Flüchtlingslager auf Samos: „Kinder leben zwischen Ratten und Skorpionen“

Flüchtlinge

Der Brand im Lager Moria hat die dramatischen Lebensumstände für Geflüchtete einmal mehr deutlich gemacht hat. Nun wird vor einer ebenso verheerenden Entwicklung auf der Insel Samos gewarnt.

Athen

von Gerd Höhler

, 01.10.2020, 21:12 Uhr / Lesedauer: 2 min
Aus Protest gegen verheerende Zustände im Registrierlager auf der Insel Samos demonstrieren Hunderte Migranten. (Archivbild)

Aus Protest gegen verheerende Zustände im Registrierlager auf der Insel Samos demonstrieren Hunderte Migranten. (Archivbild) © picture alliance/dpa

Sie hoffen auf ein neues, besseres Leben: 139 Flüchtlinge, die zuvor in Lagern in Griechenland lebten, sind am Mittwoch in Hannover gelandet. An Bord des Flugzeugs waren auch 51 unbegleitete Minderjährige, die durch den Brand in Moria vor drei Wochen obdachlos geworden waren.

Aber immer noch befinden sich mehr als 10.000 frühere Bewohner von Moria auf Lesbos, darunter etwa 4000 Kinder. Sie leben in einem eilig errichteten Zeltlager am Rand der Inselhauptstadt Mytilini. Es fehlt an vielem, vor allem die sanitären Einrichtungen sind unzureichend. Kritiker warnen, dass hier über kurz oder lang ein „neues Moria“ entstehen könnte.

Lager Vathy ist siebenfach überbelegt

Während sich das Interesse der Medien seit Wochen auf Lesbos konzentriert, kommen neue Hilferufe von der südlich gelegenen Insel Samos. Das Lager Vathy am Rand der gleichnamigen Inselhauptstadt ist für 648 Personen geplant, aber siebenfach überbelegt.

„In dem Camp, in dem sich 4500 Menschen wie Tiere auf engstem Raum aneinanderdrängen müssen, leben 1000 Kinder im Müll, zwischen Ratten und Skorpionen“, berichtet Jonathan Vigneron, der Koordinator der Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) auf Samos.

In dem Lager leben Hunderte Menschen, die besonders schutzbedürftig sind und die aufgrund ihres Gesundheitszustandes zur Covid-19-Risikogruppe gehören. Es gebe bereits mehr als 50 positive Fälle im Lager, berichtet Vigneron. „Aber noch immer haben wir keine klaren Informationen von den Behörden bekommen, wie auf diese Gefahr reagiert werden soll.“

„Nachts kommen Ratten und Schlangen in unser Zelt und beißen uns“

In Vathy behandelt die Organisation Menschen, die schon viele Traumata erlitten haben, sagt Vigneron. „Jetzt müssen sie wegen der europäischen Abschottungspolitik auf europäischem Boden erneut leiden.“

Eine der Patientinnen, die von MSF behandelt werden, ist die 62-jährige Amira aus dem syrischen Dorf Daraa. Sie berichtet: „Nachts kommen Ratten und Schlangen in unser Zelt und beißen uns. Wir können nicht schlafen. Das Schlimmste sind die Toiletten. Wir schließen die Augen, wenn wir in die Toiletten gehen. Es ist wirklich schlimm, was in diesem Camp passiert.“

Auch der 67-jährige Khalil al Khalil kam als Kriegsflüchtling aus Syrien nach Samos. „Wir Syrer glaubten zu wissen, dass die Europäische Union und die Europäer offen und gastfreundlich sind. Wir dachten, Europa würde uns mit Respekt und Würde behandeln. Wir dachten, wir wären hier sicher…“

Umsiedelung aufs Festland

Die griechischen Behörden haben diese Woche 1700 Migranten von den Inseln in Unterkünfte aufs Festland gebracht. Bis Ende kommender Woche sollen es 2500 sein. Auch die lange stockende Umsiedlung in andere Länder kommt unter dem Eindruck der Brandkatastrophe von Moria allmählich in Gang.

Nach Angaben der UN-Flüchtlingsbehörde UNHCR wurden seit Jahresbeginn 1066 Geflüchtete aus den griechischen Lagern in andere Staaten gebracht. Die meisten, über 700, kamen nach Deutschland. Auch Luxemburg, Belgien, Frankreich, Finnland, Irland und Portugal nahmen Migranten auf.

Aber immer noch sind die Insellager überfüllt. Sie sind für 10.118 Bewohner ausgelegt, beherbergen aber 24.300 Menschen. Jonathan Vigneron von Ärzte ohne Grenzen mahnt: „In Moria haben wir gesehen was passieren kann, wenn diese schrecklichen Missstände ignoriert werden – dort ist die Situation explodiert.“

In Vathy sehe man dieselben Zustände wie in Moria, sagt Vigneron: „Wir warnen die Behörden vor einem heraufziehenden Sturm am Horizont. Sie müssen handeln, bevor es zu spät ist. Wir fordern, dass diese Menschen aus den Lagern herausgeholt und auf das Festland oder in andere Staaten der EU gebracht werden.“

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