E-Bike-Sharing: Bloß ein Hype – oder neuer Ökotrend?

Mobilität

Mobilitätsdienste haben ein neues Geschäftsmodell ausgemacht: die Kurzzeitmiete von Elektrofahrrädern. Allerdings ist der Nahverkehr schon jetzt gut ausgebaut – braucht es da noch E-Bikes?

Hamburg

05.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
E-Bikes haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr auf den Straßen in Deutschland etabliert.

E-Bikes haben sich in den vergangenen Jahren immer mehr auf den Straßen in Deutschland etabliert. © picture alliance/dpa

Mit rasanter Geschwindigkeit kommt eine neue Form der Fortbewegung in die Städte. Die Kurzzeitmiete von Elektrofahrrädern. In dieser Woche gab es in Hamburg eine Doppelpremiere. Zuerst startete der Mobilitätsdienst Free Now mit dem Schweizer Start-up Bond ein Sharingangebot mit Velos, die 45 Stundenkilometer schnell sind. Tags drauf legte der US-Konzern Lime mit seinem E-Bike-Angebot nach. Pläne für Expansionen in andere Städte laufen bereits.

Und sofort stellt sich die Frage: Handelt es sich um einen kurzfristigen Hype oder um eine neue nachhaltige Form der Fortbewegung? Die globale Start-up-Szene hat schon vor einiger Zeit urbane Mobilität als Next Big Thing entdeckt. Zuerst waren es einfache Leihfahrräder, die plötzlich von Anbietern aus Asien und den USA in den hiesigen Metropolen in rauen Mengen an allen Ecken zum Mieten angeboten wurden. Sie verschwanden wieder im Zuge eines selbstzerstörerischen Überangebots und Wettbewerbs.

Es folgten die Elektrotretroller, die ebenfalls mit Vehemenz offeriert wurden und vielfach zu Hindernissen für Fußgänger und damit zum Ärgernis wurden – mit der Corona-Krise verschwanden sie, sind inzwischen aber in geringerer Stückzahl wieder aufgetaucht.

Per App können Nutzer die Räder buchen

Die Nutzung funktioniert jeweils nach dem Free-Floating-Prinzip. Die Zweiräder können mittels Smartphone-App gebucht und nach der Fahrt im öffentlichen Raum abgestellt werden. So läuft es auch mit den Elektrofahrrädern. Doch braucht es die Vehikel in Anbetracht des großen Angebots im Nahverkehr überhaupt?

Busse und Bahnen, Taxis und normale Fahrräder sowie E-Motorroller zum Ausleihen gibt es in vielen Großstädten auch noch. „Wir sind von dem Konzept von Bond überzeugt“, sagte Falk Sluga, Sprecher von Free Now, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Free Now gehört zu einem Gemeinschaftsunternehmen von Daimler und BMW, das auch Taxifahrten vermittelt und E-Tretroller offeriert.

Das neue Angebot richte sich an junge und umweltbewusste Leute. Ein Schwerpunkt der Nutzung soll die Zeit nach dem Feierabend der Großstadtbewohner werden, wenn’s um die Freizeitgestaltung geht. Die Bond-Bikes seien eher für die Mittelstrecke gedacht, für Entfernungen von sieben bis acht Kilometer, ergänzend zu den E-Scootern für die ganz kurzen Strecken.

Sluga räumt aber auch ein, dass man noch am Anfang stehe und das neue Angebot erst einmal austeste. „Wenn es gut läuft, werden wir es auch auf andere Städte erweitern.“ Die ersten Erfahrungen mit den Stromern auf zwei Rädern sollen Insidern zufolge äußerst positiv sein. 350 Exemplare der robusten Velos aus der Schweiz werden zunächst in der Hansestadt stationiert. Schon im Juni startete Bond in München mit 250 Rädern.

Start-up setzt auf Kooperation

Das Start-up aus der Eidgenossenschaft ist außerdem in Zürich und Bern sowie in Helsinki aktiv. Für das „weltweit erste stationslose S-Pedelec-Sharing-System“, so die Eigenwerbung von Bond Mobility, ist die Kooperation mit Free Now ein wichtiger Schritt. Denn wird der Service über eine der großen Mobilitätsplattformen unter die Leute gebracht – die Räder können über die Free-Now-App gesucht und gebucht werden.

Sein Unternehmen komme nun der Vision „eines positiven Einflusses auf die Verkehrssituation in den Innenstädten näher“, sagte Raoul Stöckle, Mitgründer und Chef von Bond Mobility. Allerdings spielt bei seinen Plänen auch die Freude am Fahren (BMW-Slogan) eine Rolle. Deshalb gehen auch Super Pedelecs an den Start.

Pro Minute 25 Cent

Das sind Fahrräder, die nach offizieller Definition Kleinkrafträder sind, die bis zu 45 Stundenkilometer schnell sind, ein Kennzeichen haben und innerstädtisch nur über Autostraßen rollen dürfen. Die Nutzer müssen einen Fahrradhelm tragen und über einen Führerschein der Klasse AM verfügen. Pro Kilometer kostet die flotte Mobilität 45 Cent. Die Free Now/Bond-Kooperation hat offenbar die Konkurrenz aufgeschreckt.

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Unmittelbar nach deren Start legte das US-Start-up Lime nach, das vor allem elektrische Tretroller anbietet, in der Hansestadt nun aber ebenfalls E-Bikes auf Abruf zur Verfügung stellt, und zwar gleich 500. Hierbei handelt es sich allerdings um Räder, die nur 25 Sachen schaffen und pro Fahrminute 25 Cent kosten.

Vieles spricht dafür, dass zunächst in Hamburg und mutmaßlich bald in anderen Städten ein Kampf um Marktanteile entbrennt. Zumal Branchenkenner davon ausgehen, dass eine Reihe weiterer Start-ups an Konzepten für E-Bike-Sharing bastelt. Stöckle jedenfalls will ganz vorne dabei sein und ist bereits dabei, Geld bei risikofreudigen Investoren für eine weitere Expansion einzusammeln. Das Ziel: Die Flitzer aus der Schweiz sollen bald schon in etwa 100 europäischen Städten durch die Straßen sausen.

Noch ist es nicht gelungen, Geld zu verdienen

Der Haken an dem Free-Floating-System: Bislang ist es kaum gelungen, damit Geld zu verdienen. Bond setzt deshalb nicht nur auf die Einnahmen aus dem Kilometergeld. Er baut zudem auf Monatsabos für Berufspendler und auf Händler und Gastronomen. Die sollen in der Nähe ihrer Lokalitäten für Abstellflächen zahlen, an denen die Nutzer ihre Pedelecs kostenlos parken können – das soll Kunden in Läden und Cafés locken. Auch Banken oder andere Firmen in der City können solche Flächen buchen, das kann als Anreiz dienen, damit die Angestellten mit dem Bond-Bike zur Arbeit fahren.

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Und wie reagiert der Branchenprimus Call a Bike auf die neue Konkurrenz: Die Tochter der Deutschen Bahn teilt auf Anfrage mit, dass in der Region Stuttgart von 1400 Rädern bereits mehr als 500 Pedelecs im Einsatz seien. Damit könnten auch weitere Entfernungen oder Steigungen leicht zurückgelegt werden. Zudem stünden in Hamburg 20 und in Stuttgart zehn Lastenräder mit elektrischem Hilfsmotor zur Ausleihe bereit.

Die Bahn beteilige sich regelmäßig an kommunalen Ausschreibungen für Fahrradverleihsysteme und sei Partner bei der Bereitstellung maßgeschneiderter Lösungen. E-Räder seien dabei ein wichtiger Baustein, „um den Anforderungen der jeweiligen Städte, beispielsweise der Topografie oder weiten Entfernungen, gerecht zu werden“.

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