„Corona im Abwasser“: Forscher planen Frühwarnsystem

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An der Emscher prüfen Forscher die Coronaviren-Last im Abwasser. Das könnte die Dunkelziffer erhellen und Infektionsherde zeigen - in Echtzeit.

Ruhrgebiet

, 14.05.2020, 11:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Niemand kennt die tatsächliche Zahl der Corona-Infizierten, da die Dunkelziffer trotz aller Tests hoch ist. Doch könnte man eine realistische Schätzung der Infektionen nicht aus dem Abwasser ablesen? Und das sogar in Echtzeit? Denn Erkrankte scheiden Viren mit dem Kot aus, wahrscheinlich auch dann, wenn sie nur milde Symptome haben. (Ob der Kot auch infektiös sein kann, ist noch nicht klar.) Forscher halten den Ansatz „Corona im Abwasser“ für vielversprechend. Im Ruhrgebiet laufen darum gleich zwei entsprechende Untersuchungen an mit Beteiligung von Emschergenossenschaft und Lippeverband.

Das größte Projekt wird vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) in Leipzig koordiniert. Forscher der TU Dresden wollen dabei die Abwässer in 20 Kläranlagen in Deutschland auf Rückstände der Corona-Viren testen, in der Region zunächst in Dortmund-Deusen und an der Lippe in Dülmen. Dabei prüfen sie auch, ob sich die Entwicklung der offiziellen Fallzahlen in der Virenlast im Abwasser spiegelt. Die RWTH Aachen hat parallel ein ähnliches Konzept für die Emschermündung in Dinslaken entwickelt. Derzeit laufen noch Gespräche über eine Zusammenführung.

Bei Drogen funktionieren die Tests

Die Idee ist nicht neu. Abwasserscreenings werden bereits genutzt, um den Drogenkonsum in einem Gebiet zu schätzen oder zu überprüfen, ob Impfschutz gegen Polio besteht. Allerdings sind Viren deutlich aufwendiger zu finden als chemische Stoffen. In den Niederlanden gelang es Forscher zwar bereits im Februar, Corona-Viren in den Abwässern von sechs Kläranlagen nachzuweisen. Ob ihr Test aber so genau reagierte, wie angegeben, wird in Fachkreisen angezweifelt.

Die deutschen Forscher um den Dresdner Wasserwirtschaftsexperten Peter Krebs wollen die Methode nun verfeinern und massentauglich machen. „Dabei ist der eigentliche Nachweis nicht das Problem“, erklärt Krebs. „Die Probenaufbereitung ist komplex.“ Um die Viren zu konzentrieren, muss die Probe unter anderem sehr intensiv zentrifugiert werden (mehr als 100 G über zwei Stunden). Dabei konzentrieren sich jedoch auch Stoffe, die einen Nachweis erschweren. Bis die richtige Methodik gefunden ist, nehmen die 20 Kläranlagen regelmäßig Proben und frieren sie ein.

Infektionsherde in Echtzeit beobachten

Erklärtes Ziel ist laut UFZ „die Etablierung eines räumlich differenzierten, kontinuierlichen Frühwarnsystems, etwa um die Folgen von Lockerungsmaßnahmen zu beobachten und wenn nötig nachzusteuern“. Um einen Großteil der Bevölkerung zu erfassen, müssten an 900 Kläranlagen 80 Prozent des deutschen Abwasserstroms geprüft werden. Die Kosten seien überschaubar, gemessen an der Aussicht, Infektionsherde in Echtzeit beobachten zu können.

Die Gefahr einer Übertragung durch Abwasser gilt als sehr unwahrscheinlich. „Viren werden in Kläranlagen durch biologische Prozesse und Anlagerung an den Klärschlamm reduziert“, erklärt Ilias Abawi, Sprecher der Emschergenossenschaft. „Laut einer Studie aus den Niederlanden wurden im gereinigten Abwasser keine Viren mehr gefunden.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf WAZ.de

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