Ernährungsreport: Die Deutschen kochen wieder selbst

Ernährung

Die Folgen der Corona-Pandemie verändern das Essverhalten der Menschen. Der von Bundesagrarministerin Julia Klöckner vorgestellte „Ernährungsreport 2020“ liefert spannende Erkenntnisse.

Berlin

29.05.2020, 19:15 Uhr / Lesedauer: 3 min
Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, hat den Ernährungsreport 2020 vor vorgestellt.

Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, hat den Ernährungsreport 2020 vor vorgestellt. © picture alliance/dpa

Corona birgt unverhoffte Chancen. Als Bundesumweltministerin Julia Klöckner am Freitag den „Ernährungsreport 2020“ ihres Ministeriums vorstellt, wirkt sie selbst überrascht von mancher neuen, aus Sicht der CDU-Politikerin erfreulichen Entwicklung im Essverhalten der Bundesbürger. „Corona verändert auch den Ernährungsalltag der Deutschen“, sagt Klöckner unter Verweis auf eine vom Meinungsforschungsinstitut Forsa durchgeführte Umfrage.

„Lebensmittel aus der Region haben an Bedeutung gewonnen. Es ist ein neues Bewusstsein für Lebensmittel entstanden – und für die Arbeit derjenigen, die sie produzieren“, betont Klöckner und freut sich über die laut Umfrage deutlich gestiegene Wertschätzung für Landwirte und deren Arbeit. Demnach hat für 39 Prozent der Befragten die Bedeutung der Landwirtschaft zugenommen, darunter besonders viele junge Umfrageteilnehmer.

Und noch etwas hat sich in der Zeit der konsequenten Ausgeh- und Kontaktbeschränkungen verändert. „Wir kochen häufiger als vor der Coronakrise selbst zubereitete Speisen“, betont Klöckner. Dies gaben demnach 30 Prozent an. Fast ebenso viele würden nun Mahlzeiten häufiger als vor Corona zusammen einnehmen.

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Trend zu bewusster Ernährung

Respekt für Bauern, selbst kochen und gemeinsam essen - Klöckner erscheinen diese Trends beinah zu schön, um von Dauer zu sein. Mit den Lockerungen im öffentlichen Leben könnten sie sich rasch wieder verflüchtigen. Die Ministerin spricht von einem „Momentum“, das es jetzt zu nutzen gelte.

Dabei könnte Klöckner zupasskommen, dass in der Bevölkerung eine bemerkenswert große Bereitschaft zum Konsum gesunder, unter Wahrung des Tierwohls produzierter Lebensmittel vernehmbar ist. Zwar muss es den Bundesbürgern vor allem schmecken - dies geben, wenig überraschend, 98 Prozent der Befragten als ausschlaggebendes Kriterium beim Einkaufen ein. Aber fast ebenso viele - 90 Prozent - bekunden, dass Lebensmittel gesund sein müssen, um in ihrem Einkaufskorb zu landen.

Etwas mehr als die Hälfte bezeichnet sich als „Flexitarier“

Das Resultat ist eine laut Umfrage erfreulich ausgewogene Vielfalt auf den Tellern. Gemüse und Obst werden bei 70 Prozent der Befragten täglich aufgetischt. 64 Prozent greifen täglich zu Milchprodukten. Und nur 26 Prozent essen täglich Fleisch - deutlich weniger als in früheren Befragungen. Mehr als jeder zweite Befragte, 55 Prozent, bezeichnet sich selbst sogar als „Flexitarier“, also als Fleischesser, der oder die gelegentlich bewusst auf Fleisch verzichtet. Die Zahl der Vegetarier (fünf Prozent) und Veganer (ein Prozent) bliebt demnach hingegen gleich.

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Zur Einordnung der Zahlen sei erwähnt, dass die Meinungsforscher nicht die Einkaufszettel der Befragten oder deren Haushaltsmüll kontrolliert haben. Sie verlassen sich auf die per Telefon erteilten Selbstauskünfte. Dabei gerät das Selbstbild der Leute mitunter in scharfem Kontrast zur Wirklichkeit an der Supermarktkasse.

Deutsche wollen für Tierwohl mehr zahlen

So sprechen sich 81 Prozent der Befragten für ein staatliches Tierwohlkennzeichen aus. Das Bundeslandwirtschaftsministerium hat dazu einen Entwurf vorgelegt für Waren, die über den gesetzlichen Standards sind; die Einführung steht jedoch noch aus. Überdies geben die Verbraucher an, für mehr Tierwohl in den Ställen auch mehr zahlen zu wollen. Beachtliche 45 Prozent der Befragten erklären sich sogar dazu bereit, bis zu 15 Euro pro Kilo mehr zu zahlen.

Klöckner ist da skeptisch. „Die verbale Bereitschaft ist erfreulich, mehr für tierwohlgerechtere Produkte zu zahlen. Leider sieht es an der Ladentheke oftmals noch anders aus“, sagt sie. Forsa-Chef Manfred Güllner spricht von einer „Kluft zwischen Bewusstsein und Verhalten“.

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Ernährungspolitik stärker an Bedürfnisse anpassen

Grünen-Agrarexpertin Renate Künast nennt die Tendenz zur bewussteren Ernährung erfreulich. „Verbraucherinnen und Verbraucher wollen gesunde Nahrungsmittel, weniger Fleisch und die Reduzierung von Lebensmittelverschwendung“, sagt die frühere Bundeslandwirtschaftsministerin dem RedaktionsNetzwerk Deutschland. „Schade, dass die Politik der Bundesregierung weit hinterher hinkt“, beklagt sie.

Künast fordert von Klöckner striktere Vorgaben. „Bundesministern Klöckner hat beim Thema Ernährung bisher fast ausschließlich auf Freiwilligkeit gesetzt, statt die Ernährungswirtschaft zu verpflichten, das Lebensmittelangebot besser und gesünder zu machen oder die Lebensmittelverschwendung einzudämmen“, bemängelt sie. Klöckner werde „auf allen Ebenen überholt“. So erwarteten nicht nur die Verbraucher mehr, sondern auch die EU-Kommission, etwa im Kampf gegen Übergewicht, bei der verbindlichen Nährwertkennzeichnung und der Reduzierung von Lebensmittelverschwendung.

Künast fordert, dass die Bundesregierung ihre Ernährungspolitik stärker den bekundeten Bedürfnissen von Verbrauchern und Landwirten anpasst. „Die Menschen wollen sich anders ernähren und Bäuerinnen und Bauern haben zu Recht den Anspruch, dass Politik endlich an ihnen ausgerichtet wird und nicht an den großen Betrieben und der Weltmarktorientierung“, sagt die Grünen-Politikerin.

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