Fitness hat Systemrelevanz: Sportler kämpfen sich mit einer Briefaktion ins Rampenlicht

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Jan Rozanka betreibt das Redfitness-Studio in Kamen. Für ihn ist es traurig, dass die Relevanz der Fitnessstudios in den Corona-Diskussionen keine Beachtung findet. Das soll sich jetzt ändern.

Kamen

, 03.05.2020, 17:30 Uhr / Lesedauer: 3 min

„Ein junger Mensch, der auf Sport verzichtet, der wird keinen signifikanten Schaden erleiden. Aber mein Publikum morgens ist 50, 60 bis Mitte 80 Jahre alt. Wenn diesen Menschen, die fit sind und sich wohlfühlen, zwei, drei Monate die Grundlage ihrer Gesundheit genommen wird, dann sieht es schlimm aus. Ich weiß nicht, ob ich alle Gesichter so fit wiedersehen werde.“

Jan Rozanka gehört die Kette Redfitness, von der sich auch ein Fitnessstudio an der Gutenbergstraße in Kamen befindet. Für gewöhnlich werden dort Gewichte in die Höhe gestreckt, Laufräder summen leise, das Blut zirkuliert. Seit Wochen ist es jedoch ungewöhnlich still in dem Studio. Schuld ist das Coronavirus. Es trifft Rozankas Unternehmen hart.

Die Krise, die das Virus auslöste, hat viele Bereiche in die Knie gezwungen. Während in jüngster Zeit jedoch laut über die Öffnung von Geschäften, Schulen, Spielplätzen etc. diskutiert wird und wurde, waren Fitnessstudios noch nicht wirklich ein großes Thema.

Fitnessstudio-Betreiber schicken Briefe an Politiker

Für Rozanka und andere Fitnessstudio-Betreiber ist das unverständlich. „Die Politik hat verkannt, dass wir als Fitness- und Gesundheitsanbieter Systemrelevanz haben“, sagt er. Die Fitnessbranche sei die einzige, die durch ihr Handeln das Immunsystem stärken und aktiv ihre Mitglieder gegen die aktuelle unsichtbare Gefahr oder auch jeden anderen Infekt schützen könne. Dass das von der Politik nicht wahrgenommen werde, sei sehr traurig.

Jan Rozanka ist Inhaber der Redfitness-Studios, von dem es auch eins in Kamen gibt. Er hat sich an einer Briefaktion beteiligt, bei der rund 20.000 Schreiben an Politiker verschickt wurden. Das Ziel: Fitnessstudios sollen wieder öffnen dürfen.

Jan Rozanka ist Inhaber der Redfitness-Studios, von dem es auch eins in Kamen gibt. Er hat sich an einer Briefaktion beteiligt, bei der rund 20.000 Schreiben an Politiker verschickt wurden. Das Ziel: Fitnessstudios sollen wieder öffnen dürfen. © privat

Rozanka vermutet, dass das auch etwas damit zu tun haben könnte, dass es in seiner Branche keine starke Lobby gebe. „Aber die hat sich jetzt vielleicht formiert“, sagt er. Denn er und andere Fitnessstudio-Betreiber haben sich nun zusammengetan und mit einer Aktion auf sich aufmerksam gemacht. Etwa 20.000 Briefe schickten die Fitnessexperten rund um Rozanka an Politiker auf allen Ebenen – auch an die Kamener Bürgermeisterin Elke Kappen.

In dem Brief, der der Redaktion vorliegt, steht unter anderem, wie wichtig Muskeltraining für das Immunsystem sei und dass durch dessen Stärkung die Risikogruppen im Zusammenhang mit der aktuellen Pandemie reduziert würden.

Muskeltraining stärkt das Immunsystem und kann Leben retten

„Mein Publikum morgens ist 50, 60 bis Mitte 80 Jahre alt. Wenn diesen Menschen, die fit sind und sich wohlfühlen, zwei, drei Monate die Grundlage ihrer Gesundheit genommen wird, dann sieht es schlimm aus. “
Jan Rozanka, Inhaber Redfitness

„Es ist daher nach dargestellter und vorherrschender Ansicht falsch, Fitnessstudios lediglich auf die durch die Eigenart des Betriebes begründeten abstrakten Infektionsrisiken zu reduzieren.

Es sollte genauso der wertvolle Beitrag des Trainings im Zusammenhang mit der Stärkung des Immunsystems berücksichtigt werden“ , lautet es in dem Schreiben.

Viele Menschen in Deutschland würden versterben, weil sie keinen Sport trieben – zum Beispiel an Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Übergewicht, Diabetes, Bewegungsmangel, Bluthochdruck, hohe Triglycerid-Werte oder fehlender Muskulatur, was zu tödlichen Stürzen führen kann.

Rozanka weiß, dass bei der Kamener Bürgermeisterin nicht die Entscheidung liegt, wann die Fitnessstudios wieder öffnen dürfen. Sie könne nicht eine Aufhebung der Schließung bewirken, aber er habe sie gebeten, die Argumente auf Landesebene weiterzutragen, so Rozanka.

Er habe sich über die schnelle Antwort der Bürgermeisterin gefreut. Was darin sinngemäß stand, erklärt Stadtsprecher Peter Büttner auf Nachfrage. Die Stadt beobachte demnach genau, wie es um die Lockerungen in dem Bereich steht.

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Stadt Kamen will Fitnessstudios unterstützen, wenn sie wieder öffnen dürfen

Sobald es eine Möglichkeit gebe, einen eingeschränkten Betrieb zu ermöglichen, werde die Stadt die Studios darauf hinweisen und sie nach ihren Möglichkeiten dabei unterstützen, den Betrieb schnell wieder aufzunehmen. „Wir wissen um die Situation und wissen, wie wichtig Sport ist“, so Büttner.

Über Maßnahmen zum Schutze der Trainierenden und der Mitarbeiter haben sich Rozanka und seine Mitstreiter freilich schon Gedanken gemacht. Auf Hygiene sei man schon vor Corona getrimmt gewesen, erklärt Rozanka. Zusätzliche Hygienemaßnahmen, eine begrenzte Anzahl der Trainierenden, Verhaltensregeln, die Sperrung mancher Geräte etc. sind einige der Maßnahmen, die in dem Brief an die Politiker aufgeführt werden.

Jan Rozanka, dem ein Fitnessstudio in Kamen gehört, hofft, dass er die Sportstätte bald wieder öffnen darf – unter besonderen Maßnahmen, wie sich versteht. Dazu gehört auch die besondere Reinigung der Geräte.

Jan Rozanka, dem ein Fitnessstudio in Kamen gehört, hofft, dass er die Sportstätte bald wieder öffnen darf – unter besonderen Maßnahmen, wie sich versteht. Dazu gehört auch die besondere Reinigung der Geräte. © AFP

„Die Ansteckungsgefahr im Studio – nicht unbedingt unter der Dusche – ist geringer als bei der Wiedereröffnung eines Möbelhauses“, findet Rozanka. Zudem könne dank der Zugangskontrollen im Falle einer Infektion die komplette Kette der Kontaktpersonen dargestellt werden.

Aussage von Spahn weckt Hoffnung bei Betreibern von Fitnessstudios

Ob Argumente wie diese in der Politik überzeugen, wird sich noch zeigen. Doch ein gutes Zeichen hat es schon gegeben. Gesundheitsminister Jens Spahn sagte laut der Deutschen Presse-Agentur kürzlich, dass Partys oder Volksfeste ein extrem hohes Risiko bergen. „Wer dagegen mit dem nötigen Abstand zu anderen in einem Geschäft einkaufen geht oder sich beim Sport im Fitnessstudio fit hält, sollte das tun können.“ Entscheidend dafür, was stattfinden oder öffnen könne, müssten vor allem Abstands- und Hygieneregeln sein.

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Ob diese Aussage mit den Briefen zusammenhängt, weiß Rozanka nicht. Spahn habe das jedoch kurz nachdem die Briefe am 22. April verschickt worden waren, gesagt. „Wir haben es jetzt zumindest von der Unsichtbarkeit geschafft, ins Bild zu geraten. Jetzt werden wir gesehen“, sagt Rozanka hoffnungsvoll.

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