Eine königliche Wandertour im Emscherbruch

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Vom Schloss Herten zum Hafen Graf Bismarck in Gelsenkirchen: eine Wandertour von gut 20 Kilometern, für die man schon etwas geübt sein sollte. Aber es lohnt sich.

von Christoph Winck

Herten, Gelsenkirchen

, 08.07.2020, 17:05 Uhr / Lesedauer: 6 min

Ich muss kurz nachdenken, wie viele Menschen mit Sportbootführerschein ich kenne. Und wie viele Menschen mit einer eigenen Yacht kenne ich? Einen einzigen Menschen kenne ich, der beides hat und dazu noch auf den heimischen Kanälen umherschippert. Wenn er nicht gerade mit seinem Motorboot in Kroatien Urlaub macht.

Eine zufällige Begegnung

Aber von Dalmatien und Istrien will ich hier gar nicht berichten. Sondern von einer zufälligen Begegnung, mit der ich im Leben nicht gerechnet hatte. Ereignet hat sie sich am Ufer des Rhein-Herne-Kanals in Gelsenkirchen. Wir hatten auf unserer Wanderung von Schloss Herten zum Hafen Graf Bismarck gerade eine Rast eingelegt, als ein Sportboot vorbei schipperte. Am Steuer: Stefan aus Haltern-Lippramsdorf. Ein lautes Hallo, eine Wende des Bootes, ein kurzes Gespräch von Kanalböschung aufs Wasser und zurück.

Aber der Reihe nach. Empfehlen möchte ich eine Tageswanderung durch den Emscherbruch mitten im Ruhrgebiet, zwischen Herten und Gelsenkirchen. Eine Wandertour von gut 20 Kilometern, für die man schon etwas geübt sein sollte. Alternativ ist die sehenswerte Strecke auch mit dem Fahrrad zu erradeln. In aller Gemütlichkeit, die ein Urlaubstag bieten sollte.

Start ist der Schlosspark in Herten. An der Resser Straße stehen ausreichend Parkbuchten zur Verfügung, im Schatten des großen Turms des Technologieparks ebenfalls. Wer den Tag mit einer Stippvisite zum Hertener Schloss und der Geschichte der Herren von Nesselrode beginnen möchte, der umwandert das Schloss, das 1376 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Für einen Kaffee in der Schloss-Gastronomie ist es aber noch zu früh – es werden noch andere Möglichkeiten kommen auf unserer Tour.

140 Baumarten in einem Park

Erst einmal geht es nach Süden durch den 30 Hektar großen Park, in dem rund 140 verschiedene Baumarten zu entdecken sind. Achtung: Der Hertener Schlosspark ist ein großer Wald, nicht vergleichbar mit den Schlossgärten in Nordkirchen oder anderswo. Ziel ist der südöstlichste Ausgang an der Münsterstraße.

Für die Orientierung ist es am einfachsten, wenn man ganz unten links (Nordosten) startet und immer geradeaus geht. Startpunkt kann das alte Tabakhaus im Park sein, von dort immer nur nach Süden durch den wunderschönen Wald. Am Ende angekommen muss man die viel befahrene Münsterstraße direkt überqueren und nach links (Osten) zur Kreuzung gehen, an der Ampelkreuzung dann direkt rechts in die Ewaldstraße und unter der Autobahn A2 hindurch.

Ein erstes Zwischenziel ist erreicht – die historische Zeche Ewald öffnet sich zur Linken. Der dortige Revuepalast hat noch nicht geöffnet, die aus dem Fernsehen von Fußball-Talkshows bekannte „Untertagebar“ auch noch nicht. Eine Kaffeepause ist dennoch möglich – aber bitte nicht die riesige Halde Hoheward erklimmen: Das ist einen eigenen Tagesausflug wert.

Auf dem Weg zum Ewaldsee

Stattdessen geht es auf der westlichen Seite der Ewaldstraße in den Wald hinein Richtung Ewaldsee. An der Ostseite des Gewässers lässt es sich schön gen Süden wandern, auch wenn das Rauschen der nahen A 2 nicht zwingend zu den Bildern passt, die dem Auge präsentiert werden. Je weiter der Weg Richtung Süden führt, desto besser erhält man einen Blick auf das Gewässer. Es lässt erahnen, wie sich hier vor Millionen von Jahren die Kohlenschichten des Ruhrgebiets gebildet haben.

Der Ewaldsee selbst ist erst in den 1930er-Jahren entstanden, als die Autobahn gebaut wurde. Am Südufer des Sees geht es wenige Meter bis zur Wiederhopfstraße (L630). Wenige Schritte nur sind es bis zum „Waldhaus Resse“ und seinem Biergarten (Wiederhopfstraße 17, Gelsenkirchen). Ein Päuschen hier kommt dem Wanderer gelegen, der Fahrradfahrer wird seine Tour sicher noch fortsetzen.

Auf der anderen Straßenseite geht es in die Wohnsiedlung Im Eichkamp – auch wenn die Arbeiten am Holzbach dafür sorgen, dass es jetzt etwas schwieriger wird, den Weg zu finden. Am einfachsten ist es, bis zum Wendepunkt der Buslinie zu gehen, dort rechts in den Dachsweg einzubiegen und in der linken Ecke den kleinen Fußweg bis zur Schrebergartenanlage „Graf Bismarck im Eichkamp“ zu nehmen.

Durch den Wald bis zum Forsthaus

An den Hecken der Schrebergärten Richtung Südwesten geht es weiter, die Autogeräusche der nahen Münsterstraße geben Orientierung. Am Wandererparkplatz der Resser Mark direkt an der Münsterstraße (Ostseite) geht es wieder hinein in den Wald. Nun laufen wir auf gut befestigten Wegen, die wir auf dem Rückweg auch wieder beschreiten (gerne also Orientierungsmarken merken). Richtung Südwesten geht es durch den Wald bis zum Forsthaus, von dort wenige Meter asphaltierte Straße bis zur B 226 (Willy-Brandt-Allee).

Auch wenn wir ihn nur selten sehen – der Holzbach ist unser Begleiter auf dem Weg zur Emscher. Die Brücke der – hier wenig befahrenen – Bundesstraße nutzen wir zum Überqueren des Aschenputtels der Ruhrgebietsflüsse. Das „Flussbett“ der Emscher hat auch an dieser Stelle nur wenig mit dem Wort Natur zu tun. Direkt nach Überqueren der Emscher geht es rechts Richtung Rhein-Herne-Kanal. Direkt hinter dem Kanu-Club Gelsenkirchen führt uns der Weg zum Wasser.

...und plötzlich ist „Afrika“ zu sehen

Auf der anderen Seite des Kanals können wir die Afrikawelt des Ruhrzoos (ZOOM Erlebniswelt) nur erahnen. Inne halten wir an einem Gedenkstein, der kurz vor der Kanalbrücke am Wegesrand steht. Der Stein erinnert an ein Fährunglück am 7. April 1946, bei dem 21 Menschen ihr Leben verloren.

Erinnerung an das Fährunglück aus dem Jahr 1946 am Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen

Erinnerung an das Fährunglück aus dem Jahr 1946 am Rhein-Herne-Kanal in Gelsenkirchen © Christoph Winck

Im Zweiten Weltkrieg waren alle Kanalbrücken gesprengt worden, mit Fähren musste zweieinhalb Jahre lang das Übersetzen organisiert werden. Geht der Blick über das blaue Wasser des Rhein-Herne-Kanals, ist es kaum vorstellbar, dass diese Schifffahrtsstraße zu solch einer tödlichen Falle werden konnte.

Nun haben wir den Punkt unserer Wanderung erreicht, wo es zur zufälligen Begegnung mit dem Sportboot, dem mir bekannten Kapitän und seiner an Bord in der Sonne liegenden Frau kam. Das Pärchen war mit seiner kleinen Yacht auf dem Weg zum Hafen Graf Bismarck – was ja auch unser Ziel ist. Daher geht es kurz zurück zum Kanuclub und dort die Straße hoch zur Brücke.

Hinab zum Kanal und dann zum Hafen

Wir überqueren den Rhein-Herne-Kanal (Brücke der B 227, Münsterstraße) und gehen die Stufen der Brücke hinunter auf den Rad- und Wanderweg direkt am südlichen Kanalufer. Tipp für Fahrradfahrer: Mit dem Rad ist die Überquerung des Rhein-Herne-Kanals an der „Grimberger Sichel“ einen guten Kilometer ostwärts viel schöner und einfacher, auf der Südseite des Kanals geht es dann im Rücken vom ZOOM zurück Richtung Westen.

Denn das Ziel ist nun nur noch wenige Schritte entfernt: der Hafen Graf Bismarck. Über eine moderne Rad- und Fußgängerbrücke überqueren wir die Hafeneinfahrt und sehen die Boote in diesem neu angelegten Yachthafen liegen. Die mondäne Promenade vermittelt umgehend Urlaubsflair: Sind wir in Südeuropa oder mitten im Ruhrgebiet?

700 Wohneinheiten auf Graf Bismarck

700 Wohneinheiten entstehen auf dem alten Zechengelände des Bergwerks Graf Bismarck, der Hafen ist auf jeden Fall sehenswert. 1914 wurde er als Kohlehafen gebaut, 1966 mit Schließung der Zeche Graf Bismarck stillgelegt. Seit August 2018 heißt der Hafen „Stölting Marina“ – das große Verwaltungsgebäude des Unternehmens verrät den Grund.

Nutzen Sie die Gelegenheit auf eine ausgedehnte Rast – egal ob mit Pizza, Eis oder Cappuccino. Schauen Sie dem Treiben im Hafen zu, träumen Sie vom eigenen Hausboot oder laden Sie einfach wieder ihre Akkus auf.

Hafen Graf Bismarck: einst Kohlehafen, heute Yachthafen – der Wandel von Industrie zum Tourismus ist geglückt.

Hafen Graf Bismarck: einst Kohlehafen, heute Yachthafen – der Wandel von Industrie zum Tourismus ist geglückt. © Christoph Winck

Denn nun geht es zurück nach Norden, erst die Hälfte der Tour ist geschafft. Wir kehren zurück zur Brücke über den Rhein-Herne-Kanal, diesmal auf dem Schotterweg etwas oberhalb des viel befahrenen Kanalradwegs. Denn auf diesem ist an sonnigen Tagen gerade an Wochenenden mächtig Verkehr – für Fußgänger nicht optimal. Aber da es ja nur wenige 100 Meter nach Osten geht, bleibt der Verkehrsstress schnell hinter uns.

An der Deutschen Fußballroute NRW

Auf der Nordseite des Rhein-Herne-Kanals entdecken wir Hinweisschilder der „Deutschen Fußball Route NRW“. Dass es eine solche gibt, war zumindest mir nicht bekannt. Offensichtlich kreuzen wir gerade die Verbindungsstrecke zwischen königsblauer Veltins-Arena und schwarz-gelbem Signal-Iduna-Park. Eine Google-Suche später weiß ich: Die Radstrecke führt von Aachen bis Bielefeld, von Stadion zu Stadion.

Wir wanden zurück zur Emscher, überqueren mit der B 226 das Flüsschen und riechen dabei, dass die Emscher zweifelsfrei noch nicht die Reinheit von Ruhr oder Lippe hat. Rechts biegen wir wieder in die Holzbachstraße ein. Der einfachste Weg heimwärts führt uns über den Wanderweg immer geradeaus, am Ende rechts und wieder links.

So erreichen wir den Wanderer-Parkplatz an der Münsterstraße (L638), den wir schon auf dem Hinweg passiert hatten. Auch andere Wege hätten zurück durch die Resser Mark geführt, aber auf dem Rückweg verzichten wir auf Schlenker – zumal wegen der Bauarbeiten am Holzbach der ein oder andere Weg gesperrt ist.

Ein Handy hilft bei der Orientierung

An der Fußgängerampel überqueren wir die Münsterstraße und laufen auf der Warendorfer Straße, die für den Autoverkehr gesperrt ist. Mit dem Fahrrad ginge es immer geradeaus bis zur Straße „Im Emscherbruch“ und dort rechts Richtung Norden. Aber per pedes nutzen wir die Möglichkeit und tauchen nach rechts wieder auf schönen Wanderwegen in den Wald ein. Zugegeben: Hier nutzen wir mehrmals das Handy, um uns mittels digitaler Karte zu orientieren. Aber letztlich finden wir den Hintereingang der Kleingartenanlage Resser Mark.

Parzelle für Parzelle, Schrebergarten für Schrebergarten übertreffen sich die kleinen Grundstücke an Sauberkeit und Ordnung. Kein Grashalm scheint an der falschen Stelle zu stehen. So schlendern wir durch die Anlage in nordwestliche Richtung zum Haupteingang. Wir erreichen die Straße „Im Emscherbruch“ und gehen nordwärts, um die A2 am heutigen Tag ein zweites Mal zu unterqueren.

Die letzten vier Kilometer

Direkt hinter der Unterführung biegen wir rechts ein, immer noch heißt die Straße wie unser Tagesprojekt: „Im Emscherbruch“. Tennisanlage und Sportanlagen von Viktoria Resse lassen wir rechts liegen. Hätten wir doch im Vereinslokal der Kleingartenanlage eine kühle Erfrischung trinken sollen? Diese Frage überkommt uns, denn noch müssen wir knapp vier Kilometer Heimweg bestreiten.

Da kommt uns der türkische Imbiss mit Biergarten unterm Zeltdach und seinem vielsagenden Namen „Kikiriki“ (Im Emscherbruch 166, Gelsenkirchen-Resse) gerade recht. Wir kehren ein, bestellen kühle Getränke und lassen uns dann von den Düften des Hähnchengrills bezirzen: Erst ordern wir Brot mit Zaziki, dann das obligatorische halbe Hähnchen.

Die türkischen Besitzer berichten davon, dass sie erst 2019 eröffneten, die lukrativen Frühlingsmonate aber verpassten. In diesem Jahr machte Corona einen Strich durch alle Umsatzerwartungen – nun soll der Sommer es richten. Für uns steht fest – auch aus Dankbarkeit für die Stärkung: Hier kommen wir noch einmal hin und essen Hähnchen.

Ein letztes Mal den Holzbach überqueren

Gestärkt und erleichtert geht es über die Ewaldstraße hinweg weiter geradeaus auf der Straße „Im Emscherbruch“. Wir tauchen wieder ein ins Grüne, wandern weiter Richtung Nordosten, überqueren ein letztes Mal den Holzbach und freuen uns diebisch, als ein Schild verkündet: Hier beginnt der Hertener Schlosspark. Auf den Wegen des Parks wandern wir unsere letzten zwei Kilometer aufs Schloss hinzu, lassen die LWL-Klinik und das Elisabeth-Krankenhaus links liegen.

Und als wir den Schlosspark von Südwesten kommend bis zum nordöstlichsten Zipfel durchquert haben und den Ausgangspunkt unserer Wanderung erreicht haben, strahlen wir unser Auto an wie selten zuvor: Die Sohlen sind erlöst, der Emscherbruch bezwungen.

Und die nächste Tour könnte vielleicht auf einem kleinen Sportboot über die Kanäle des Reviers gehen – mit Motorkraft statt per pedes.

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