Der fantastische Ballettabend „Fordlandia“ ist Balsam für die Seele

Theater Dortmund

Vielleicht ist die Sehnsucht nach Harmonie nach der Kultur-armen Zeit und in der Corona-Pandemie noch größer. Der Ballettabend „Fordlandia“ in Dortmund ist Balsam für die Zuschauer-Seelen.

20.09.2020, 14:01 Uhr / Lesedauer: 2 min
Die Schlussszene von „Fordlandia“ tanzen Lucia Lacarra und Matthew Golding vor der Leinwand mit violettem Licht und Wolken. – Traumhaft schön, wie der ganze wunderbare Tanzabend.

Die Schlussszene von „Fordlandia“ tanzen Lucia Lacarra und Matthew Golding vor der Leinwand mit violettem Licht und Wolken. – Traumhaft schön, wie der ganze wunderbare Tanzabend. © Leszek Januszewski

Von Julia Gaß

Es gibt Vorstellungen, nach denen ein Kritiker sprachlos ist. Weil sie absolut perfekt sind. Weil alles stimmt. Und weil man diesen Abend gerne noch 100 Mal erleben möchte. So eine Produktion ist der Ballettabend „Fordlandia“, die erste komplett selbst geplante Produktion des Dortmunder Ballett-Weltstars Lucia Lacarra. Mit ihrem Partner Matthew Golding brachte sie die traumhaft schöne Tanz-Wunder-Stunde am Samstag im Dortmunder Opernhaus zur Uraufführung. Für die Dortmunder ist Lucia Lacarra damit zur „Primaballerina Assoluta“ geworden.

Es geht um Träume und um Utopien. Auch um Corona und das, was die Pandemie mit Künstlern macht: nämlich die Sehnsucht nach dem Tanz, dem Partner und der Bühne fast zum Schmerz werden zu lassen.

Traumhaft schöne Bilder

Lucia Lacarra und Matthew Golding haben dafür mit Videokünstler Altin Kaftira und vier Choreografen Bühnen- und Filmbilder kreiert, die zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen. Am Anfang ist „Fordlandia“ noch mehr Tanzfilm als Live-Ballett, das dreht sich und verschmilzt mit nahtlosen Übergängen, die so fließend sind, wie die Bewegungen der beiden Tänzer, zu traumhaft schönen Bildern. Am Schluss getanzt vor der Leinwand aus violettfarbenen Wolken.

Zu Beginn sitzt Matthew Golding im Film auf einem Stuhl am Strand in Lucia Lacarras Heimat Nordspanien. Er wartet. Und sie tanzt – in noch etwas düsteren Bildern durch das leere Dortmunder Schauspielhaus. Choreografin Anna Hop hat für das erste Wiedersehen des Paars nach dem Stillstand wunderbare Bilder gefunden. Die Harmonie zwischen den beiden Tänzern beeindruckt in dem neoklassizistischen Spitzentanz zu Musik von Chopin tief und schafft immer mehr Nähe, die in Anna Hops dynamischer Choreografie „Close“ mündet.

Lucia Lacarra ist die Königin der fließenden Bewegungen

Der Kanadier Matthew Golding hat die Zeit des Lockdowns allein in Amsterdam verbracht. Ganz in der Nähe, im Wald bei Bergen aan Zee, ist die Filmszene zwischen Bäumen entstanden: fantastische Bilder von Einsamkeit und der Suche. Und als das Paar vor dem Schneesturm im Wald auf der Leinwand einen innigen Pas-de-deux von Yuri Possokhov tanzt, legt sich diese Wiedersehens-Innigkeit wie Balsam auf die Seelen der Zuschauer. Das ist Tanzkunst in Vollendung. Dass Lucia Lacarra die Königin der fließenden Bewegungen ist, sieht man in der Szene auch besonders deutlich.

Der Mittelteil des Abends ist die Choreografie „Fordlandia“ vom Spanier Juanjo Arques zu Musik von Jóhann Jóhannson. Von dem isländischen Komponisten stammt auch das Werk über die Utopie- und Geisterstadt Fordlandia, die Henry Ford im Urwald errichten wollte. Auf einem Felsen an der nordspanischen Küste sind für die Videoszenen dieser Choreografie atemberaubende Bilder von Lucia Lacarra entstanden.

Traumtanz vor Wolken

So magisch wie mystisch ist Arques’ zweite Choreografie, „Pile of Dust“ – ein sinnlicher Tanz wie auf Wolken, zu denen sich ein weißes Schleier-Tuch aufbläst (auch Bühne und Kostüme stammen von Lucia Lacarra, das Licht von Florian Franzen).
Was ist Traum? Was ist Utopie? Was ist Realität? Man mag Fiktionales in den Videobildern ablesen. Die Tanzszenen macht dieses Traumpaar des Balletts allerdings ganz und gar nicht zur Ernüchterung der Träume. Im Gegenteil: Choreograf Christophger Wheeldon zieht in seinem violetten Traumtanz am Schluss („Nach dem Regen“) kunstvoll auf eine Traumebene. Wunderschön.

Dies ist ein Ballett, bei dem das Publikum für eine Stunde alles andere vergessen kann und von der die Zuschauer bestimmt noch lange zehren. Unbedingt hingehen!

Termine: 8. / 9. 10., 15. / 28. 11.; Karten: Tel. (0231) 502 72 22 oder www.theaterdo.de
Schlagworte:
Lesen Sie jetzt