Gedächtnislücken und Kopfschmerzen: Wie Corona das Gehirn angreift

Coronavirus

Forscher haben erstmals Beweise dafür gefunden, wie das Coronavirus Neuronen im Gehirn anfällt. Die Folgen können zahlreich sein. Weltweit tauchen immer mehr solcher Fälle auf.

von Saskia Bücker

, 08.10.2020, 18:14 Uhr / Lesedauer: 3 min
Wie landet Sars-CoV-2 im Gehirn? Forscher wissen es noch nicht genau. (Symbolbild)

Wie landet Sars-CoV-2 im Gehirn? Forscher wissen es noch nicht genau. (Symbolbild) © picture alliance / dpa

Es gilt inzwischen als weitgehend gesichert, dass Sars-CoV-2 bei vielen Infizierten nicht nur die Lunge belastet. Das Coronavirus manifestiert sich in vielen weiteren Organen. Erst bemerkten Forscher und Mediziner Spuren in der Niere, dann kam die Leber dazu, es folgte das Herz. Mitte des Jahres rückte ein weiteres Organ in den Fokus: das Gehirn. Allerdings gibt der Zusammenhang zwischen Viruseintritt in den Körper und zentralem Nervensystem Forschern noch viele Rätsel auf.

Hinweise dafür, dass das Virus das Gehirn Infizierter befällt, gibt es mit dem Fortschreiten der Pandemie auf jeden Fall immer mehr. Pathologen weltweit finden Virusspuren im Gehirn Verstorbener. Eine wachsende Zahl infizierter Patienten berichtet von neurologischen Symptomen wie Kopfschmerzen, Schwindel, psychologischen Problemen, Gedächtnisverlust – zum Teil auch noch Wochen bis Monate nach einer akuten Infektion. Und Mediziner in Kliniken beobachten bei schwerer an Covid-19 Erkrankten Hirnentzündungen, Nervenschäden, Schlaganfälle.

Wege des Coronavirus im Körper: Ansteckung oder Entzündung?

Was aber passiert konkret im Körper, wie gelangt Sars-CoV-2 ins Gehirn? Als erwiesen gilt, dass das Virus vor allem über sogenannte ACE-2-Rezeptoren (Proteine) in Körperzellen eintritt. Je nachdem, wie viele davon im Organgewebe vorhanden sind, manifestiert sich dort auch das Virus. Forscher sind bislang allerdings nicht sicher, wo im Körper sich diese überall in welcher Dichte befinden. Unklar ist bislang auch, ob das Virus selbst das Gehirn anfällt oder die neurologischen Symptome ein Resultat des durch den Infekt überstimulierten Immunsystems sind.

Das herauszufinden sei wichtig, betonen etwa Immunbiologen der Yale School of Medicine. Vor allem vor dem Hintergrund, dass gerade erst eine Vorstellung davon entsteht, welche langfristigen Folgeschäden eine Covid-19-Infektion haben kann. Immerhin: Die US-Forscher haben in verschiedenen Experimenten nun erstmals konkrete Beweise dafür gefunden, dass neurologische Symptome im Zusammenhang mit Covid-19 und einer direkten Virusinvasion im zentralen Nervensystem einhergehen und Sars-CoV-2 Neuronen direkt infizieren kann. Das geht aus einer noch zu begutachtenden Studie hervor, die Anfang September auf dem Preprintserver Biorxiv veröffentlicht wurde.

Daten zu Hirnschäden nur aus der Klinik

„Insbesondere zeigen unsere Experimente, dass das Gehirn ein Ort für ein hohes Replikationspotenzial für Sars-CoV-2 ist“, schreiben die Wissenschaftler. Es greife auch benachbarte Zellen an – um einiges aggressiver als andere bislang bekannte Infektionskrankheiten auslösende Viren wie beispielsweise Zika. Für die Erkenntnisse haben sie drei Verfahren genutzt: Sie infizierten Mäuse und menschliche Organoide (eine organähnliche Mikrostruktur mit Stammzellen) mit dem Virus. Außerdem untersuchten sie an oder mit dem Coronavirus Verstorbene. Zu ähnlichen Ergebnissen, ebenfalls im Preprint veröffentlicht, kamen Ende Mai auch US-Wissenschaftler der University of San California.

Die Wege des Virus im Körper sind aufgrund zu weniger Studien noch nicht im Detail ergründet. Die Datenlage gibt auch nicht her, inwieweit auch weniger stark Erkrankte, aber trotzdem mit Sars-CoV-2 Infizierte, betroffen sein könnten. Bislang gibt es nur Einzelstudien von Krankenhauspatienten.

Bei einer Untersuchung britischer Patientendaten errechneten Wissenschaftler beispielsweise Wahrscheinlichkeiten, wann hospitalisierte und damit schwerer erkrankte Covid-19-Patienten ernsthafte neurologische Komplikationen entwickeln. Von 125 der in der Studie untersuchten Menschen erlitten 62 Prozent eine Schädigung des Gehirns – mit Schlaganfällen und Blutungen in der Folge. 31 Prozent litten unter psychischen Zuständen der Verwirrung oder einer Schwellung des Hirngewebes. Zehn der untersuchten Personen entwickelten eine Psychose.

Ähnliche Beobachtungen wurden auch mit Blick auf rund 500 Krankenhauspatienten im chinesischen Wuhan und Hubei gemacht – rund die Hälfte von ihnen litt an neurologischen Symptomen wie Schwindel, Konzentrationsschwierigkeiten, Geruchs- und Geschmacksverlust, Krampfanfällen, Schlaganfällen und Schwäche. Eine Studie dazu erschien Mitte Juni in der Fachzeitschrift „Annals of Neurology“.

Covid-19 ist mehr als eine Lungenkrankheit

Ein Bericht, der mit Blick auf registrierte Patientenzahlen weltweit mit neurologischen Beschwerden Anfang Juli in der Fachzeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht wurde, geht allerdings nicht von einem Massenphänomen aus. „Der Anteil der Infektionen, die zu neurologischen Erkrankungen führen, wird wahrscheinlich gering bleiben“, prognostizieren die Wissenschafter. Allerdings sei mit Blick auf steigende Fallzahlen weltweit trotzdem im Vergleich zur Zeit vor Corona mit einer hohen Gesundheitsbelastung und sozialen und wirtschaftliche Kosten zu rechnen.

Das Robert Koch-Institut hat neurologische Symptome inzwischen in seinem Steckbrief zu Sars-CoV-2 aufgenommen. „Covid-19 kann sich in vielfältiger Weise und nicht nur in der Lunge, sondern auch in anderen Organsystemen manifestieren“, schreibt die Gesundheitsbehörde. „Als neurologische Symptome werden Kopfschmerzen, Schwindel und andere Beeinträchtigungen beschrieben, die neuroinvasive Eigenschaften des Virus vermuten lassen.“ Da das Virus neu sei, ließen sich zu Langzeitauswirkungen und Folgeschäden noch keine eindeutigen Aussagen treffen.

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