Deepwater Horizon: Giftstoffe noch zehn Jahre nach Öl-Unfall in Fischen messbar

Umweltverschmutzung

Vor zehn Jahren explodierte vor der US-Südküste die Bohrinsel Deepwater Horizon. Nun stellen Forscher eine Bilanz der Belastung von Fischen im Golf von Mexiko vor.

Venice

20.04.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Zehn Jahre nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon sind die Fische noch immer mit Erdöl belastet.

Zehn Jahre nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon sind die Fische noch immer mit Erdöl belastet. © picture alliance/dpa

Etliche Jahre nach der Explosion der Bohrinsel Deepwater Horizon enthalten Fische im Golf von Mexiko noch immer erhebliche Mengen an giftigen Erdölbestandteilen. Mit diesen Stoffen kommen Fische einer Studie zufolge nicht nur im Areal um die damalige Ölbohrplattform vor der US-Küste in Kontakt, sondern auch im übrigen Golf von Mexiko.

Das berichten amerikanische, mexikanische und kubanische Wissenschaftler nach jahrelangen Untersuchungen von Tausenden Fischen im Fachmagazin „Scientific Reports“.

Ölpest bedrohte 8000 Arten

Am 20. April 2010 war es nach einer Explosion auf der Bohrinsel zu einem Leck am Bohrloch in 1522 Metern Tiefe gekommen. Innerhalb der nächsten drei Monate strömten etwa 780 Millionen Liter Erdöl in den Golf von Mexiko. Der Ölteppich verbreitete sich auf 149.000 Quadratkilometern Meeresfläche – mehr als die doppelte Fläche von Bayern – und verseuchte mehr als 1000 Kilometer Küste. Die Katastrophe kostete Hunderttausende Tiere das Leben – Meeressäuger, Fische, Vögel und Schildkröten. Die Ölpest betraf den Lebensraum von rund 8000 Arten.

Die Forscher um Steven Murawski von der University of South Florida in St. Petersburg untersuchten nun von 2011 bis 2018 mehr als 2500 Fische von 91 Arten aus 359 Arealen im gesamten Golf von Mexiko. Dabei untersuchten sie die Tiere auf Erdölbestandteile wie Naphthalin und die als besonders giftig geltenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffe (PAK) wie Benzopyren. Abbauprodukte dieser Stoffe könnten an Proteine oder genetisches Material binden und so unter anderem Erbgutschäden verursachen, schreibt das Team.

Gallensaft der Fische zeigt Vergiftung

Die Forscher untersuchten vor allem den Gallensaft der Tiere. Am stärksten belastet waren demnach Gelbflossen-Thunfische (Thunnus albacares), Ziegelbarsche (Lopholatilus chamaeleonticeps) und Rote Trommler (Sciaenops ocellatus).

„Wir waren ziemlich überrascht, dass unter den am stärksten belasteten Arten der schnell schwimmende Gelbflossenthunfisch war, da er nicht am Meeresboden gefunden wird, wo die meisten Ölverschmutzungen im Golf auftreten“, wird Erstautorin Erin Pulster in einer Mitteilung der University of South Florida zitiert.

Gerade PAK kommen in der Wassersäule nur in geringen Konzentrationen vor. Möglicherweise trügen zur Belastung auch kleinere Einträge aus den Tausenden Bohrlöchern im Golf von Mexiko, aus natürlichen Rissen im Meeresboden oder aus anderen Quellen bei, spekulieren die Forscher. Ziegelbarsche dagegen leben als ausgewachsene Fische am Meeresboden, auch Rote Trommler halten sich viel in Bodennähe auf.

Die Konzentration der PAK-Stoffwechselprodukte lag bei allen Fischen zwischen 430 und 1900 Mikrogramm (Millionstel Gramm) pro Gramm Gallensaft. „Das breite Spektrum der PAK-Stoffwechselprodukte im Gallensaft der Fische, die im Golf von Mexiko gefangen wurden, liegt in der gleichen Größenordnung wie bei Fischen, die in verschmutzten Häfen und Flussmündungen in Brasilien (65,5 bis 589 Mikrogramm) gefangen wurden“, schreiben die Wissenschaftler. Zum Vergleich: Nach der Havarie des Öltankers Exxon Valdez 1989 vor Alaska lagen die Werte dort zwischen 260 und 2600 Mikrogramm.

Lebensgemeinschaft der Tiere ist heute ärmer

„Das war die erste Basisstudie dieser Art, und es ist erschreckend, dass wir dies angesichts des wirtschaftlichen Werts der Fischerei und der Erdölförderung im Golf von Mexiko nicht schon früher getan haben“, sagt Murawksi. Finanziert wurde die Untersuchung durch Zahlungen des Ölkonzerns BP, die dieses Jahr auslaufen, zu den Folgen des Unglücks. Die Bohrinsel war im Auftrag des Konzerns betrieben worden.

Im vergangenen Jahr hat eine Studie im Fachmagazin „Open Science“ der britischen Royal Society gezeigt, dass sieben Jahre nach der Katastrophe das Ökosystem in der Tiefsee um den Katastrophenort noch stark verändert ist. Die Forscher hatten Aufnahmen eines unbemannten Tauchgerätes von 2017 ausgewertet. Während sich einige Tiere wie bestimmte Tiefsee-Garnelen deutlich vermehrt hatten, hatten sich andere wie bestimmte Tiefsee-Asseln, Seegurken, Venusfliegenfallen-Anemonen und Gießkannenschwämme nicht wieder angesiedelt. Insgesamt sei die Lebensgemeinschaft in der Tiefe ärmer und gleichförmiger geworden, schrieben die Wissenschaftler.

Anlässlich des zehnten Jahrestages der Katastrophe warnt die Umweltorganisation OceanCare mit Sitz im Schweizerischen Wädenswil vor weiteren Ölbohrungen in der Tiefsee. Auch an Europas Küsten werde nach Öl gesucht, etwa im Mittelmeer vor Griechenland, Malta, der Türkei und Zypern, und auch in extrem tiefen Gewässern wie dem Hellenischen Graben. Gleichzeitig macht OceanCare darauf aufmerksam, „dass die ökologische Tragödie bereits bei der Suche nach Ölvorkommen mit sogenannten Schallkanonen beginnt“. Der dabei eingesetzte Explosionsschall könne bei Meeresbewohnern irreparable Schäden verursachen.

RND

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