Covid-19: Warum werden Kinder nicht krank, obwohl sie infektiös sind?

Coronavirus

Im Vergleich zu den Erwachsenen erkranken nur wenige Kinder an Covid-19. Oft verläuft die Infektion auch sehr mild oder sogar ohne Symptome. Liegt der Grund dafür im Immunsystem der Kleinen?

11.05.2020, 08:10 Uhr / Lesedauer: 2 min
Pandemie-bedingter Schulalltag: Ein Grundschüler mit Mundschutz.

Pandemie-bedingter Schulalltag: Ein Grundschüler mit Mundschutz. © picture alliance/dpa

In der Corona-Krise geht es oft um Kinder. Sie sollen nicht zu den Großeltern. Sie sollen nicht auf die Spielplätze. Sie sollen erst Schritt für Schritt wieder zur Schule. Es ist paradox: Das Virus selbst, Auslöser all dieser Maßnahmen, scheint die Kinder kaum zu betreffen.

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Ein Blick auf die Zahlen zeigt: Bis zum 11. Mai wurden laut Robert-Koch-Institut 1551 Kinder mit Alter bis zu 4 Jahren und 3669 Kinder zwischen 5 und 14 Jahren positiv auf Sars-Cov-2 getestet.

Tatsächlich gehen Wissenschaftler inzwischen davon aus, dass Kinder in etwa die gleiche Viruslast wie Erwachsene haben und damit wahrscheinlich gleichermaßen ansteckend sind. Der Unterschied: Im Gegensatz zu Erwachsenen verläuft die Infektion bei ihnen in der Regel deutlich weniger heftig.

Milder Verlauf nicht untypisch

Ulrike Protzer, Direktorin des Instituts für Virologie an der Technischen Universität München, hat bereits im Januar eine von Covid-19 betroffene Familie behandelt. Damals stellte sie fest: Die kleinen Kinder im Alter von zwei und fünf Jahren hatten zwar milde Symptome, aber „im Prinzip sind sie am Tag danach wieder herumgesprungen“.

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Trotzdem konnten die Ärzte mit einem Nasen-Rachen-Abstrich feststellen, dass die Kinder eine höhere Virus-Konzentration hatten als ihre Eltern. Auch im Stuhl fanden die Ärzte Virus-RNA.

Eine eindeutige Erklärung gibt es dafür noch nicht. Aber es ist nicht ungewöhnlich, dass Erwachsene deutlich heftiger als Kinder an einer Virusinfektion erkranken. „Das ist sogar ganz typisch“, sagt Protzer in einer Pressekonferenz des Science Media Centers. Bei HIV etwa ist es ähnlich: Kinder haben hohe Viruslasten, sind aber in der Regel gesund.

Immunsystem von Kindern und Erwachsenen unterschiedlich

Dafür gibt es verschiedene Gründe: Einer ist, dass das Immunsystem von Kindern noch anders funktioniert als später im Erwachsenenleben. „Insgesamt ist das Immunsystem von Kindern darauf ausgerichtet, dass diese Kinder überleben“, sagt Protzer.

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Vereinfacht gesagt ist es für das Immunsystem von Kindern nichts ungewöhnliches, mit einem unbekannten Erreger in Kontakt zu kommen und darauf zu reagieren. Je älter man wird, desto unwahrscheinlicher ist es, einem neuen Erreger zu begegnen. Darauf stellt sich das Immunsystem ein: Die Immunantwort wird weniger allgemein und breit.

Rezeptoren anders verteilt

Es gibt aber auch spezifische Erklärungsansätze für Sars-Cov-2, die sich etwa auf die Verteilung des ACE2-Rezeptors beziehen. Dieser Rezeptor spielt bei der Infektion mit Sars-Cov-2 eine entscheidende Rolle, weil das Virus auf diesem Weg die Zellen angreifen kann.

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Bei Kindern, erklärt Protzer, sind die Rezeptoren womöglich anders im Körper verteilt als bei Erwachsenen. Doch diese Frage sei nicht einfach zu beantworten. Wichtig sei aber: „Kinder können sich sicherlich infizieren. Kinder scheiden auch infektiöses Virus aus. Aber: Kinder werden viel weniger krank.“

Mehr Infektionen, wenn Schulen wieder öffnen?

Warum aber gibt es dann bisher so wenige gemeldete Infektionen bei Kindern? Auch dafür gibt es bisher noch keine sichere Erklärung. Studien aus China würden nahelegen, so Protzer, dass das Schließen von Schulen einen Effekt gehabt habe.

Im Fall von Deutschland gebe es darüber hinaus aber einen weiteren Faktor, der einen Einfluss gehabt haben könnten: Die Verbreitung des Virus sei stark geprägt von Karnevalsfesten und Skifahrern, die Après-Ski-Parties in Österreich gefeiert hätten. Feste bei denen kleine Kinder - und ihre Eltern - typischerweise seltener mitfeiern.

Wenn jetzt die Schulen wieder aufmachen, könnte sich das ändern. „Das müssen wir jetzt sehr, sehr eng beobachten und sehr, sehr eng begleiten“, sagt Protzer.

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