Deutschland versinkt im Schnee: So erleben Lkw-Fahrer das Winterchaos

Schneechaos

Es ist kalt, glatt und gefährlich: Auf den Autobahnen ging es zum Wochenstart kaum voran. Wie Lkw-Fahrer die aktuelle Situation erleben und wo sie sich mehr Unterstützung wünschen.

von Jessica Orlowicz

, 11.02.2021, 07:48 Uhr / Lesedauer: 3 min
Anfang der Woche staute es sich auf vielen Autobahnen: Vor allem auf der A2 ging es kaum voran. Teils mussten die LKW-Fahrer auf der Autobahn übernachten, weil die Rastplätze überfüllt waren.

Anfang der Woche staute es sich auf vielen Autobahnen: Vor allem auf der A2 ging es kaum voran. Teils mussten die LKW-Fahrer auf der Autobahn übernachten, weil die Rastplätze überfüllt waren. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Seit dem Wochenende hat der Winter weite Teilen Deutschlands fest im Griff. Während viele Arbeitnehmer inzwischen sowohl wegen der Corona-, als auch wegen der Wetterlage im Homeoffice sind, kämpfen Lkw- und Berufskraftfahrer auf der Straße mit Glätte, Eis und Schnee.

Teils ein aussichtsloses Unterfangen: So kam es am Mittwoch beispielsweise in Niedersachsen zu einer Sperrung auf der Autobahn 2 zwischen dem Kreuz Wolfsburg und Peine, weil Lastwagenfahrer durch die Wetterlage teils an der Weiterfahrt gehindert wurden, dort aber auch parkten und schliefen. „Es ist chaotisch“, beschrieb ein Polizeisprecher die Situation.

Chaotisch und sogar dramatisch stellte sich die Lage in der Nacht zu Dienstag auf der A2 bei Bielefeld in Nordrhein-Westfalen dar: Aufgrund der Witterung hatte sich ein Stau mit einer Länge von 37 Kilometern gebildet. Bei eisiger Kälte harrten Fahrer und Mitfahrende zum Teil seit Montagnachmittag in ihren Fahrzeugen aus – einige fast 24 Stunden lang.

Schneefälle und Glatteis in Deutschland: Viele Lkw-Fahrer entscheiden selbst zu fahren

Was die extreme Wetterlage für Berufskraftfahrer bedeutet, weiß Lkw-Fahrer Frank-Uwe Müller von der „B&M Speditionsgesellschaft“. Er arbeitet seit 40 Jahren in der Branche. „Wir schaufeln unser Fahrzeug frei, wenn es eingeschneit wurde, kommen manchmal nicht weiter und beobachten ständig die Wetterverhältnisse“, sagt der 58-Jährige. „Aber wir haben die nötige Erfahrung, um mit solchen Situationen umzugehen.“

Allerdings sind die Fahrer bei vielen Unternehmen – so auch bei Müller – nicht dazu verpflichtet, bei extremen Wettersituationen wie dem aktuellen Wintereinbruch auf den Straßen unterwegs zu sein. Eine risikofreie Fahrt stehe für das Wohl von Verkehrsteilnehmer und Ladung im Vordergrund, erklärt Robert Kroiß, erster Vorsitzender des Verbands der deutschen Berufskraftfahrer (DBV).

An Gefahrgutfahrer gebe der Gesetzgeber sogar per Funk weiter, sie sollten den nächsten Parkplatz anfahren und die Wetterlage abwarten. „Sie dürfen nicht mehr weiterfahren, das ist auch vernünftig für alle anderen Verkehrsteilnehmer“, sagt der 65-Jährige.

Schneemassen führen zu Verzögerungen bei der Lieferung

Wer sich traut, braucht neben Erfahrung starke Nerven, denn die Eis- und Schneemassen tragen zu Verzögerungen bei. Immerhin sind die Trucker weiterhin zu Pausen verpflichtet. „Bei uns gilt: viereinhalb Stunden Lenkzeit, dann 45 Minuten Pause“, erklärt Müller. Das Problem dabei: Bei diesen Wetterverhältnissen dauere manch eine 100-Kilometer-Strecke bereits drei Stunden. Und teilweise erlebe man Zwangspausen – zum Beispiel, wenn plötzlich Autobahnabschnitte gesperrt werden.

„Dann übernachten wir dort, wo wir gerade sind“, sagt er. „Und dann dauert das vielleicht einen Tag oder führt sogar zum Abbruch eines Auftrags.“ Dabei zeigten sich Arbeitnehmer und Kunde in der Regel verständnisvoll. Einige Firmen geben ihren Mitarbeitern wegen der Schwierigkeiten, die der Wintereinbruch bringt, gänzlich frei. Das betrifft aber vorwiegend den Nahverkehr.

Wintereinbruch: Sind Lkw-Fahrer und ihre Fahrzeuge gerüstet?

Allerdings sind die meisten Lastkraftwagen gut ausgestattet, frieren müssen die Fahrer nicht. „Wenn es genügend Dieseltreibstoff gibt und die Zusatzheizung funktioniert, gibt es keine Probleme“, sagt Kroiß. Außerdem enthalten die Fahrzeuge auch Betten samt Kissen und Decken. Wichtig sei auch ein voller Kühlschrank, ergänzt Müller.

Der Wagen, den Uwe Müller fährt, beinhaltet sogar eine programmierbare Heizung. Die stelle er so ein, dass sie in Intervallen arbeitet. Andernfalls wären die Nächte bei diesen Temperaturen nicht erträglich – denn perfekt isoliert seien die Fahrzeuge nicht. Sie sind schlichtweg nicht dafür gemacht.

Lkw-Fahrten bei Eis und Schnee: Notfall-Equipment ist das A und O

Wichtig ist laut Müller auch, entsprechendes Notfall-Equipment bei sich zu tragen. „Dazu zählen etwa eine Schaufel, ein Besen und ein Sack voll Salz“, erklärt er. „Nicht selten muss man sich nach einer Nacht bei Minusgraden und Schnee freischaufeln.“

Doch bei einem Wintereinbruch, wie er zurzeit herrscht, fahren sich Lkw immer wieder im Schnee fest. Ist dann der Abschlepper gefragt, wird es teuer. „Wir helfen uns zwar untereinander, aber versinkt der Lkw im Schnee, sind auch wir machtlos“, sagt Müller.

Lage auf Autobahnen: Berufskraftfahrer kritisieren Winterdienst

„An solchen Tagen ist es sehr anstrengend und kräftezehrend, sich mit der Verkehrslage zu arrangieren“, sagt Kroiß. Unmut erweckt bei einigen der Umgang mit den Wetterverhältnissen: Vielerorts – und vor allem dort, wo das winterliche Wetter eine Seltenheit ist – kam der Räumdienst nicht hinterher, zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen. „Das ist ein Witz, einmal über die Autobahn zu fahren und zu denken, damit wäre alles getan“, beklagt auch Berufskraftfahrer Müller.

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Dass viele Regionen trotz der Ankündigung des Wintereinbruchs wenig vorbereitet auf die Schneemassen schienen, ärgert die Berufskraftfahrer. DBV-Vorsitzender Kroiß fordert daher eine Verbesserung der technischen Ausrüstung sowie geeignete Schneeräumfahrzeuge. „Man sollte auch über geeignete Software für Wettervorhersagen nachdenken und die Leute mit entsprechendem Equipment ausstatten“, fordert er. „Auch Fachgespräche oder Besichtigungen vor Ort in Schneegebieten wie Österreich würden meiner Meinung nach schon viel ändern.“

Lkw-Fahrer zum Autofahren bei Schneechaos: „Bleibt zu Hause!“

Klar ist: Wer bei eisigen Temperaturen und Dauerfrost auf die Straße muss, sollte vorsichtig fahren. Dazu gehört, den Fuß vom Gas zu nehmen und vorausschauend zu fahren. Allen, die in diesen Tagen nicht zwingend vor die Tür müssen, rät Müller allerdings: „Bleibt am besten zu Hause!“ Ein Appell, der angesichts der Corona-Krise ohnehin gilt.

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