Diese Website verwendet Cookies. Cookies gewährleisten den vollen Funktionsumfang unseres Angebots, ermöglichen die Personalisierung von Inhalten und können für die Ausspielung von Werbung oder zu Analysezwecken gesetzt werden. Lesen Sie auch unsere Datenschutz-Erklärung

Der mit dem Hirsch spricht

DORTMUND Platzhirsch unter den Hirschrufern wurde Immo Ortlepp. Der Niedersachse aus Wedemark hat sich am Freitag bei der 11. Deutschen Meisterschaft der Hirschrufer auf der Ausstellung „Jagd und Hund“ in den Westfalenhallen gegen neun Konkurrenten durchgesetzt. Die wackeren Waidmänner mussten die Brunftschreie der Hirsche möglichst originalgetreu imitieren. Neben dem deutschen Meistertitel sicherte sich Ortlepp auch die Teilnahme an den diesjährigen Hirschruf-Europameisterschaften in Tschechien.

von Von Gaby Kolle

, 08.02.2008
Der mit dem Hirsch spricht

Der Niedersachse Immo Ortlepp wurde Platzhirsch unter den Hirschrufern.

Uuuuaah, ö, ö, ö – schauerlich und im Stakkato ertönt der Brunftschrei des liebestollen Hirschen. Doch vor den spärlichen grünen Tannen röhrt kein kapitaler Zwölfender, sondern Immo Ortlepp – der mit dem Hirsch spricht. 

Der hagere Berufsjäger und Kappenträger aus Niedersachsen will sich zum Sieg röhren. Gegen neun Konkurrenten tritt er an bei der Deutschen Meisterschaft der Hirschrufer. Einer der skurrilsten Wettbewerbe, einst Geheimtipp, heute Kult, wurdegestern wieder auf der Ausstellung „Jagd und Hund“ in den Westfalenhallen ausgetragen.

 Intime Zwiesprache

Die Hirschrufer pflegen eine intime Zwiesprache zwischen Mensch und Tier. Sie sprechen „Hirschisch“, zur Verstärkung der tiefen Kehltöne meistdurch teleskopartige Abflussrohre, Tritonschnecken und armlange Ochsenhörner. Die Rufjagd ist eine Sache unter Männern, aber aus Sicht der Hirsche hundsgemein. Die Hirschrufer gaukeln dem König der Waldtiere in der Brunftzeit von Mitte September bis Mitte Oktober einen Rivalen vor. Die Hirsche, Opfer ihrer Triebe, kommen aus der sicheren Deckung, um dem vermeintlichen Nebenbuhler mit dem mächtigen Geweih eins auf die Schaufel zu geben. Schon ist die Schussbahn frei, und der Wald hat oft einen acht- bis zwölfendigen Macho weniger.

 Beim Wettröhren in Halle 4 sind die meist grünen, zweibeinigen Hirsche unter sich – abgesehen von den vielen hundert Zuschauern und zahlreichen Medienvertretern, die dem Spektakel auf der Bühne schmunzelnd folgen. Da-runter auch Rauhaardackel Lissy. Sie hat zwar noch nie Rotwild gesehen, scheint aber beeindruckt von den Urlaut-Kopien.

Röcheln, was die Kehle hergibt

Bei dem Versuch,triebgetreu die Luftröhren bebender Geweihträger zu imitieren, stöhnen, grunzen , brüllen, tröten und röcheln die Lockjagdprofis, was die Kehle hergibt. Egal, ob sie den suchenden Hirschen geben, der zum Brunftplatz zieht, den Platzhirschen, der mit seinem Sprengruf sein Rudel zusammentreibt oder den siegreichen Kämpfer – für das ungeübte Ohr klingt das tierische Geschrei wie eine Mischung aus akutem Asthmaanfall, heftiger Darmkoliken oder kurzen, klagenden Würgelauten. Hirschrufer Ortlepp entlockt seinem Plastikrohr Geräusche vom sensiblen Röcheln bis zum erregten Urzeittherapieschrei. „Der geht in die Tiefe“, meint anerkennend eingrünberockter Zuschauer.

Mal überschwänglich, mal dezent, mal vorsichtig, mal aufbrausend klingt die Melodie, die tief aus der Kehle kommt und in Wellen durch die Halle schwingt. Zuweilen erzittert der Boden im Wettkampf-Areal.

 Den richtigen Ton treffen

Die Hirschrufer müssen nicht nur die diversen Stimmlagen eines Brunfthirsches phonetisch möglichst gut nachahmen, sondern auch den richtigen Ton treffen, „das Feingespür haben“, erläutert Moderator Karl-Heinz Betz.

Fünf treffen so ins Schwarze, dass sie ins Stechen müssen,diesmal inder Disziplin „Ein junger Hirsch fordert einen Alten heraus“. Die Hirsche auf der Bühne sind fast alle schon angegraut. Einigen zweibeinigen Rivalen ist die Anstrengung puterrot ins Gesicht geschrieben. Auch Immo Ortlepp, Mitte 40, gibt alles, wechselt gar je nach Brunftruf die Verstärker, während Vorjahressieger Josef von Gostkowski seiner braun gesprenkelten Tritonschnecke treu bleibt.

Die drei Juroren hinter der Bretterwand, die wie beim Eiskunstlauf nach jeder Rufnummer eine Kartee von 1 bis 6 hochhalten, sind schließlich überzeugt: Immo Ortlepp hat sich zum Sieg geröhrt. Er ist nun Platzhirsch im Revier der Hirschrufer. Und muss als Zugabe noch einmal musizieren. Er macht – ganz Natur – denSiegesschrei: Uuuuaaaahh. Oder so ähn- lich.   

Schlagworte:
Lesen Sie jetzt