Fragen und Antworten: Was bringt Lüften gegen das Coronavirus?

Coronavirus

Aerosole im Raum können eine besonders hohe Infektionsgefahr mit dem Coronavirus darstellen. Doch wie lüftet man effektiv? Und was bringt das Lüften eigentlich? Ein Überblick.

18.09.2020, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Fenster auf, Aerosole raus: Verstärktes Lüften kann die Konzentration von möglicherweise virenbelasteten Partikeln in der Raumluft reduzieren.

Fenster auf, Aerosole raus: Verstärktes Lüften kann die Konzentration von möglicherweise virenbelasteten Partikeln in der Raumluft reduzieren. © picture alliance/dpa

Immer mehr Experten warnen vor den Gefahren von Coronaviren in geschlossenen Räumen. Schon Anfang Juli forderten mehr als 200 Wissenschaftler von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und anderen Behörden, das Risiko der Übertragung von Sars-CoV-2 durch Aerosole ernster zu nehmen. Es gebe ein erhebliches Potenzial, in einer kurzen bis mittleren Distanz mikroskopisch kleine, mit dem Virus belastete Tröpfchen einzuatmen. In einer Studie wurde sogar festgestellt, dass die Viruslast durch Aerosole noch höher sein könnte, als bisher angenommen.

Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS) hat Mitte August erstmals seit Beginn der Pandemie konkrete bundesweit geltende Arbeitsschutzregeln formuliert, die den Schutz vor dem Coronavirus in Unternehmen regeln. Eine zentrale Rolle spielt das richtige Lüftverhalten.

Hilft Lüften eigentlich gegen das Coronavirus?

Häufiges Lüften kann helfen, die infektiösen Aerosolpartikel aus dem Raum abzuscheiden. Die winzig kleinen Schwebeteilchen bleiben in der Luft hängen und können so das Coronavirus verbreiten. Das Problem: Dabei können sie sich nach Angaben der Wissenschaftler über eine weitaus längere Distanz als die empfohlenen ein bis zwei Meter Mindestabstand verteilen – besonders in geschlossenen, stickigen Räumen.

Wie lüfte ich effektiv?

Grundsätzlich empfiehlt die neue SARS-CoV-2-Arbeitsschutzregel des BMAS die Fensterlüftung als einfachste Form der Lüftung. Diese sollte bei der Tätigkeitsaufnahme in den Räumen und danach in regelmäßigen Abständen erfolgen.

Generell sollte der Aufenthalt in dicht besetzten und schlecht gelüfteten Räumen vermieden werden. In Räumen ohne technische Lüftung sollten die Fenster wesentlich öfter als üblich geöffnet werden. Das Umweltbundesamt empfiehlt Stoßlüften nach jedem Niesen oder Husten.

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„Durch verstärktes Lüften kann die Konzentration von möglicherweise in der Raumluft vorhandenen virenbelasteten Aerosolen reduziert werden“, heißt es in der Neuregelung. Konkret rät diese, in Büroräumen nach 60 Minuten und in Besprechungsräumen nach 20 Minuten Aufenthalt per Stoßlüftung drei bis zehn Minuten lang für Frischluft zu sorgen, nach Möglichkeit häufiger.

Die Überprüfung der Lüftung könne via Messung des Kohlenstoffdioxid-Anteils der Raumluft erfolgen. Eine CO2-Konzentration bis 1000 ppm sei noch akzeptabel, während der Pandemie sei der Wert möglichst zu unterschreiten. Bislang galten laut Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) für Arbeitsplätze 5000 ppm als Grenzwert bei Kohlenstoffdioxid.

Wie gefährlich sind Lüftungsanlagen?

Das hängt von der verwendeten Anlage ab. Das Risiko sei gering, wenn die Anlage über geeignete Filter verfüge oder viel Außenluft zuführe, heißt es. In dem Fall sollten die Anlagen möglichst viel laufen, um für viel Luftaustausch zu sorgen. Gebe es keine Filtertechnik und keine Außenluftzufuhr, sei der Betrieb der Belüftungsanlage hingegen - soweit möglich - zu vermeiden.

Ein erschreckendes Beispiel lieferte der Fleischzerlegebetrieb Tönnies. Erste Erkenntnisse einer Studie nach dem Ausbruch am Standort Rheda-Wiedenbrück zeigte, dass sich die Aerosole hier über eine Distanz von mehr als acht Metern verbreitet haben. Der Zerlegebetrieb mit seiner Kühlung stand im Zentrum des Ausbruchs. Hier wurde die Luft durch eine Anlage umgewälzt und auf zehn Grad Celsius gekühlt. In Kombination mit körperlicher Arbeit offenbar ein ideales Habitat für das Coronavirus.

Helfen Luftreiniger, die Verbreitung der Viren einzudämmen?

Auch mobile Raumluftreiniger können die Aerosolkonzentration in geschlossenen Räumen deutlich reduzieren, wie Forscher der Münchner Bundeswehr-Uni kürzlich herausfanden. Demnach wurden in Tests mit den Geräten bis zu 99,99 % aller Aerosole aus der Luft herausgefiltert.

Für die meisten herkömmlichen Raumluftanlagen sind die Corona-Aerosole mit bis zu einem Mikrometer allerdings zu klein. Die Wissenschaftler plädieren daher dafür, professionelle Geräte mit Hepa-Virenfilter (mindestens Klasse H13) und einem hohen Volumenstrom abhängig von der Raumgröße zu verwenden, damit die Viren hängen bleiben. Studienautor Professor Christian Kähler sagt: „Sonst ist das zum Fenster rausgeworfenes Geld“. Die Experten des Bundesumweltamts bewerten Luftreiniger nur als zusätzliche Hilfe, aber nicht als geeigneten Ersatz fürs Lüften.

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Was bewirken Ventilatoren?

Geräte im Umluftbetrieb wie Ventilatoren oder Anlagen zur persönlichen Kühlung - beispielsweise mobile Klimaanlagen - sind laut den neuen Arbeitsschutzregeln nur in Räumen mit Einzelbelegung zulässig. Der Grund: Der Luftstrom trägt zu einer Verteilung von Aerosolen im Raum bei, im Umluftbetrieb wird im Allgemeinen auch keine Außenluft zur Absenkung von Aerosolkonzentrationen zugeführt. Das gleiche gilt auch für Geräte zur Erwärmung, zum Beispiel Heizlüfter.

Was gilt es beim Lüften in der Schule zu beachten?

Die „Kommission Innenraumlufthygiene“ am Umweltbundesamt empfiehlt, in Schulen in jeder Pause „intensiv bei weit geöffneten Fenstern“ zu lüften, spätestens nach 45 Minuten Unterricht. Fenster dauerhaft gekippt zu halten, reiche dagegen in stark belegten Räumen nicht aus.

Räume in denen Sport getrieben wird sollen den Experten zufolge deutlich häufiger gelüftet werden – die Kommission empfiehlt fünfmal pro Stunde oder öfter.

Wie sollte man im Winter lüften?

Im Winter kann häufiges Fensterlüften kaum gewährleistet werden, ohne Energieverluste oder Erkältungen in Kauf zu nehmen. Bundeswehr-Forscher Kähler zufolge könnten insbesondere hier die mobilen Raumluftreiniger Abhilfe schaffen und infektiöse Aerosole herausfiltern.

Das neue Regelwerk des Arbeitsministeriums sollte ab August verbindlich gelten und geht auf mögliche Probleme in der kalten Jahreszeit noch nicht ein. Es schreibt nur allgemeingültig vor: „In Räumen von Arbeitsstätten muss ausreichend gesundheitlich zuträgliche Atemluft vorhanden sein.“

Können wir durchs Lüften auf Abstand und Maske verzichten?

Ganz klar: nein. Ohnehin geht es beim Lüften primär um die Gefahren einer indirekten Infektion durch Aerosole, nicht um das direkte Infektionsrisiko etwa beim Anhusten oder langen Unterhaltungen. Hier hilft auch laut Arbeitsschutzregeln nur weiterhin Abstand zu halten und eine Mund-Nasen-Bedeckung, besser noch eine partikelfilternde Atemschutzmaske zu tragen.

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