Corona-Strategie: Wie sinnvoll sind die geplanten Fieberambulanzen?

Coronavirus

Beim Thema Fieberambulanzen herrscht Uneinigkeit. Spahn hat sich für dessen Einrichtung ausgesprochen. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung dagegen sieht keine Notwendigkeit.

Berlin

24.09.2020, 10:31 Uhr / Lesedauer: 3 min
Mit sogenannten Fieberambulanzen und besonderen Schutzvorkehrungen für Risikogruppen will Bundesgesundheitsminister Spahn das Land für den befürchteten Anstieg der Corona-Infektionszahlen wappnen.

Mit sogenannten Fieberambulanzen und besonderen Schutzvorkehrungen für Risikogruppen will Bundesgesundheitsminister Spahn das Land für den befürchteten Anstieg der Corona-Infektionszahlen wappnen. © picture alliance/dpa

Patienten mit Erkältungssymptomen sollen künftig gesondert in Fieberambulanzen versorgt werden, hat Gesundheitsminister Jens Spahn am Montag vorgeschlagen. Spahn plant offenbar spezielle Anlaufstellen, in denen mögliche Symptome von Corona- oder Grippeerkrankung abgeklärt werden sollen.

Alle Patienten mit entsprechenden Symptomen sollten in einer regionalen Fieberambulanz, Schwerpunktpraxis oder Schwerpunktsprechstunde behandelt werden, sagte Spahn. Bereits zuvor hatte er gegenüber der „Rheinischen Post“ gesagt, er rechne damit, dass die Kassenärztlichen Vereinigungen Fieberambulanzen im Herbst flächendeckend zugänglich machen würden.

Kassenärzte gegen extra Fieberambulanzen

Aber ließe sich das wirklich umsetzen – und wie sinnvoll ist das Konzept überhaupt? Die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) sieht momentan ganz klar keine Notwendigkeit für ausgelagerte Ambulanzen und reagierte mit einer Pressemitteilung. Darin heißt es: „Die Praxen der niedergelassenen Kolleginnen und Kollegen sind gut vorbereitet für die kommenden Wochen und das vermehrte Auftreten von Erkältungskrankheiten, grippalen Infekten und potenziellen Covid-19- Fällen. Wir können mit einer ganzen Reihe unterschiedlicher Maßnahmen flächendeckend das Infektionsgeschehen meistern.“

Und weiter: „Infekte können selbstverständlich in den Praxen behandelt werden.“ Spezielle Fiebersprechstunden für Verdachtsfälle gebe es bereits – auch mehrere Kassenärztliche Vereinigungen der Länder bestätigten das. Über den zusätzlichen Aufbau eigenständiger Covid-19-Einrichtungen solle regional entschieden werden, falls das in Zukunft nötig werde, so die KBV.

Bundesländer hatten bereits vorher Fieberambulanzen

Der Ärzteverband Marburger Bund hält Fieberambulanzen hingegen für sinnvoll. Wenn mögliche Covid-19-Patienten gesondert behandelt würden, würden sich andere Patienten eher trauen, die Hausarztpraxis aufzusuchen, sagte dessen Vorsitzende Susanne John gegenüber der „Passauer Neuen Presse“.

Tatsächlich ist die Idee spezieller Praxen oder Ambulanzen für Covid-19-Verdachtsfälle nicht neu. In Berlin gibt es schon länger Covid-19-Praxen für alle Patienten, die sich nicht an ihren Hausarzt wenden können. Auch in anderen Bundesländern wie etwa Rheinland-Pfalz oder NRW hatte es Einrichtungen gegeben, die sich Fieberambulanzen nannten. Dort konnten Patienten sich untersuchen und testen lassen. Wegen der ausbleibenden Fälle wurden die Einrichtungen aber wieder geschlossen. Eine komplette „Auslagerung“ von Patienten mit Erkältungssymptomen hatte es aber bisher nicht gegeben.

Auslagerung könnte Patienten abschrecken

Zusätzliche Behandlungsmöglichkeiten braucht es eigentlich derzeit nicht. Von einer Überlastung durch Corona-Kranke sind die Hausarztpraxen weit entfernt: So war zwar zuletzt die Zahl der positiv Getesteten wieder etwas gestiegen, aber nur noch wenige Menschen haben schwere Symptome. Und dank der Schutzmaßnahmen gehen auch andere Erkältungskrankheiten zurück. So war schon im Frühjahr die Grippesaison deutlich milder als sonst verlaufen, was auch für den Herbst zu erwarten ist.

Spahn hatte gesagt, er wolle mit den Fieberambulanzen verhindern, dass sich Menschen im Wartezimmer untereinander mit Corona oder Grippe ansteckten. Ein Schutz wäre aber nicht nur in einer speziellen Ambulanz, sondern auch in einer Spezialsprechstunde mit Hygienekonzept möglich. Fraglich ist auch, ob das Konzept Nicht-Corona-Patienten mit Angst vor Ansteckung wirklich ermutigt, zum Arzt zu gehen, wie der Marburger Bund vermutet. Oder ob nicht eher mehr Menschen zu Hause bleiben, wenn ihnen bei Erkältungssymptomen der Weg zum Hausarzt verschlossen bleibt – und sie stattdessen zusammen mit Verdachtsfällen auf Covid-19 in die Fieberambulanz geschickt werden. Statistisch betrachtet wäre die Gefahr, auf einen Infizierten zu treffen, dort höher.

Nicht jeder Covid-19-Infizierte hat Fieber

Spahn hatte zudem nicht eindeutig erklärt, bei welcher Symptomatik genau Patienten denn nun die Fieberambulanzen aufsuchen sollten. Die Virologin Sandra Ciesek hatte im „NDR“-Corona-Podcast bemängelt, die Idee spezieller Einrichtungen sei zwar gut, der Name Fieberambulanz gefalle ihr aber nicht: „Das suggeriert, dass nur jemand mit Fieber in diese Ambulanz gehen kann und das soll natürlich nicht so sein“, so Ciesek. Denn nicht jeder Corona-Patient habe Fieber.

Klar ist, dass sich einfache Erkältungskrankheiten, die Grippe und Coronavirus-Infektionen von den Patienten selbst unmöglich auseinander halten lassen. Eine Auslagerung der Covid-Verdachtsfälle würde also wirklich die Auslagerung sämtlicher Erkältungskranker bedeuten, wodurch den Ärzten ein guter Teil ihrer Patienten wegbrechen würde. Wohingegen die neuen Ambulanzen überlaufen sein dürften, wenn das Konzept wirklich flächendeckend umgesetzt würde.

Ärzte setzen lieber auf spezielle Corona-Sprechstunde

Womöglich sind die Fieberambulanzen auch eher als eine Art erweiterte Testzentren gedacht. Tatsächlich war es um die Testkapazitäten gegangen, als Spahn die Ambulanzen erstmals ins Spiel brachte. Die Teststrategie des RKI sieht momentan vor, jeden Patienten „mit jeglicher akuten respiratorischen Symptomatik“ zu testen: was bedeuten würde, jeden mit einer Erkältungskrankheit. Die dürfte die Hausärzte in der Tat überfordern, wäre in Fieberambulanzen aber möglich. Allerdings möchte nicht unbedingt jeder Erkältungspatient einen Test auf das Coronavirus machen, solange ohnehin keine wirksame Behandlung zur Verfügung steht.

Die Ärzteschaft scheint vorerst am Modell spezieller Sprechstunden festzuhalten. Der Vorstand der kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, sagte gegenüber dem „NDR“, man biete seit Monaten spezielle Termine an, an denen nur Patienten und Patientinnen mit Verdacht auf Covid-19 in die Praxis kommen, um sie von anderen Besuchern fernzuhalten. Im Moment sei das Angebot aber bei Weitem nicht ausgelastet: „Die Termine, die wir vorrätig halten, reichen doppelt und dreifach für die Nachfrage aus,“ so Plassmann. Falls sich das in den kommenden Monaten ändern werde, dann könne man spezielle Praxen einrichten, sagte Plassmann. „Was Herr Spahn sagt, das hätten wir auch ohne Herrn Spahn gemacht.“

RND

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