Fall Marvin: Opferanwältin lehnt Richter als „befangen“ ab

hzLandgericht Bochum

Im Prozess um den Fall Marvin hat die Anwältin des 16-Jährigen die Bochumer Richter kritisiert und abgelehnt – sie seien voreingenommen und ignorant. Der Prozess tritt auf der Stelle.

Bochum

, 10.08.2020, 19:33 Uhr / Lesedauer: 1 min

Neue Unruhe im Prozess um den Fall Marvin: Am ersten Sitzungstag nach der vierwöchigen Prozesspause hat Nebenklage-Anwältin Marie Lingnau am Montag am Bochumer Landgericht aus zweierlei Gründen Befangenheitsanträge gegen die Richter der 8. Strafkammer gestellt.

Antrag nach wie vor abgelehnt

Weil die Richter auch trotz eines zuletzt vorgelegten ärztlichen Attestes den Antrag auf Ausschluss des Angeklagten während der Vernehmung Marvins nach wie vor abgelehnt hatten, sprach die Opferanwältin unter anderem von „Bagatellisierung“ und „Ignoranz“. Die Argumentation der Richter, dass Marvin zweieinhalb Jahre scheinbar freiwillig bei dem Angeklagten in Recklinghausen untergetaucht gewesen sei und daher bei einer Konfrontation wohl auch keine erhebliche psychische Belastung zu erwarten sei, könne Marvin „nur so verstehen, dass das Gericht ihm eine Mitschuld an dem erlittenen Missbrauch gibt“, so Lingnau.

Der andere Kritikpunkt betrifft Akten, die vor der Prozesspause anlässlich des „Selbstleseverfahrens“ an alle Prozessbeteiligten übergebenen worden waren. Dadurch sei aus den Händen der Richter zweifellos Kinderporno-Material in die Hände des Angeklagten gelangt. Und das sei inakzeptabel.

Die Richter betonten mit Blick auf die überreichten daumennagelgroßen Bilder, dass durch extra vorgenommene Schwärzungen von Kinderpornographie keine Rede sein könne. Die Minibilder sollten einzig das Zuordnen von Textabschnitten erleichtern. Verteidiger Markus Kluck bestätigte zudem, dass der Angeklagte sämtliche Unterlagen „von sich aus“ bereits wieder zurückgegeben habe. Über die Frage der Zeugenvernehmung müsse nun das Oberlandesgericht (OLG) Hamm entscheiden, hieß es.

Der wegen Kinderporno-Besitzes vorbestrafte und im Prozess schweigende Lars H. soll den anfangs 13-jährigen Marvin jahrelang in seiner Wohnung im Süden von Recklinghausen versteckt, mit Geld und Zigaretten belohnt und hundertfach missbraucht haben. Entdeckt wurde Marvin Ende 2019 bei einer Kinderporno-Razzia in einem Schrank.