Corona: Das Misstrauen gegen China wächst

Coronavirus

Die US-Regierung befeuert Spekulationen, wonach das Coronavirus aus einem chinesischen Labor stammt. Die Bundesregierung fordert Peking auf, unabhängige Untersuchungen zuzulassen.

Berlin

04.05.2020, 20:17 Uhr / Lesedauer: 2 min
Stammt das Coronavirus aus einem chinesischen Labor? US-Außenminister Mike Pompeo sieht dafür "überwältigende Beweise" - enthält sie der Öffentlichkeit jedoch vor.

Stammt das Coronavirus aus einem chinesischen Labor? US-Außenminister Mike Pompeo sieht dafür „überwältigende Beweise“ - enthält sie der Öffentlichkeit jedoch vor. © picture alliance/dpa

Ein Gerücht geht um in Washington und wird von der US-Regierung kräftig befeuert. Wiederholt gab sich US-Präsident Donald Trump vor laufenden Kameras vagen Spekulationen hin, wonach das Coronavirus nicht natürlichen Ursprungs sei, sondern aus einem chinesischen Labor stamme. Nun hat sein Außenminister Mike Pompeo die zunächst von rechten US-Medien verbreitete Theorie aufgegriffen.

Es gebe „überwältigende Beweise“ dafür, dass der Erreger aus einem virologischen Institut der Stadt Wuhan stamme, sagte der frühere CIA-Chef am Sonntagabend dem US-Sender ABC. Details blieb Pompeo unter Verweis auf unter Verschluss gehaltene Geheimdienstberichte schuldig.

Etwa zur selben Zeit wiederholte auch Trump die Anschuldigungen gegen Chinas Führung auf seinem Lieblingssender Fox. „Ich denke, sie haben einen schrecklichen Fehler gemacht und wollen ihn nicht zugeben“, sagte er.

Schwierige Recherchen

Dass jedoch die Erkenntnisse der US-Geheimdienste einen so eindeutigen Schluss zur Herkunft des Virus nahelegen, ist fraglich. Der „New York Times“ zufolge bezweifeln Geheimdienstmitarbeiter, dass es ihnen möglich sei, Beweise für einen Unfall in einem Labor zu finden. Demnach sei die Wahrscheinlichkeit, dass das Virus außerhalb eines Labors vom Tier auf den Menschen übergesprungen ist, deutlich größer. Derzeit gilt der Fischmarkt von Wuhan als wahrscheinlichster Übertragungsort.

China steht jedoch nicht bloß wegen des ungeklärten Ursprungs des Virus in der Kritik. Auch sein Umgang mit der Pandemie erregt Unmut. Ein am Wochenende bekannt gewordener Bericht fünf angelsächsischer Geheimdienste bekräftigt bereits erhobene Vorwürfe.

Demnach bemühten sich chinesische Behörden wochenlang um die Vertuschung des Ausbruchs und spielten die Gefahr einer Ausbreitung herunter. China weist die Vorwürfe zurück und kontert seinerseits mit abenteuerlichen Theorien über einen angeblichen US-Ursprung des Virus. Doch das Misstrauen an Peking wächst.

Bundesregierung fordert Aufklärung

Der Bundesregierung liegen keine eigenen Erkenntnisse über Chinas Umgang mit dem Virus vor. Sie setze sich für eine unabhängige Untersuchung zu dessen Herkunft durch Wissenschaftler vor Ort ein. Dazu sollte Peking die Weltgesundheitsorganisation ins Land lassen, sagte ein Sprecher des Auswärtigen Amts am Montag.

Beim CDU-Außenexperten Norbert Röttgen überwiegt Skepsis. „Angesichts der frühen Warnungen aus Taiwan ist relativ klar, dass China anfänglich Informationen über das Virus zurückgehalten hat. Das hat alle anderen Staaten kostbare Zeit gekostet. Darüber hinaus wissen wir schlichtweg nicht, welche Vorwürfe gegen China berechtigt sind“, sagte der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses des Bundestags dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„China schürt Misstrauen“

Röttgen forderte Transparenz: „Die vielen Spekulationen und verschiedenen Anschuldigungen bekräftigen somit vor allem eines: Wenn die akute Phase der Pandemie-Bekämpfung vorbei ist, muss es eine unabhängige internationale Untersuchung geben, um den Ursprung des Virus und dessen Ausbreitung zu klären.“

Der FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff wirft China vor, „mit seinem unkooperativen Verhalten Misstrauen“ zu schüren. „Wenn Pekings Gewissen in Bezug auf den Ursprung des Virus rein ist, hat es keinen Grund, sich gegen eine unabhängige Untersuchung zu sperren“, sagte der Fraktions-Vize dem RND.

Zu viele Fragen zur Entstehung des Virus, der Infektionszahlen oder des Umgangs mit Schutzausrüstung seien offen. „Brüssel und Berlin dürfen nicht zusehen, wie China sich auf unsere Kosten strategische Vorteile für die Zeit nach Corona verschafft“, warnte Lambsdorff.

Trittin zweifelt an Objektivität der Geheimdienste

Der Liberale sieht jedoch auch die US-Regierung in der Pflicht, ihre Vorwürfe zu belegen. „Gleichzeitig sollte Donald Trump stichhaltige Beweise mit seinen engsten Verbündeten teilen. Andernfalls entsteht der Eindruck, er würde das Thema für den nahenden US-amerikanischen Wahlkampf nutzen“, sagte Lambsdorff.

Grünen-Politiker Jürgen Trittin sieht derweil die Geheimdienste der USA und ihrer Verbündeten politischem Druck ausgesetzt. „Offensichtlich sind Geheimdienste mit ihren politischen Interessen als Aufklärer in der Coronakrise ungeeignet“, sagte Trittin.

RND

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