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Mit Kopf und Herz

Der Titel ist sperrig. "Sonderbeauftragter des Oberbürgermeisters für Vielfalt, Toleranz und Demokratie" steht auf der Visitenkarte von Hartmut Anders-Hoepgen. Anfang Januar hat der frühere Superintendent der evangelischen Kirche das Ehrenamt übernommen. Und seitdem schon viele Eindrücke gesammelt, wie er im Gespräch mit RN-Redakteur Oliver Volmerich berichtete.

20.02.2008

Mit Kopf und Herz

<p>Hartmut Anders-Hoepgen will seine Stimme gegen Rechtsextremismus erheben. Wegener</p>

Herr Anders-Hoepgen, Ende Oktober sind Sie als Superintendent verabschiedet worden, hätten sich jetzt den Ruhestand gönnen können. Trotzdem sind sie gleich wieder aktiv geworden. Wie kam es dazu?

Anders-Hoepgen: Als mich der Oberbürgermeister gefragt hat, ob ich für den städtischen Aktionsplan ehrenamtlich die koordinierende, vernetzende und moderierende Tätigkeit übernehmen wollte, habe ich mir natürlich ein paar Tage Bedenkzeit erbeten und mich mit Freunden und Familie beraten. Doch spontan war für mich klar: Das Thema ist mir in Kopf und Herz. Wichtig ist auch die Zusammenarbeit mit Uwe Büscher als Mann der Verwaltung. Mir haben alle geraten: Wenn Du es zeitlich hinkriegst, mache es.

Und klappt es zeitlich?

Anders-Hoepgen: (lacht): Es ist schon sehr umfangreich, eher ein halber Job als ein Ehrenamt.

Welche Akzente wollen Sie setzen?

Anders-Hoepgen: Die Handlungsleitlinien hat der Ratsbeschluss vom 13. September vorgegeben. Dabei stehen an erster Stelle die Analyse der Probleme rund um neuen Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit und die Vernetzung und der Ausbau der vorhandenen Strukturen, die schon dagegen arbeiten. Wir wollen vorhandene Aktionen nicht ersetzen, sondern stärken.

Sie hatten angekündigt, im ersten halben Jahr viele Gespräche zu führen und Eindrücke zu sammeln ...

Anders-Hoepgen: Wir gehen schon auf die 50 Gespräche zu. Das geht von der Politik über Verbände, den Arbeitskreis und das Bündnis gegen Rechts bis zu Schulen und den Stadtsportbund. Klar ist: Uwe Büscher und ich können nur initiieren und motivieren. Wir müssen Menschen gewinnen. Wenn wir alles selbst machen wollten, wären wir überfordert.

Gibt es schon Erkenntnisse?

Anders-Hoepgen: Zum Beispiel wie wichtig die Verzahnung mit dem Aktionsplan Soziale Stadt ist. Denn wo Armut besteht, den Menschen Perspektiven verstellt werden, entsteht ein Nährboden, auf dem rechtsextremes Gedankengut aufgeht. Dann das Thema Integration. Denn Fremdenfeindlichkeit ist derzeit die wichtigste Komponente des Rechtsextremismus. Und sie wächst an - nicht nur an den Rändern der Gesellschaft, sondern mittendrin, auch in bürgerlichen Kreisen. Wichtige Erkenntnisse erhoffen wir uns aber vor allem durch eine wissenschaftliche Begleitung.

Wie steht es darum?

Anders-Hoepgen: Es wird eine Ausschreibung geben, für die wir bekannte Institute anschreiben. Das können wir derzeit noch nicht, weil der städtische Haushalt noch nicht freigegeben ist. Wir hätten eigentlich noch in diesem Jahr gern die ersten Ergebnisse. Aber die Untersuchung soll handlungsbegleitend sein. Wir warten natürlich nicht, bis alle Ergebnisse vorliegen, bis wir etwas tun, sondern handeln jetzt schon.

Es stehen 100 000 Euro für die Umsetzung des Aktionsplans zur Verfügung. Lässt sich damit etwas anfangen?

Anders-Hoepgen: Das hört sich erst einmal nach viel Geld an, ist aber schnell weg. Aber wir wollen auch Fördergelder und finanzielle Unterstützung etwa in der Wirtschaft für Projekte einwerben und das Geld so vermehren.

Was passiert damit?

Anders-Hoepgen: Es sollen Akteure und Projekte unterstützt werden. Etwa in Schulen, aber auch bis in die Kindergärten hinein. Die Präventionsarbeit muss schon früh ansetzen.

Generell wird ja darüber gestritten, wie groß die Gefahr von Rechts ist. Ist Dortmund eine Hochburg der Rechten?

Anders-Hoepgen: Das kommt darauf an, wie man es betrachtet. Die Polizei würde wohl sagen: Bei rechten Gewalttätern ist der Personenkreis überschaubar. Aber seit die Braunen im Rat Fraktionsstatus haben, ist die Aufmerksamkeit der neonazistischen Szene natürlich gewachsen. Aber das heißt nicht, dass Dortmund eine Hochburg der Rechten ist.

Ich kriege einen dicken Hals, wenn diese rechten Randerscheinungen sagen: Dortmund ist unsere Stadt. Das Gegenteil ist richtig: Dortmund ist eine Hochburg der Arbeit gegen Rechts und für Toleranz und Vielfalt. Die Zahl derjenigen, die dafür eintreten, ist immens viel größer als die Zahl der Rechten. Das ist auch eine unserer ersten Erfahrungen: Es gibt schon eine große Vielfalt an Handelnden und Projekten gegen Rechts. Das ist sehr ermutigend und macht zuversichtlich.

Für den 6. September ist trotzdem eine neue Neonazi-Demo angekündigt. Was raten Sie für den Umgang damit?

Anders-Hoepgen: Wir sind dabei, eine Strategie dazu zu entwickeln. Gut wäre, wenn sich eine Großveranstaltung gegen Rechts nicht an diesem Termin 6. September ausrichtet, sondern eigene Akzente setzt.

Wie wäre es damit, die Rechten einfach zu ignorieren?

Anders-Hoepgen: Ich würde gerne mal erleben, wie es wäre, wenn die Neonazis aufmarschieren und es wäre tote Hose, die Menschen würden sich abwenden. Stell Dir vor, es gibt eine Nazi-Demo und keiner geht hin.

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