aber, dass im Juni schon wieder das Niveau des Vorjahres erreicht werden könnte. Bei den hiesigen Maschinenbauern, für die China ebenfalls enorm wichtig ist, könnte es in einem günstigen Fall eine verzögerte Belebung der Nachfrage geben: Wenn die Unternehmen wieder investieren und Maschinen und Anlagen aus Deutschland bestellen.

Welche Rolle spielt die Regierung?

Eine entscheidende. Bei der Finanzkrise vor zehn Jahren stemmte sich die Regierung mit massiven Konjunkturprogrammen gegen ein Schrumpfen der Wirtschaft. Das führte auch hierzulande zu einer schnellen Erholung – unter anderem wegen einer starken Nachfrage nach Autos. Die Folge war aber auch eine hohe Verschuldung von Unternehmen und Verbrauchern. Ökonomen haben immer wieder davor gewarnt, dass dies zu schweren Verwerfungen führen könnte.

Die Regierung hat deshalb in den vergangenen Jahren die Kreditvergabe und damit auch das Wirtschaftswachstum bewusst verlangsamt. Gleichwohl ist das Schuldenniveau noch immer hoch. Vor allem aus diesem Grund laufen aktuelle Hilfsprogramme mit günstigen Zinsen auf relativ kleiner Flamme und auf deutlich bescheideneren Dimensionen als in Europa oder den USA.

Kann sich an dieser defensiven Strategie etwas ändern?

Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg berichtet von einer Sitzung des Politbüros, die in den nächsten Tagen stattfinden werde. Dann soll über weitere Schritte beraten werden. Außerdem erwarten Beobachter, dass auf dem Volkskongress der kommunistischen Partei Konjunkturprogramme verkündet werden.

Die Jahrestagung soll um Mai oder Juni stattfinden. Mutmaßlich wird es um den Ausbau von Infrastruktur gehen. Auch Vorhaben zum Klimaschutz könnten dazu gehören. Der IWF erwartet, dass die Wirtschaftsleistung 2021 wieder um 9,2 Prozent steigt.

RND

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