Corona-Krise: Viel Streit und keine App in Sicht

Coronavirus

Eigentlich sollte die sogenannte Corona-App zur Verfolgung von Kontakten mit Infizierten Ende April fertig sein. Doch unter den Beteiligten gibt es Streit - eine Lösung ist nicht absehbar.

Berlin

23.04.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Eigentlich sollte die Corona-App schon Ende April fertig sein. Wann sie nun wirklich kommt, ist noch fraglich.

Eigentlich sollte die Corona-App schon Ende April fertig sein. Wann sie nun wirklich kommt, ist noch fraglich. © picture alliance/dpa

Am 1. April standen alle Zeichen auf Hoffnung. Damals lud Hans-Christian Boos, Unternehmer und Mitglied des Digitalrates der Bundesregierung, mit einer E-Mail zu einer Pressekonferenz bei Zoom ein. Zugeschaltet war unter anderem Professor Marcel Salathé, Epidemiologe der Universität Lausanne.

In englischer Sprache ging es um die sogenannte Corona-App, mit Hilfe derer Menschen via Smartphone gewarnt werden sollen, wenn sie mit einem Corona-Infizierten Kontakt hatten. Ende April, so hieß es später, werde die App fertig sein.

Mittlerweile ist von der Hoffnung nicht mehr viel übrig geblieben. Stattdessen haben sich zwei Lager gebildet. Und persönliche Animositäten gibt es obendrein.

Im Zentrum der Debatte: Chris Boos

Das ursprünglich europäische Projekt trägt den Namen Pepp-PT. Via Bluetooth sollten Handy-Nutzer erfahren, wenn sie sich in der Nähe eines Infizierten aufgehalten haben. Dabei sollte die Sammlung der Informationen und ihre Weitergabe streng anonym erfolgen. Allerdings war daran gedacht, die Informationen auf einem zentralen Server zu speichern.

Das halten Kritiker wie Salathé für zu riskant. 200 Forscher aus 26 europäischen Ländern warnten in einem gemeinsamen offenen Brief vor grassierender Überwachung. Um diese zu verhindern, ist nun eine zweite, dezentrale Variante im Spiel - genannt DP-3T.

Dabei sollen die Informationen nicht zentral auf einem Server gespeichert werden, sondern lediglich auf den beteiligten Smartphones. Ein zentraler Server sei zu anfällig für Hackerangriffe, warnen die Experten. Ferner warnen sie, Hans-Christian Boos - genannt Chris - habe als Unternehmer weniger sachliche als kommerzielle Interessen.

Dezentraler Ansatz „noch ein Stück sicherer“

Aus Boos‘ Umfeld verlautet: „Wir finden uns in der Debatte nicht wieder.“ Denn im Rahmen von Pepp-PT wolle man beides anbieten - eine zentrale und eine dezentrale Lösung. Zwar sei der dezentrale Ansatz „noch ein Stück sicherer“ und „noch ein bisschen datenschutzkonformer“. Letztlich seien das aber Details. Denn im Kern gehe es ja um ein Instrument zur Pandemiebekämpfung.

Durch den Verdacht, ihn trieben kommerzielle Interessen, fühle sich Boos im Übrigen persönlich angegriffen, so Vertraute jenes Mannes, der in der Szene als „kluger Kopf“ gilt, der „einiges auf die Beine gestellt“ habe. Tatsächlich arbeite der weißhaarige 48-Jährige nämlich derzeit jeden Tag 20 Stunden an dem Projekt, ohne dafür bezahlt zu werden. Insofern seien die Vorwürfe „unter der Gürtellinie“ und „nicht in Ordnung“. Fest steht, dass der Unternehmer ein Vertrauter von Kanzleramtschef Helge Braun (CDU) ist. Beide schätzen einander offenbar.

Grüne: „Das ist alles maximal bedauerlich“

Während die Bundesregierung zuletzt betonte, sie ziehe - auf für die Bürger freiwilliger Basis - sowohl die zentrale als auch die dezentrale Variante in Betracht, übt der stellvertretende Vorsitzende der Grünen-Bundestagsfraktion, Konstantin von Notz, Kritik. „Die Bundesregierung macht mit ihrem anhaltenden Informationsdesaster zur Corona-App einen möglichen wichtigen Baustein zur Bekämpfung der Pandemie kaputt“, sagte er dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

„Die Federführung liegt unklar irgendwo zwischen dem Bundesgesundheitsministerium und dem Kanzleramt.“ Statt klare bürgerrechtliche Standards zu kommunizieren, um Vertrauen zu werben und auf die Eigenverantwortung der Bürgerinnen und Bürger zu setzen, widerspreche sich die Bundesregierung immer wieder selbst und eiere herum. „Das ist alles maximal bedauerlich.“

Ungewiss, wann die ersehnte Corona-App nun kommt

Vertreter des für Datenschutzfragen eigentlich zuständigen Bundesinnenministeriums waren jedenfalls in der Sitzung des Bundestags-Innenausschusses am Mittwoch nach Grünen-Angaben nicht auskunftsfähig. Auch sonst hört man aus der Koalition zum Thema aktuell nicht viel Konkretes.

So oder so ist ungewiss, wann die von vielen so heiß ersehnte Corona-App nun wirklich kommt. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) räumte am Sonntag in der ARD ein, das könne noch mehrere Wochen dauern. Beteiligte Macher sagen, den Zeitpunkt der Fertigstellung und möglichen Anwendung kenne derzeit kein Mensch.

RND

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