Die wahren Kinder sind die Erwachsenen

Stevie ist ein junges Ding von 14 Jahren, wirkt aber reifer. Sie ist es, die den Älteren ins Gewissen redet: "Geh doch arbeiten, dann bist Du auch müde." Die wahren Kinder in Pia Marais neuem Film "Die Unerzogenen" sind die Erwachsenen.

von Von Kai-Uwe Brinkmann

, 04.01.2008, 17:46 Uhr / Lesedauer: 1 min
Die wahren Kinder sind die Erwachsenen

Stevie ist nur von Ausgeflippten umgeben, den Weg ins Erwachsenenleben muss sie allein finden.

Stevies Mutter zigeunert mit ihr durch Europa. Von Portugal kommend, treffen sie in Deutschland im Haus von Stevies verstorbenem Großvater ein. Aus dem Knast entlassen, gesellt sich Stevies Vater dazu. Freunde treffen ein. Bald hat sich in Haus und Garten ein Hippie-Lagerleben entwickelt. Kiffen, trinken, ums Feuer hocken und schwadronieren.

Der Vater hat keinen Plan...

Zwischendrin ein Mädchen, das längst weiß, dass seine Eltern für das bürgerliche Leben nicht taugen. Marais Film passt in das Genre der "Coming of Age"-Streifen, der Geschichten vom Älterwerden. Stevie (gespielt von Céci Chuh) sucht ihren Platz im Leben, ihre Erzeuger fallen als Vorbilder aus. Der Vater (Birol Ünel aus "Gegen die Wand") hat keinen Plan, will wieder Drogen verticken und richtet unterm Parkett schon mal ein Versteck her. Die Mutter (Pascale Schiller) lässt die Dinge laufen. Nicht, dass die beiden ihr Kind nicht lieben. Aber sie sind so mit sich selbst beschäftigt, dass sie Stevie keine Perspektive zeigen. "Die Unerzogenen" ist kein Drama großer Paukenschläge. Keine gallige Abrechnung mit Dauerbedröhnten, die nichts gebacken kriegen. Pia Marais verteilt keine Ohrfeigen und Schuldsprüche. Sie bildet ab, sie fängt Atmosphäre ein, völlig unaufgeregt. Wie fühlt es sich an, wenn die Tage vergehen und scheinbar nichts zu tun ist?

...und die Mutter ist betrunken

Wenn alle im Sofa vor sich hindämmern. Wenn der Papa dir den Joint hinhält, mit seinen Koks-Bekanntschaften schläft und die Mama betrunken mit Teenagern aus der Nachbarschaft poussiert. Dieses Lebensgefühl in Erzählrhythmus zu transportieren, ist die Leistung des Films. Stevie muss sich alles selbst erarbeiten, sich ausprobieren, ihren Weg finden. Der Film schaut ihr dabei zu. Sehenswert.