Expertin zum Distanzunterricht: „Bisher keine langfristige und nachvollziehbare Strategie“

Schule im Lockdown

Für Sarah Lichtenberger, Leiterin der einzigen Web-Schule Deutschlands, ist das Vorgehen der Regierung unverständlich: Sie fordert einen klaren Plan für das Distanzlernen im Schulgesetz.

11.02.2021, 11:09 Uhr / Lesedauer: 2 min
Sarah Lichtenberger, Schulleiterin der Web-Individualschule, steht vor einer Vitrine mit 3D-Figuren von Lehrern, die an der Schule unterrichten. Die bundesweit einzigartige Internetschule in Bochum ist offen für Kinder, die keine reguläre Schule besuchen können.

Sarah Lichtenberger, Schulleiterin der Web-Individualschule, steht vor einer Vitrine mit 3D-Figuren von Lehrern, die an der Schule unterrichten. Die bundesweit einzigartige Internetschule in Bochum ist offen für Kinder, die keine reguläre Schule besuchen können. © picture alliance/dpa

Auch wenn die Schulen in NRW bald wieder schrittweise für den Präsenzunterricht geöffnet werden, sollte das Distanzlernen einer Expertin zufolge gesetzlich verankert werden. „Das Distanzlernen gehört ins Schulgesetz und bedarf der Förderung“, forderte am Donnerstag Sarah Lichtenberger, die Leiterin der einzigen reinen Internetschule bundesweit.

Das sei eine Lehre aus zwei Lockdowns mit wochenlangen Schulschließungen, sagte die Leiterin der Web-Individualschule in Bochum der Deutschen Presse-Agentur. Bisher sei keine langfristige und nachvollziehbare Strategie für den Distanzunterricht aufgestellt und umgesetzt worden. Das Distanzlernen sei nicht konkret definiert.

Aktuelles Vorgehen sorgt für Chancenungleichheit

Die Folge: Im Alltag reiche Homeschooling von reiner Materialverteilung mit Übergabe auf dem Schulhof bis hin zu gut funktionierenden Videokonferenzen gemäß Stundenplan. „So entstehen Chancenungleichheiten durch unterschiedliche Lehrmethoden.“ Viele Schüler hingen unverschuldet hinterher, müssten nun Rückstände aufholen.

Die Länder und Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatten am Mittwoch vereinbart, den Lockdown bis zum 7. März zu verlängern, den Länder bei den Schulen aber freie Hand zu geben. Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) hatte angekündigt, dass bei der geplanten schrittweisen Rückkehr in den Präsenzunterricht in NRW die Grundschulen und Förderschulen der Primarstufe am 22. Februar mit einem Wechselmodell den Anfang machen sollen.

Distanzlernen für Grundschüler besonders schwer

Lichtenberger betonte, bei jüngeren Kindern sei das Distanzlernen besonders schwierig, eine längerfristige Konzentration nahezu unmöglich. Der Fokus solle auf den Hauptfächern liegen. Fächer wie Musik, Sport, Religion und Sachkunde könnten zu einem späteren Zeitpunkt verdichtet nachgeholt werden, meinte sie mit Blick auf den Wechselmodus.

Jahrgänge, die 2021 Abschlussprüfungen absolvieren müssen, sollen Ministerin Gebauer zufolge ebenfalls ab 22. Februar aus dem Distanzunterricht zurückkehren. Grundsätzlich gelte: Wenn die wöchentliche Inzidenz in NRW auf 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner sinkt, werde man wieder zu Präsenzunterricht übergehen.

Sportler, Jungstars und Kinder mit Erkrankungen an der Webschule

Der Landtag wollte sich am Donnerstag mit dem Thema befassen. Lichtenberger unterstrich, Kinder mit Lernschwierigkeiten benötigten besonders viel Betreuung. Zudem seien ein Anstieg der Kindeswohlgefährdungen im Lockdown und psychische Folgen bei manchen Schülern zu befürchten.

In der Bochumer Webschule werden Kinder und Jugendliche online unterrichtet, denen wegen psychischer oder körperlicher Erkrankung kein regulärer Schulbesuch möglich ist. Oder sie sind aus anderen Gründen von der Schulpflicht befreit. Auch Sportler oder Jungstars wie Tom und Bill Kaulitz von der Band Tokio Hotel machten dort ihren Schulabschluss.

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dpa

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