Forschung an Corona-Impfstoffen: Sind Tierversuche wirklich notwendig?

Coronavirus

Derzeit suchen Forscherteams weltweit unter Hochdruck nach einem möglichen Corona-Impfstoff. China setzt dafür Affen ein und auch in Deutschland wird an Säugetieren getestet. Ist das notwendig?

von Michèle Förster

, 01.07.2020, 04:00 Uhr / Lesedauer: 2 min
Für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs muss der Wirkstoff vorher an Tieren getestet werden.

Für die Entwicklung eines Corona-Impfstoffs muss der Wirkstoff vorher an Tieren getestet werden. © picture alliance/dpa

Die Corona-Pandemie bestimmt auch nach sechs Monaten weltweit den Alltag vieler Menschen. So lange es keinen wirksamen Impfstoff gegen das neuartige Coronavirus gibt, wird sich das vermutlich auch nicht ändern. Weltweit entwickeln Forscher Impfstoffe, mehr als 100 mögliche Kandidaten gibt es bereits. In Deutschland werden derzeit zwei RNA-Impfstoffe klinisch erprobt. Dabei spielen Tierversuche eine wichtige Rolle.

Tierversuche: Frettchen eignen sich für die Covid-19-Forschung

In einer Pressekonferenz haben am Dienstag Experten des Paul-Ehrlich-Instituts und des Friedrich-Loeffler-Instituts über die Fortschritte in der Sars-CoV-2-Forschung informiert. Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI), welches die mögliche Rolle von Tieren beim Infektionsgeschehen unter Menschen untersucht, forscht auf der Insel Riems unter anderem an Frettchen, Schweinen und Hamstern.

Weil der Covid-19-Erreger – wie 60 Prozent aller Infektionskrankheiten – tierischen Ursprungs ist und wahrscheinlich von der Fledermaus stammt, haben Forscher des FLI einige Flughunde unter Biosicherheitsbedingungen mit dem Coronavirus infiziert. Dabei hätten die Tiere keine Symptome entwickelt, die Erreger konnten jedoch im Rachen nachgewiesen werden. “Die Tiere können Kontaktviren übertragen”, erklärte der Präsident des FLI, Thomas Mettenleiter.

Vielversprechender seien allerdings Resultate mit Frettchen. Die mit dem Virus infizierten Tiere würden den Krankheitserreger über eine Kontaktinfektion auf Artgenossen übertragen, dabei jedoch keine Krankheitssymptome zeigen. “Wir gehen davon aus, dass Frettchen als Modell der asymptomatischen Sars-CoV-2-Infektion bei Menschen dienen können”, so Mettenleiter. Weil ihr Krankheitsverlauf der menschlichen Infektion gleicht, könnten sie bei Medikamententests hilfreich sein.

Können Haustiere am Coronavirus erkranken?

Nutztiere wie Schweine und Hühner, die häufig in Kontakt mit Menschen stehen, konnten sich in Versuchen hingegen nicht mit dem Coronavirus infizieren. Laut dem Präsidenten des FLI stellen sie somit auch kein potenzielles Risiko in der Übertragungskette für den Menschen dar. Etwas anders sieht die Situation bei Hamstern aus.

Die häufig als Haustiere gehaltenen Nagetiere zeigen bei der Infektion mit Sars-CoV-2 klinische Symptome wie Gewichtsverlust und eine Beeinträchtigung der Lungenfunktion. Mettenleiter ist deshalb überzeugt, “dass das Hamster-Modell bei der Untersuchung der Effizienz von Therapeutika gegen klinische Symptome geeignet sein könnte”. Eine Infektion des Menschen durch erkrankte Haustiere sei jedoch ausgeschlossen. “Darauf gibt es weltweit keinerlei Hinweise”, so Mettenleiter.

China testet Corona-Impfstoff an Affen

In China wagen Forscher bereits den nächsten Schritt. In einer Impfstoffstudie aus Peking wurde Rhesusaffen ein Totimpfstoff aus Coronaviren injiziert. Die Forscher konnten beobachten, dass sich bei den Tieren ein Immunschutz aufbaute. Auch nach einer Infektion mit hochdosierten lebenden Viren zeigten die Makaken keine Symptome – ganz im Gegensatz zur ungeimpften Kontrollgruppe.

Dass die Tiere bei Versuchen zum Krankheitsverlauf oder Medikamentenstudien leiden, steht außer Frage. Doch das nimmt die Wissenschaft billigend in Kauf. “Tierversuche haben den Zweck, zu ermessen, welche groben Risiken auf den Menschen zukommen können”, erklärt der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Prof. Klaus Cichutek. Daher werde es immer wieder notwendig sein, Tierversuche vor einer klinischen Studie am Menschen durchzuführen.

Kritik an Tierversuchen: Tiere leiden für die Forschung

Nach Auffassung des Paul-Ehrlich-Instituts, des Bundesinstituts für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel, sollten Tierversuche möglichst vermieden werden. Die Initiative “Ärzte gegen Tierversuche” hält Versuche an Tieren grundsätzlich für falsch. “Die aktuelle Corona-Krise zeigt deutlich, welch großer Fehler es in der Vergangenheit war, tierversuchsfreie, humanbasierte Forschungsmethoden wie menschliche 3-D-Lungenmodelle und Multi-Organ-Chips nicht ausreichend zu fördern”, sagte Dr. Tamara Zietek in einer Mitteilung des Vereins.

Diese innovativen Systeme hätten sich bereits im Forschungsbereich etabliert und könnten daher leicht für die Sars-CoV-2-Forschung eingesetzt werden. “Tierversuche sind notwendig”, hält Cichutek dagegen. “Sie haben viel menschliches Leid verhindert.” In Deutschland sind Tierversuche mit strengen Auflagen verbunden. Sie werden laut Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) nur dann durchgeführt, wenn es keine Alternativmethode gibt.

RND