Erster Corona-Impfstoff weltweit: Wie sicher ist die russische Abkürzung?

Pandemie Impfung

Russland hat als erstes Land einen Impfstoff gegen das Coronavirus zugelassen. Die Behörden haben das Vakzin genehmigt, obwohl die entscheidenden Tests auf Sicherheit und Wirksamkeit noch ausstehen.

Hannover/Moskau

11.08.2020, 19:37 Uhr / Lesedauer: 2 min
Der russische Impfstoff wurde am Moskauer Gamaleja-Institut entwickelt - und soll als "Sputnik V" vermarktet werden.

Der russische Impfstoff wurde am Moskauer Gamaleja-Institut entwickelt - und soll als „Sputnik V“ vermarktet werden. © picture alliance/dpa

Die Nachricht kam mit Ansage. Seit Tagen schon hatten russische Regierungsvertreter angedeutet, dass in dieser Woche der erste Impfstoff gegen das neue Coronavirus die Zulassung erhalten solle. Am Dienstag war es dann soweit – und Präsident Wladimir Putin ließ es sich nicht nehmen, die Nachricht vom Sieg im großen Welt-Wettlauf zum ersten Vakzin selbst zu kommentieren: Der russische Impfstoff sei „effektiv und bildet eine beständige Immunität“, versicherte er. Auch eine seiner Töchter habe ihn schon erhalten.

Hat Russland tatsächlich das Gegenmittel gefunden? Weltweit sind bislang rund 170 Impfstoffprojekte bekannt, von denen 26 bereits am Menschen getestet werden. Die russischen Projekte galten bislang nicht als Favoriten für den Sieg in diesem Rennen, allerdings ist über sie auch wenig bekannt.

Klar ist, dass die Forscher des Moskauer Gamaleja-Instituts bei der Entwicklung von „Gam-COVID-Vac Lyo“, so der Name des Impfstoffs, auf dieselbe Technik setzen, die zum Beispiel auch die Forscher in Oxford verwenden: Sie nutzen ein harmloses anderes Virus als Vektor, als Träger also für Informationen über das neue Coronavirus, die eine Immunreaktion auslösen sollen. Vermarktet werden soll der Stoff laut Putin unter dem Namen „Sputnik V“.

Lehrer und mediznisches Personal sollen zuerst geimpft werden

Schon im September soll nun mit der Massenproduktion von anfangs Hunderttausenden, später von Millionen von Dosen monatlich begonnen werden, Lehrer und medizinisches Personal können sich laut den Plänen zuerst impfen lassen.

Ob der russische Impfstoff wirklich vor einer Erkrankung schützt, ist völlig unklar – denn auch die russische Führung leugnet nicht, dass die entscheidende dritte Phase, in denen Impfstoffkandidaten an Tausenden Probanden auf Wirksamkeit und Sicherheit getestet werden, überhaupt noch nicht stattgefunden hat. Diese soll jetzt erst beginnen. Bislang gibt es lediglich Berichte über Tests an 38 Probanden aus dem Juni, bei denen sich keine Nebenwirkungen gezeigt hätten.

Außerdem hatten Institutsleiter Alexander Gintsburg und andere Forscher den Impfstoff an sich selbst getestet – ebenfalls ein Verstoß gegen internationale Regeln. Die Phase-III-Studien, wie sie etwa die US-Firma Moderna jetzt an 30 000 Probanden vor allem in Lateinamerika durchführen will, sind vor allem deshalb wichtig, weil sich erst bei ihnen seltene Nebenwirkungen zeigen, die bei geringen Probandenzahlen gar nicht auftreten – bei Massenimpfungen aber rasch Tausende Menschen schädigen könnten. Außerdem bleibt ohne diese Tests unklar, ob ein Impfstoff, der vielleicht im Labor gute Ergebnisse erzielt, in der Realität vor einer Erkrankung schützt.

Trump hofft auf Impfstoff vor der Wahl

Die Reaktionen der Forschungsgemeinschaft auf den russischen Schritt fallen deshalb äußerst negativ aus: „Der Kollateralschaden eines Impfstoffs, der weniger wäre als sicher und wirksam, würde unsere Probleme auf unüberwindliche Art verschärfen“, warnt etwa Professor Danny Altmann, Immunologe am Imperial College London. Auch Klaus Cichutek, der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, der deutschen Zulassungsbehörde, bemängelte gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland zuletzt fehlende Wirksamkeits- und Sicherheitsdaten.

Klar ist aber auch, dass auch andere Staaten versucht sein könnten, Sicherheitsstandards bei der Zulassung aufzuweichen. US-Präsident Donald Trump jedenfalls erklärte in der vergangenen Woche, er erwarte, dass die USA schon vor dem 3. November über einen Impfstoff verfügten – dem Tag der Präsidentenwahl. Auf die Frage, ob das seine Wahlchancen erhöhen würde, versicherte er, er tue dies nicht für die Wahl, er wolle Leben retten. „Schaden“ jedoch, räumte er auch ein, „würde es nicht.“

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