Ein Pianist, der erst betäubt und dann schwindelig spielt

Ivo Pogorelich in Dortmund

Pianist Ivo Pogorelich wäre der beste Mann, um in der „Stell Dich der Klassik“-Aktion des Dortmunder Konzerthauses das geflügelte Nashorn zu zähmen: Erst betäubt er es mit seinem meditativen Zeitlupenspiel, dann spielt er es schwindelig. Ähnlich ging‘s dem Publikum am Donnerstag im Konzerthaus.

DORTMUND

, 13.03.2015, 16:56 Uhr / Lesedauer: 1 min
Pianist Ivo Pogorelich

Pianist Ivo Pogorelich

Im Halbdunkel und mit Noten spielt der 56-jährige seit geraumer Zeit seine Konzerte. Berühmte wurde der Kroate 1980 durch den Preis, den er nicht bekam beim Chopin-Wettbewerb in Warschau, als Martha Argerich erbost die Jury verließ und wetterte „Er ist ein Genie“. Damals tourte Pogorelich als wilder Temperamentsspieler um die Welt. Nach dem Tod seiner Frau und Lehrerin Aliza 1996 wurde er zum Zenmeister am Klavier.

Pianisten-Pater

Wie ein Pianisten-Pater wirkte Pogorelich auch in Dortmund, aber sein Spiel ist inzwischen energiereicher. Mit Kraft (und Bleifuß auf dem rechten Pedal) hämmerte er Liszts Fantasie-Sonate und zelebrierte zwischendurch immer wieder einzelne Töne.

Da, und auch bei seiner ebenso bedächtigen Interpretation der Schumann-Fantasie, die mit dem harten Anschlag nach allem klang, nur nicht nach Schumann, saß man als Zuhörer immer wieder da und staunte: „Was macht er denn jetzt schon wieder?“ – Nicht nur dann, wenn Pogorelich auch mit Tönen improvisierte, vor allem in den Momenten, wo er Schumann mit Valium ertränkte.

Fehlende Stringenz

Dabei kann er vortrefflich Klavier spielen. Seine Technik, mit der Strawinskys „Petruschka“ wie eine Rhythmusmaschine auf die Tasten stampfte und in Brahms‘ Paganini-Variationen den Virtuosen herauskehrte, ist imposant. Und auch seine zärtlich ausgespielten Momente fesseln – nur fehlte die Stringenz.

Dann klemmte im Strawinsky auch noch ein Bass-Hämmerchen im Flügel, wo Pogorelich in das Instrument greifen musste. Und die Umblätterin wies er in den Brahms-Variationen mehrfach zurecht, weil er dann doch lieber selbst umblättern wollte. Gesprächsstoff bot dieser Abend reichlich. 

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