Die Gesichter des Sturms aufs Kapitol: Wie gefährlich wird der Qanon-Kult noch?

Terror in den USA

In Netzforen trommeln Trumps Treueste zum nächsten Sturm aufs Kapitol. Wie gut organisiert der Putschversuch war, wird erst nach und nach deutlich. Und der nächste Sturm wird schon geplant.

Berlin

von Jan Sternberg

, 11.01.2021, 16:43 Uhr / Lesedauer: 3 min
Unterstützer von US-Präsident Trump stehen vor Polizeien auf dem Gang vor der Senatskammer im Kapitol.

Unterstützer von US-Präsident Trump stehen vor Polizeien auf dem Gang vor der Senatskammer im Kapitol. © dpa

Der Kampf sei noch lange nicht vorbei, schreiben fanatische Trump-Unterstützer überall in den sozialen Netzwerken. Sie schreiben es auf Twitter und Facebook, nach den Sperren der vergangenen Tage aber immer mehr auf den Plattformen Parler, Gab und Telegram. „Präsident Trump hat vier Jahre für uns gekämpft“, heißt es beim „Trump Train“ auf Parler. „Wir müssen nun härter denn je für ihn kämpfen.“

Unter Hashtags wie „MillionMilitiaMarch“ diskutieren bewaffnete Rechtsextreme auf Social-Media-Plattformen bereits seit Wochen mögliche Aktionen für den 20. Januar, den Tag der Amtseinführung des neuen Präsidenten Joe Biden. Sie wollen, so kursiert es in Chatforen, einen „Rassenkrieg“ nach Washington bringen – aber auch anderswo im Land zuschlagen.

Secret Service: Amtseinführung ist sicher

Der Secret Service sah sich genötigt, eine Pressemitteilung herauszugeben, dass die Amtseinführung sicher und man auf alle möglichen Szenarien vorbereitet sei.

Der Kurznachrichtendienst Twitter warnt in seiner Begründung für die Sperre von Trumps Account zudem vor Planungen für einen gewaltsamen Protest am 17. Januar, dem Sonntag vor der Amtseinführung.

Gefahr geht vor allem von zwei Gruppen aus: gut organisierten paramilitärischen rechtsextremen Gruppen wie den „Proud Boys“ und den „Oath Keepers“ sowie von Anhängern des Qanon-Kults. Auch bei den Protesten am 6. Januar waren radikalisierte Veteranen und Qanon-Anhänger in vorderster Front.

Das auffälligste Gesicht des Putschversuchs war der „Q Schamane“ Jacob Chansley (33) aus Arizona, der sich Jake Angeli nennt. Aus den von der Staatsanwaltschaft veröffentlichten Unterlagen geht hervor, dass Chansley am Donnerstag selber bei der Bundespolizei FBI in Washington anrief und bestätigte, dass er der Mann mit dem Hörnerkopfschmuck gewesen sei. Chansley habe erklärt, dass er aus Arizona angereist sei, weil Trump alle „Patrioten“ für Mittwoch nach Washington gerufen habe.

Der als Schamane verkleidete Chansley ist ein bekennender Anhänger der Qanon-Verschwörungstheorie. Deren Anhänger glauben etwa, dass Trump einen geheimen Kampf gegen einen Staat im Staate („Tiefen Staat“, „Deep State“) führt – und dass er angeblichen systematischen Kindesmissbrauch, unter anderem durch die Demokraten des gewählten Präsidenten Joe Biden, aufzudecken versucht.

Kern der Verschwörungstheorie ist die angebliche Existenz eines anonymen Insiders in höchsten politischen Kreisen, der als „Q“ firmiert. Chansley trat in der Vergangenheit immer wieder mit der Behauptung auf, „Q“ habe ihn geschickt („Q sent me“). Er ist eines der bekanntesten Gesichter der Qanon-Szene.

Auch die bei der Erstürmung ums Leben gekommene Luftwaffenveteranin Ashli Babbitt (35) stand dem Qanon-Kult nahe. Babbitt war beim Versuch, eine verbarrikadierte Tür zu überwinden, von einem Parlamentspolizisten angeschossen worden und an ihren Verletzungen verstorben.

Vor ihrer Reise nach Washington schrieb sie auf Twitter: „Nichts wird uns aufhalten. Der Sturm ist da, und er wird in weniger als 24 Stunden auf Washington DC treffen – von der Dunkelheit ins Licht!“

Es ist der einzige Twitter-Post Babbitts, der nach ihrem Tod – von wem auch immer – gelöscht wurde. Für Qanon-Anhänger ist der „Sturm“ nicht nur ein Wetterereignis, sondern Teil einer Art Prophezeiung: Der Sturm wird ihre Gegner, „Liberale“, „Kommunisten“, „Eliten“ hinwegfegen, und ihr Held Trump wird sie zur Freiheit führen.

Der Extremismusforscher Peter Neumann befürchtet, dass nach dem Ende Trumps und der Vereidigung Bidens der Qanon-Kult zur Keimzelle eines neuen inländischen Terrorismus in den USA wird. Im „Spiegel“ schreibt Neumann: „Ab dem 20. Januar gibt es keinen Grund mehr, sich zurückzuhalten.

Ohne Trump fällt der Staatsapparat komplett in Feindeshand. Die Verfolgung ‚amerikanischer Patrioten‘ wird nicht ab-, sondern zunehmen.“ Mit Babbitts Tod habe die Bewegung ihre erste „Märtyrerin“, deren Opfer gerächt werden müsse.

Terroristische Bedrohung

Neumann schreibt: „Die terroristische Bedrohung, die sich hieraus ergibt, wird in den nächsten Jahren größer und gefährlicher sein als die von Dschihadisten.“ Qanon habe in den USA viel mehr Anhänger als der Dschihadismus, diese seien schwer bewaffnet, in Bürgermilizen aktiv – und der Kult habe Politik, Militär und Polizei infiziert.

„Ein Dutzend republikanische Mandatsträger hat bei der Besetzung mitgemacht, mehrere Abgeordnete verteidigten sie auf Fox News, und der Justizminister aus Alabama half dabei, sie zu finanzieren. Unter den Randalierern im Kapitol waren nach verschiedenen Berichten mindestens ein Dutzend aktiver Soldaten. Die Polizei in Seattle hat mehrere Beamten wegen Beteiligung an der Besetzung suspendiert.“

Auch ein Mitglied des Abgeordnetenhauses des Bundesstaats West Virginia, Derrick Evans, sei festgenommen worden. Die Staatsanwaltschaft teilte mit, Evans habe ein Video von seinem Eindringen ins Kapitol live auf seiner Facebook-Seite gezeigt.

Das Abgeordnetenhaus von West Virginia veröffentlichte am Samstag eine Mitteilung des 35-Jährigen, in der dieser seinen Rücktritt erklärte: „Ich übernehme die volle Verantwortung für meine Handlungen und bedauere zutiefst jede Verletzung, jeden Schmerz und jede Verlegenheit, die ich meiner Familie, meinen Freunden, meinen Wählern und meinen Mitbürgern in West Virginia zugefügt haben könnte.“

Die frisch gewählte Kongressabgeordnete Lauren Boebert, eine fanatische Trump-Anhängerin aus Colorado, soll auf Twitter sogar den Eindringlingen Hinweise gegeben haben. In zwei Kurznachrichten schrieb sie, wohin die Abgeordneten gebracht wurden und dass Parlamentspräsidentin Nancy Pelosi aus dem Kapitol herausgebracht worden sei.

Auf den Bildern der Erstürmung sind die Teilnehmer mit militärischem Hintergrund gut zu sehen: Diszipliniert marschieren sie in einer Reihe die Stufen zum Kapitol hoch, jeder fasst den Rucksack des Vordermanns, sie tragen teure Schutzausrüstung und Aufnäher: „Oath Keepers“ steht etwa darauf und „Not on my watch“.

Schon rufen etwa die „Cowboys for Trump“ zu einem erneuten Sturm aufs Kapitol auf, nach dem dann „Blut aus den Türen fließen“ wird.

Extremismusexperte Neumann befürchtet, dass Präsident Biden viel Zeit, Geld und Energie in die bislang vernachlässigte Bekämpfung des Rechtsterrorismus stecken muss. Er schreibt: „Der Sturm aufs Kapitol war deshalb kein Schlusspunkt, sondern spektakulärer Auftakt einer massiven terroristischen Bedrohung, die Amerika noch Jahre beschäftigt wird.“

RND

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