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Allein mit sterbendem Vater

DORTMUND Zwei verwahrloste Mädchen mussten in Dortmund mit ansehen, wie ihr verwitweter krebskranker Vater zu Hause starb. Obwohl das Jugendamt von der prekären Situation in der Familie wusste, waren die Kinder mit dem Mann allein.

von Von Christoph Klemp

, 22.02.2008

Es sind exakt 613 Schritte vom Jugendhilfedienst im Dortmunder Stadtteil Mengede bis zum Haus, in dem die siebenjährige Julia und die neunjährige Sabine (Namen von der Redaktion geändert) neben ihrem toten Vater gelegen haben. Ein Fußweg von knapp vier Minuten, der den Mitarbeiterinnen der Jugendhilfe offenbar zu weit erschien.

Folgendes hätten sie gesehen: „Die Wohnung war in einem erbärmlichen Zustand“, sagt Torsten Patz. Der Vater zweier Kinder ist Schulpflegschaftsvorsitzender der Grundschule, die die beiden Schwestern besuchen. Seine Beobachtung: Essensreste, Flaschen und Müll türmten sich in der Erdgeschosswohnung des verfallenen Eckhauses in Dortmund-Mengede. „Die Betten der Kinder waren offenbar seit Monaten nicht mehr gemacht“, sagt Patz. Am schlimmsten sei aber der Geruch gewesen. „Der hing in den Klamotten, in den Schulsachen, einfach überall“, sagt Patz.

Nach dem Tod des Vaters hatte sich kurzzeitig ein Verwandter um die Mädchen gekümmert. Wegen seiner Montagetätigkeit aber gesagt, dass er dies nicht dauerhaft tun könne. Als er von ihrem tragischen Schicksal erfährt, erklärt sich Torsten Patz sofort bereit, die Mädchen bei sich aufzunehmen. „Wir haben aber gesagt, wir nehmen beide Mädchen vorübergehend zu uns, damit das Amt Zeit hat, eine passende Familie zu finden“, schildert Torsten Patz, der selbst zwei Kinder hat. „Seit dem 27. Januar hat sich die Jugendhilfe nicht ein einziges Mal von sich aus bei uns gemeldet“, ärgert er sich.

„Wir fühlen uns im Stich gelassen“

„Wir fühlen uns im Stich gelassen.“ Immer wieder habe die Familie um ein Gespräch mit der zuständigen Sachbearbeiterin gebeten. Erfolglos. Wenn ein Termin stand, folgte eine Absage. „Es ist eine bodenlose Frechheit“, sagt Patz. „Es scheint so, als wolle das Amt die beiden so lange wie möglich bei uns lassen.“ Er fürchtet, dass die Mädchen eine emotionale Bindung aufbauen und nach wenigen Wochen wieder aus der Familie gerissen werden. „Die haben doch nun wirklich genug durchgemacht.“

Was genau, weiß niemand. Es ist kurz vor Weihnachten, als sich Sabine, die ältere der beiden Schwestern, Zeugen offenbart. Sie müsse sich um Julia und den Haushalt kümmern. Dem Papa gehe es nicht so gut. Die Zeugen informieren umgehend die Jugendhilfe. Fakt ist: Der 67-jährige Vater hat zu diesem Zeitpunkt – um die Weihnachtszeit – Krebs im Endstadium und stirbt schließlich im Beisein der Kinder. Die Mutter war bereits vor zwei Jahren gestorben. „Das war sehr tragisch“, erinnert sich Martina Fischer, die im Getränkemarkt gegenüber dem Wohnhaus arbeitet. Auffällig seien die Kinder nicht gewesen. „Schmuddelige Schnütchen hatten sie, aber sonst sind sie immer sehr fröhlich hier mit ihren kleinen Fahrrädern rumgedüst“, sagt die Frau.

Mädchen waren auf sich selbst gestellt

Tatsächlich waren die Mädchen offenkundig auf sich selbst gestellt – niemand weiß, wie lange schon. Die Schwestern gingen allein einkaufen, schleppten die schweren Tüten nach Hause. Tüten voller Pizza, Pommes, Nutella und Toast – alles, was kleine Kinder gern essen. Manchmal halfen Fremde beim Tragen.

Sogar ihre Kleidung kauften die Mädchen allein in einer kleinen Boutique für Kinderkleidung nahe dem Bahnhof. „Die Mädchen hätten schon zu Lebzeiten des Vaters abgeholt werden müssen“, sagt Torsten Patz. Er glaubt, dass ihre Situation sich weiter verschärft hätte. So grausam es klinge: „Wäre der Vater nicht gestorben, ich weiß nicht, was mit den beiden passiert wäre.“

Am Donnerstag – nach massivem Druck der Pflegeltern – gab es endlich ein Gespräch mit der Jugendhilfe. Ergebnis: Bis Ostern soll eine neue Familie gefunden werden.

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