Ein Präsident auf Drogen - Hat Trump Selbstversuch mit Malaria-Medikament gestartet?

Coronavirus

Seit Wochen wirbt Donald Trump für das Malariamittel Hydroxychloroquin zur Therapie der Lungenkrankheit Covid-19. Nun hat er angeblich einen Selbstversuch begonnen. Ärzte sind entsetzt.

Washington

19.05.2020, 09:27 Uhr / Lesedauer: 3 min
„Ich nehme es auch“, sagte Donald Trump am Montag über das umstrittene Malariamittel Hydroxychloroquin.

„Ich nehme es auch“, sagte Donald Trump am Montag über das umstrittene Malariamittel Hydroxychloroquin. © picture alliance/dpa

Der Moderator des Kabelsenders Fox News wirkte gewaltig verblüfft und ein bisschen geschockt. „Das war atemberaubend“, ergriff Neil Cavuto nach dem Ende der Live-Übertragung aus dem Weißen Haus leicht stammelnd das Wort. „Der Präsident der Vereinigten Staaten hat gerade erklärt, dass er Hydroxychloroquin nimmt.“ Schnell fand der 61-Jährige, der nach früheren Angaben an Multipler Sklerose leidet, seine professionelle Sicherheit wieder und lief zur Hochform auf. „Wenn Sie mit dem Virus kämpfen und zur Risikogruppe gehören, dann wird Sie das töten!“, warnte er eindringlich seine Zuschauer.

Soviel kritische Distanz zum Präsidenten gibt es selten bei dem rechten Fernsehkanal. Doch hatte Donald Trump zuvor eine selbst für seine Verhältnisse irrwitzige Darbietung geboten. Seit Wochen schon wirbt er für das umstrittene Malaria-Medikament Hydroxychloroquin zur Behandlung der Lungenkrankheit Covid-19. Am Montagnachmittag erklärte er bei einer Pressebegegnung unvermittelt: „Sie würden überrascht sein, wieviele Menschen das nehmen – besonders Ersthelfer, bevor sie sich anstecken. Ich nehme es übrigens auch.“

„Ich bin immer noch hier!“, triumphiert Trump

Die Reporter waren verdutzt. „Hydroxychloroquin?“, riefen sie: „Wann? Derzeit?“ Ja, antwortete Trump: „Ich habe vor ein paar Wochen begonnen. Ich habe viele gute Sachen darüber gehört.“ Ein paar Minuten später präzisierte er, dass er mit der Einnahme in Absprache mit seinem Arzt vor anderthalb Wochen begonnen habe. Er hätte es kaum abwarten können, die Reaktion der Journalisten zu sehen. „Ich bin immer noch hier. Ich bin immer noch hier“, triumphierte er grinsend.

Die Aussage schlug ein wie eine Bombe. Vor wenigen Tagen nämlich erst hatten amerikanische Zeitungen berichtet, dass das umstrittene Präparat bei Covid-19 keinerlei positive Wirkung, sehr wohl aber gefährliche Nebenwirkungen habe. Vor zwei Monaten habe Trump das Medikament angepriesen und infizierte Corona-Patienten provokativ gefragt, was sie schon zu verlieren hätten, monierte die Washington Post und ergänzte trocken: „Für viele heißt die Antwort: ihr Leben.“

Tatsächlich hat die amerikanische Arzneibehörde FDA Ende April ausdrücklich vor möglicherweise tödlichen Herzrhythmusstörungen durch Hydroxychloroquin gewarnt und das Medikament lediglich zu klinischen Versuchen im Krankenhaus unter strikter ärztlicher Aufsicht, jedoch keinesfalls zur Corona-Prophylaxe zugelassen. Frühe Studien im Labor hatten die Hoffnung genährt, dass der Wirkstoff die Zellen vor dem Angriff des Virus schützen könnte. Doch zwei große Praxis-Studien mit insgesamt 2800 Covid-Patienten in New Yorker Krankenhäusern zeigten zuletzt weder beim Einsatz von Hydroxychloroquin noch bei einer Kombinationstherapie mit Zink irgendeine signifikante Veränderung in der Sterblichkeit. Trump müsse der Bevölkerung sagen, dass sein Wundermittel „wirkungslos“ sei, forderte die Wahington Post in ihrem Leitartikel am Montag.

Trump verwirft wissenschaftliche Studien als politische Propaganda

Ein solches Eingeständnis kommt für den früheren Reality-TV-Star, der die Corona-Pandemie trotz inzwischen mehr als 90.000 Toten für quasi besiegt erklärt hat und Amerika so schnell wie möglich zur Normalität zurückführen will, natürlich nicht in Frage. „Ich habe sehr viel positive Rückmeldungen bekommen“, behauptete er stattdessen. Die einzigen kritischen Studien zur Wirkung von Hydroxychloroquin seien politisch motiviert und stammten von Trump-Gegnern.

Das stimmt offensichtlich nicht. Und angesichts des schwierigen Verhältnisses von Trump zur Wahrheit fragten sich am Montagabend nicht nur die Moderatoren beim linken Kabelsender MSNBC, ob Trump auch seine eigene Hydroxychloroquin-Prophylaxe schlichtweg erfunden habe. Immerhin hat die Washington Post seit dem Amtsantritt des Präsidenten 18.000 Lügen und Halbwahrheiten aus seinem Mund gezählt. Am Abend bestätigte Trumps Leibarzt in einer gewundenen Erklärung, dass er angesichts mehrerer Coronavirus-Infektionen im Weißen Haus „nach zahlreichen Diskussionen“ mit dem Präsident zu dem Schluss gekommen sei, dass die Chancen einer Verabreichung des Mittels die Risiken übersteigen.

Allerdings hatte Trump beim letzten bekanntgewordenen Gesundheits-Check 2018 einen erhöhten Cholesterin-Spiegel und leidet an Übergewicht. Sollte der 73-Jährige das Medikament tatsächlich einnehmen, würde er sich nach Meinung von Ärzten dem Risiko einer gefährlichen Herzrhythmusstörung aussetzen. Nimmt er es nicht und bleibt gesund, könnte er später trotzdem behaupten, das Wundermittel habe ihn vor Covid-19 geschützt.

Ganz egal, ob sich Trump die Pillen tatsächlich einwirft oder nicht, sind viele Mediziner über die Werbung für ein unerprobtes Präparat entsetzt. „Der Präsident ist ein Vorbild“, sagte Paul Thompson, der Chef-Kardiologe des Hartford Hospitals in Connecticut der New York Times: „Wenn jemand in einer solchen Führungsposition etwas macht, von dem die meisten Ärzte abraten würden (…), ist das ein Problem.“ Sein Kollege Scott Solomon, ein Medizinprofesor an der renommierten Harvard-Universität, fand noch klarere Worte: „Was Trump mit sich macht, ist seine Sache. Aber das Beispiel, das er setzt, ist unverantwortlich.“