Corona-Pandemie in den USA: Trumps Todeskurve

Coronavirus

Mit vermeintlichen Erfolgsmeldungen treibt der US-Präsident die Öffnung seines Landes voran. Doch interne Modellrechnungen zeigen: Die USA haben den Höhepunkt der Corona-Pandemie noch vor sich.

Washington

05.05.2020, 20:27 Uhr / Lesedauer: 2 min
US-Präsident Donald Trump lobte sich am Wochenende für seine angeblich erfolgreiche Corona-Politik.

US-Präsident Donald Trump lobte sich am Wochenende für seine angeblich erfolgreiche Corona-Politik. © picture alliance/dpa

Die rote Kurve auf der Grafik weist nach oben, und sie steuert zum 1. Juni auf einen wahnwitzigen Spitzenwert zu. Doch ausnahmsweise wird sich der rekordsüchtige US-Präsident damit nicht brüsten: Die Zahl der täglichen Neu-Infektionen mit dem Coronavirus in den USA dürfte nach einer Modellrechnung amerikanischer Regierungsexperten binnen eines Monats von derzeit rund 30.000 auf 200.000 hochschießen.

Während in Deutschland der Trend klar nach unten weist, haben die mit fast 70.000 Toten von der Pandemie ohnehin am stärksten betroffenen USA das Schlimmste offenbar erst vor sich.

Die Modellrechnungen in dem vertraulichen Regierungsbericht, an dem unter anderem das Heimatschutzministerium und die Gesundheitsbehörde CDC mitgearbeitet haben, stehen in scharfem Kontrast zu der Erfolgs-Rhetorik von Donald Trump.

„Wir sind auf der richtigen Seite. Praktisch jeder marschiert in die richtige Richtung“, verkündete der Präsident in einer bizarren Fernsehshow seines Haussenders Fox am ehrwürdigen Lincoln-Memorial auf der Washingtoner Gedenkmeile. Auch bei dieser Gelegenheit stachelte Trump die Gouverneure wieder an, möglichst bald ihre Strände, Parks und Geschäfte zu öffnen.

Voraussetzungen für Lockerungen in den Bundesstaaten nicht erfüllt

Doch nach Einschätzung der Experten sind in vielen Bundesstaaten die von Trumps Regierung selbst formulierten Voraussetzungen für solche Lockerungen nicht erfüllt. Anders als in Deutschland ist die Zahl der täglichen Neu-Infektionen in den USA seit einem Monat nicht gefallen, sondern schwankt mal leicht unter, mal über der 30.000er-Marke.

In der ersten April-Hälfte lag die tägliche Covid-Todeszahl in den USA konstant über 1000. Inzwischen kommen täglich fast 2000 Tote dazu. Die jetzt bekannt gewordenen Modellrechnungen unterstellen, dass die Todeszahl durch die überstürzte Rücknahme des Lockdowns bis zum 1. Juni auf 3000 steigt. „Die Kosten des Kurswechsels können an der Zahl der Beerdigungen gemessen werden“, formuliert die „New York Times“ sarkastisch.

Immunologe Fauci darf nicht im Repräsentantenhaus aussagen

Wenig überraschend wiegelt das Weiße Haus ab: Die von der „New York Times“ veröffentlichte Prognose mit dem Zusatz „Nur für den Dienstgebrauch“ spiegele nicht die Analysen der Corona-Taskforce der Regierung wider. Überprüfen kann man das freilich nicht, denn zeitgleich hat die Regierung den Mitgliedern dieses Arbeitsstabs einen Maulkorb verpasst. Nur mit ausdrücklicher Genehmigung von Trumps Stabschefs sollen sie dem Kongress Rede und Antwort stehen dürfen.

Zugleich wird die Anzahl solcher Aussagen in einer Aktennotiz begrenzt – angeblich wegen der hohen Arbeitsbelastung der Experten. Tatsächlich hatte sich der renommierte Immunologe Anthony Fauci wiederholt kritisch zu einer verfrühten Abkehr von der Stay-at-Home-Politik geäußert. Am Dienstag räumte Trump offen ein, er wolle nicht, dass Fauci im Repräsentantenhaus aussage: „Das ist ein Haufen von Trump-Hassern.“

Trump „sehr stolz“ auf das Erreichte

Doch selbst Trump kommt nicht umhin, seine schönfärberischen Erklärungen gelegentlich der Realität anzunähern. „Es geht in Richtung 50.000 oder 60.000“, hatte er am 20. April die gesamte Todeszahl durch die Corona-Pandemie für die USA prognostiziert. „Unser Todeszoll pro Millionen Einwohner ist wirklich sehr, sehr solide“, brüstete er sich am vorigen Freitag und erklärte, er sei „sehr stolz“ auf das Erreichte.

Inzwischen sind mehr als 69.000 Menschen ums Leben gekommen. Nun erklärt der Präsident: „Wir werden irgendetwas zwischen 75.000 und 100.000 Menschen verlieren.“ Das sei zwar furchtbar, doch ohne sein entschlossenes Handeln würde die Zahl viel höher liegen.

Das wird sie wohl tatsächlich: Das angesehende Institut für Gesundheitsökonomie der Universität des Bundesstaates Washington erwartet für die USA inzwischen 134.000 Tote bis zum August. Dann hätten doppelt soviele Amerikaner wie im Vietnam-Krieg ihr Leben verloren.

RND

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