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Weg zum seelischen Krüppel

Seit gut einem Jahr arbeitet Gerhard Kracht als Sektenbeauftragter der evangelischen Kirche. Mit dem 55-Jährigen sprach RN-Redakteur Andreas Wegener.

11.02.2008

Nach der Affäre um Tom Cruise ist eine neue Scientologie-Debatte entfacht. Bekommen Sie das auch in Dortmund zu spüren?

Kracht: Nein, Scientologie spielt in den Anfragen, die sich auf das östliche Ruhrgebiet beziehen, kaum eine Rolle. In Dortmund gibt es keine Niederlassung der Scientology Organisation.

Warum ist die größte Stadt im Ruhrgebiet für Scientology so uninteressant?

Kracht: Die Organisation hat es wohl eher auf reichere Städte wie Düsseldorf oder München abgesehen. Der Standort Berlin ist gewählt worden, weil es die Bundeshauptstadt ist.

Was ist denn der Schwerpunkt ihrer Arbeit?

Kracht: Telefonische und gemailte Anfragen. Meist melden sich eher Angehörige oder Co-Betroffene.

Und was wollen die Fragenden wissen?

Kracht: Wenn sich zum Beispiel der Ehemann einer Gruppe angeschlossen hat, möchte die Frau natürlich gerne wissen, um was für eine Institution es sich da handelt. Hier versuche ich zu recherchieren, welche Gruppe oder Gemeinschaft in Frage käme und ob die Gruppe konfliktträchtig einzustufen ist. Die Antwort ist nicht immer leicht.

Welche Sekten sind denn gefährlich?

K racht: Die Bandbreite diverser Gruppen und Gemeinschaften ist viel größer geworden. Während man früher eine Handvoll größerer Sekten wie Neuapostolische Kirche oder Zeugen Jehovas kannte, gibt es heute eine Unzahl von kleineren Gruppierungen.

Das macht die Frage, ob es sich dabei um eine gefährliche Sekte handelt, sicher nicht leichter...

Kracht: Stimmt. Die meisten moderneren Organisationen haben gemein, dass sie den Weg in die persönliche Freiheit zeigen wollen. Die Kernfrage lautet dann immer: Ist diese Gruppe unter Umständen konfliktträchtig? Wenn die Mitglieder dieser Organisationen z. B. ihr gewohntes Leben nicht weiterführen können, wenn Persönlichkeitsveränderungen festgestellt werden oder unglaublich viel Geld für Mitgliedschaft oder Infomaterialien ausgegeben wird, sind das wichtige Alarmzeichen.

Was treibt die Menschen in Sekten?

Kracht: Oft spielt Einsamkeit eine Rolle. Aber generell sind die Menschen aufgeschlossener für religiöse und esoterische Fragen geworden und suchen einen Sinn im Leben.

Großen Zulauf haben auch alle Arten von Bibelkreisen...

Kracht: Ja, vor allem solche, die den Text wortwörtlich nehmen...

Wie erklären Sie sich das?

Kracht: Die Welt ist zunehmend komplizierter geworden, da ist eine Flucht ins religiös Einfache zu beobachten. Gefährlich werden die Kreise, wenn es z. B. darum geht, sündlos zu werden. Es gibt bibelorientierte Gemeinschaften, die sich Sündlosigkeit zum Ziel setzen. Dazu wird oft ein perfektes psychologisches Kontrollsystem aufgebaut. Am Ende verliert man das Gefühl für sich selbst - und wird zu einem seelischen Krüppel.

Noch eine letzte Frage: Nach den Kaninchenmorden in Witten und Dortmund wurde über schwarze Magie als mögliches Motiv gerätselt. Gibt es in Dortmund noch Satanisten?

Kracht: Nein, jedenfalls lassen die Taten in Witten und Dortmund nicht auf satanistische Gemeinschaften schließen.

Weitere Infos gibt es unter Tel. 5 40 91 52. www.ekd.de/ezw

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