Grüne Landratskandidatin im Kreis Borken fällt durch

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Bei der Kreis-Wahlversammlung der Grünen in Stadtlohn kommt es zu einer großen Überraschung: Im Kampf um den ersten Reservelistenplatz unterliegt Susanne Trautwein-Köhler Vera Timotijevic.

von Josef Barnekamp

Stadtlohn

, 28.06.2020, 13:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Rund 120 Grünen-Mitglieder waren zur Wahl der Direktkandidaten und Reserveliste für die Kreistagswahl angereist. Sie setzten gewissermaßen mehrheitlich ihrer Landratskandidatin Susanne Trautwein-Köhler den Stuhl vor die Tür des Kreishauses: Sie wählten statt der Gronauerin am Samstagnachmittag in der Stadtlohner Stadthalle Vera Timotijević auf Platz eins der Reserveliste der Grünen für die Kreistagswahl am 13. September.

Timotijević, die zuletzt als scharfe Kritikerin von Kreissprecherin Monika Ludwig aufgetreten war, hatte erst auf der Mitgliederversammlung ihre Kandidatur öffentlich gemacht. Die Bocholter Stadtverordnete bekam 62 Stimmen, Trautwein-Köhler 54. Daraufhin zog Monika Ludwig, die auch Bürgermeisterkandidatin in Bocholt ist, ihre eigenen Kandidatur für Listenplatz drei zurück. Und auch Trautwein-Köhler verzichtete darauf, für einen Platz weiter hinten auf der Reserveliste zu kandidieren.

Vorstellungsrede und kritische Nachfragen

Bei der Wahl um Platz zwei der Reserveliste, über die erwartungsgemäß die meisten der Grünen-Kandidaten in den Kreistag einziehen werden, setzte sich im Anschluss Kreistagsmitglied Dietmar Eisele (Ahaus, 71 Stimmen) gegen Stefan Kuhlmann (Gronau, 46 Stimmen) durch. Auf Platz drei wurde nach dem Rückzug von Monika Ludwig Sandra Lentfort aus Vreden gewählt. Platz vier geht an den derzeitigen Fraktions-Vize Jens Steiner (Heek), der sich mit 72 zu 43 Stimmen gegen Kuhlmann durchsetzte.

Die gewählten Kandidaten

In den 30 Kreistagswahlbezirken treten am 13. September folgende Grüne als Direktkandidaten an: Wahlbezirk 1 (Isselburg): Karl Franz-Josef Wüpping; 2 (Bocholt): Monika Ludwig; 3 (Bocholt): Mariefa Robert; 4 (Bocholt): Klaus Ludwig; 5 (Bocholt): Bärbel Trauthig; 6 (Bocholt): Olaf Heisterkamp; 7 (Rhede/Bocholt): Gabriele Maiwald; 8 (Rhede): Heinrich Rülfing; 9 (Borken I): Maja Saatkamp; 10 (Borken II): Sandra Krüger; 11 (Borken III): Claudia Jung; 12 (Raesfeld/Erle): Holger Lordieck; 13 (Heiden/Borken/Reken): Hartwig Westermann; 14 (Reken): Bernhard Lammersmann; 15 (Velen): Heiner Bißlich; 16 (Gescher): Wolfgang Brüggestrath; 17 (Südlohn/Gescher): Susanne Rickers; 18 (Stadtlohn): Christian Nienhaus; 19 (Stadtlohn/Gescher): Richard Henrichs; 20 (Vreden I): Sandra Lentfort; 21 (Vreden II): Josef Wissing; 22 (Ahaus I): Gisa Müller-Butzkamm; 23 (Ahaus II): Michael Theuring; 24 (Ahaus III): Dietmar Eisele; 25 (Legden/Schöppingen): Daniela Kersting; 26 (Heek/Schöppingen): Jens Steiner; 27 (Gronau I): Jürgen Hentze; 28 (Gronau II): Florian Wielens; 29 (Gronau III): Stefan Kuhlmann und 30 (Gronau IV): Susanne Trautwein-Köhler

Bei ihrer Vorstellungsrede hatte Grünen-Landratskandidatin Susanne Trautwein-Köhler – als hätte sie das Desaster geahnt – noch an die Grünen-Mitglieder appelliert: „Lasst uns weise und mit Bedacht wählen.“ Man solle sich nicht „von alten Fehden leiten lassen“. Auf Nachfrage der Mitglieder musste Trautwein-Köhler aber einräumen, „noch keine Erfahrung in parlamentarischer Arbeit“ zu haben. Die aber hat Vera Timotijević als Grünen-Stadtratsmitglied schon, wenngleich sie im neuen Bocholter Rat wohl nicht mehr vertreten sein wird.

Enttäuschung bei Susanne Trautwein-Köhler

Susanne Trautwein-Köhler sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, sie sei „schon sehr enttäuscht“, zumal man eine Gegenkandidatin um Platz eins der Reserveliste im Vorfeld verschwiegen habe. „Das ist sehr schade.“ Sie bewertete das Ganze sogar als „extrem parteischädigend.“ Vera Timotijević hingegen fand, zu einer Wahl „gehört auch eine Auswahl“.

Auf den weiteren vorderen Plätzen der Reserveliste wählten die Grünen, teilweise aus zwei Bewerbern: Platz 5: Claudia Jung (Borken), Platz 6: Heinrich Rülfing (Rhede), Platz 7: Daniela Kersting (Legden), Platz 8: Daniel Leuders (Vreden), Platz 9: Maja Becker (Borken) und Platz 10: Bernhard Lammersmann (Reken). Aktuell sind die Grünen mit fünf Sitzen im Kreistag vertreten.

Kommentar von Josef Barnekamp

Zu einer Wahl gehört auch immer eine Auswahl: Insofern ist der Sieg der Bocholterin Vera Timotijević und die damit verbundene Wahlniederlage der Grünen-Landrats-Kandidatin Susanne Trautwein-Köhler ein ganz normaler Vorgang. Während in den meisten anderen Parteien die für Fraktionsstärke mitentscheidende Reserveliste parteiintern „vorverhandelt“ wird, tragen die Grünen ihre Personalentscheidungen gerne öffentlich aus. Das ist grundsätzlich gut, weil transparent – geschieht manchmal aber auch ohne Rücksicht auf Verluste. So hatte man denn am Samstag in Stadtlohn auch den Eindruck, die nicht gerade als politische Freunde geltenden Spitzen von Grünen-Kreispartei und Grünen-Kreistagsfraktion wollen nicht eine gemeinsame Reserveliste aufstellen, sondern jeder seine eigene durchsetzen – koste es, was es wolle. Dass dabei die eigene Grünen-Landratskandidatin unter die Räder geriet, bleibt als Schaden für die gesamte Grünen-Kreispartei. Susanne Trautwein-Köhler wird nun bis zum 13. September Wahlkampf führen – und sich sicherlich häufiger die Frage stellen lassen müssen, warum man jemanden wählen sollte, der nicht einmal die Mehrheit der eigenen Partei hinter sich hat. Noch dürfen die Grünen auch angesichts guter Umfragewerte hoffen, viele Kandidaten in den Kreistag entsenden zu können. Wenn sie ihre internen Querelen nicht beilegen, könnten es am Ende allerdings auch deutlich weniger werden als noch vor der Wahl am Samstag gedacht.
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