Darum halten Ökonomen und Mediziner Hamsterkäufe für Unfug

Coronavirus

Viele Deutsche werfen derzeit erst einen Blick auf die Schlagzeilen – und dann in ihre Speisekammer. Das Resultat sind Hamsterkäufe. Doch Panik ist unberechtigt - und gefährlich, so Experten.

Dortmund

01.03.2020, 18:31 Uhr / Lesedauer: 2 min
Große Lücken sind in vielen Supermärkten in Regalen mit Konserven, aber auch bei Mehl, Zucker, Brot und Nudeln zu finden.

Große Lücken sind in vielen Supermärkten in Regalen mit Konserven, aber auch bei Mehl, Zucker, Brot und Nudeln zu finden. © picture alliance/dpa

Die Angst vor Knappheit geht um in Deutschland: Haltbare Lebensmittel, Getränke, Toilettenpapier, Reinigungstücher und Desinfektionsmittel – viele Artikel waren am Samstag ausverkauft. Statt mit vollen Händen kehrten Supermarktkunden lediglich mit einigen Fotos heim. Die Aufnahmen leerer Regale kursieren seitdem im Netz. Die Bevölkerung in Deutschland hamstert – denn man weiß ja nie, wie hart es kommen könnte. Schließlich sind schon 117 Menschen in Deutschland mit dem Coronavirus infiziert, am Freitag war es noch die Hälfte.

Lediglich vereinzelte Hamsterkäufe sind es mittlerweile nicht mehr: Der Discounter Lidl hatte bereits am Freitag in einigen Regionen und Filialen „deutlich erhöhte Abverkäufe“ verzeichnet, beispielsweise bei Konserven und Nudeln. Auch Aldi Süd hatte von einer verstärkten Nachfrage berichtet. Der Großflächendiscounter Kaufland hatte eingeräumt: „Bei stark nachgefragten Produkten kann es kurzfristig zu Engpässen kommen.“

Auch der Katastrophenschutz rät zu Notfallvorräten

Doch wie notwendig sind solche Hamsterkäufe eigentlich? Völliger Unfug sind sie eher nicht, schließlich rät selbst der Katastrophenschutz, für Extremfälle stets Vorräte für zehn Tage vorzuhalten – man weiß ja nie, was kommt. Allerdings zielen die Empfehlungen des Katastrophenschutzes eher auf ausgewachsene Katastrophen wie einen langfristigen Stromausfall ab. Dann würde der Handel ausfallen, tiefgekühlte Vorräte wären binnen weniger Tage unbrauchbar.

Wegen des Coronavirus hat allerdings bislang noch kein Geschäft in Deutschland geschlossen. Selbst im deutlich härter getroffenen Italien haben die Supermärkte zwar viele Hygienemaßnahmen eingeführt, sind aber weiterhin geöffnet. Der Greifswalder Mediziner Nils Hübner warnte deshalb am Samstag vor Hamsterkäufen. Ihm seien weder aus China noch Norditalien Meldungen über Hunger bekannt. Er erwarte auch nicht, dass in Deutschland eine solche Mangelsituation auftauche. Zudem befürchtet Hübner, dass große Mengen Lebensmittel im Müll landen könnten.

Der Handel bleibt gelassen

Eine akute Knappheit befürchtet auch beim Handel niemand: Einschränkungen bei der Warenverfügbarkeit sind aus Sicht des Handelsverbandes Deutschland bislang nicht festzustellen. Die Lieferstrukturen im Handel seien effizient und gut vorbereitet, die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet, bekräftigte dessen Sprecher Kai Falk am Samstag der Deutschen Presse-Agentur. Ähnliches betonten auch die großen Handelsketten in mehreren Statements. Ein Sprecher des Handelsverbands Bayern berichtete am Samstag in München, Lieferanten hätten ihre Lagerbestände bereits erhöht. „Auf eine erhöhte Nachfrage sind wir vorbereitet.“

Dass zwischendurch doch mal ein Regal leer ist, dürfte deshalb daran liegen, dass in Deutschland kaum eine Filiale noch über ein großes Lager verfügt. Wie auch in der Industrie wird im Handel längst „just in time“ geliefert. Nachts wird bestellt, morgens kommt die Lieferung, dann vielleicht noch eine zweite. Wenn sich nachmittags wegen einer Schreckensmeldung 100 Menschen in den Supermarkt begeben, ist das Nudelregal eben bis zum nächsten Tag leer.

„Herdenverhalten“ wird zur Gefahr

Warum also die Panik? Hübner sieht vor allem eine psychologische Komponente bei den Hamsterkäufen: „Wenn die Menschen vor leeren Regalen stehen, führt das wieder zu Hamsterkäufen. Das ist ein selbstverstärkender Prozess.“

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Ähnlich sieht es Marcel Fratzscher, Chef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin. Er warnt vor solchem „Herdenverhalten“. „So etwas gibt es auch bei Unternehmen und Konsumenten. Das ist zum Teil sehr irrational“, sagte der Chef des Berliner Forschungsinstituts DIW der „Passauer Neuen Presse“ (Samstag). „Ein Abwärtsstrudel ist möglich. Die größte Gefahr wäre Panik“, sagte Fratscher außerdem – auch in Bezug darauf, dass an der Börse längst ähnliche Effekte sichtbar sind. Nur, dass dort nicht ge-, sondern verkauft wird.

RND/dpa/hö