Gelsenkichen: Polizeibeamter (28) bei SEK-Einsatz getötet

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Schüsse in Gelsenkirchen: Bei einem SEK-Einsatz am Mittwochmorgen ist in Buer ein Polizist getötet worden. Ein 29-Jähriger wurde festgenommen.

von Nikos Kimerlis und Johannes Pusch

Gelsenkirchen

, 29.04.2020, 10:22 Uhr / Lesedauer: 3 min

Tödlich endete für einen Beamten der Spezialeinsatzkräfte (SEK) eine Ermittlung im Gelsenkirchener Drogenmilieu. Bei dem SEK-Einsatz am Mittwoch (29.4.) ist es zu einem Schusswechsel gekommen. Eine Kugel traf einen 28-jährigen Polizisten des SEK Münster, er verstarb kurz darauf im Krankenhaus.

Die Polizei wollte um sechs Uhr die Wohnung eines 29-jährigen Mannes in der Augustin-Wibbelt-Straße auf im Stadtteil Buer durchsuchen. Der Gelsenkirchener steht im Verdacht, in Drogengeschäfte verwickelt zu sein. „Weil die Polizei Informationen hatte, dass der Beschuldigte möglicherweise Schusswaffen besitzt, wurde das SEK hinzugezogen“, erklärte Polizeisprecher Christopher Grauwinkel.

Polizeisprecher: „Es fielen mindestens zwei Schüsse“

Beim Versuch der Beamten, in die Wohnung des Gelsenkircheners einzudringen, fielen laut Polizei dann die tödlichen Schüsse. Der mutmaßliche Rauschgifthändler soll der Gewerkschaft der Polizei zufolge durch die geöffnete Tür das Feuer auf die Beamten eröffnet haben, die das Feuer erwiderten.

„Es fielen mindestens zwei Schüsse“, sagte der Pressesprecher der Gelsenkirchener Polizei, Christopher Grauwinkel, dazu. Trotz Schutzweste und Helm wurde der 28-jährige Beamte tödlich verletzt. Ein Rettungswagen brachte ihn in ein nahes Krankenhaus, doch eine ein Stunde später sei er dort seinen Verletzungen erlegen.

Der mutmaßliche Täter selbst, bis dato bei der Polizei ein unbeschriebenes Blatt, blieb unverletzt. Er ließ sich nach Behördenangaben nach dem Gefecht „widerstandslos festnehmen“.

Die Ermittler sind bei der Durchsuchung der Wohnung fündig geworden: Marihuana im Wert von etwa 1000 Euro, weitere Betäubungsmittel wie Kokain in geringeren Mengen, eine größere Menge Bargeld, ein offensichtlich scharfer Revolver, mehrere Luftgewehre und Messer, eine Paintball-Handgranate und selbstgebaute pyrotechnische Gegenstände wurden der Polizei nach sichergestellt.

Entsetzen bei Anwohnern und Nachbarn: „Hier sagen sich Hase und Fuchs gute Nacht“

Der SEK-Einsatz und die Schüsse am frühen Morgen haben im gutbürgerlichen Quartier für Fassungslosigkeit und Entsetzen gesorgt. Das Haus ist ein brauner Klinkerbau mit drei Apartments. Oben unter dem Dach wohnte der 29-Jährige, mit ihm ein kleiner schwarzer Hund, der am Mittwoch ob der Polizei- und Medienpräsenz zwischendurch jaulend aus dem Fenster lugt.

Der Vorgarten ist penibel gepflegt und fügt sich optisch nahtlos an die der umstehenden Ein- und Mehrfamilienhäuser ein.

Nachbarin Nicole Berwinkel, die mit ihrem Husky spazieren geht, sagt über den Festgenommenen: „Ich kenne ihn seit nunmehr fünf Jahren. Ein witziger Typ, vielleicht ein bisschen durchgeknallt im positiven Sinne, aber dafür immer sehr hilfsbereit.“ Ihr Peugeot, der vor dem Haus des Verdächtigen parkt, habe öfter Probleme gemacht. „Wenn der Anlasser mal wieder streikte“, so die 46-Jährige, habe er immer geholfen, sogar ihren Wagen angeschoben. Dass der 29-Jährige in kriminelle Machenschaften mit Drogen verwickelt sein könnte, daran hätte sie nie im Traum gedacht. „Höchstens, dass er mal eine Tüte Gras raucht.“

Mordkommission Krefeld ermittelt nun

Siegfried Stapel wohnt „seit knapp 30 Jahren fast Tür an Tür“ mit dem Beschuldigten. Der 66-Jährige schildert seinen Nachbarn als freundlichen, alleinstehenden jungen Mann, „der Spaß an Reparatur und Umbau von Autos hatte“. Auch an seinem. Stapel zeigt auf einen getunten, bronzefarbenen SEAT Ibiza an der Garageneinfahrt – dicke Schweller, Sportauspuff, fehlende Frontschürze. Des Öfteren seien junge Leute zu Besuch bei seinem Nachbarn gewesen, normal, Polizei habe er drüben bislang nie gesehen.

Ein andere Nachbar, so um die 30, der lieber anonym bleiben möchte, berichtet, dass ihn der Polizeieinsatz aus seiner Arbeit im Homeoffice gerissen hat. Er habe sich verwundert die Augen gerieben. „Denn hier passiert nichts, hier sagen sich höchsten Hase und Fuchs gute Nacht.“

Die Mordkommission Krefeld hat aus Neutralitätsgründen die weiteren Ermittlungen übernommen.

Innenminister Reul: Schwarzer Tag für die nordrhein-westfälische Polizei

Innenminister Herbert Reul (CDU) hat den tödlichen Schuss auf einen SEK-Beamten in Gelsenkirchen als schwarzen Tag für die nordrhein-westfälische Polizei bezeichnet. „Wir sind in Gedanken bei der Familie des Verstorbenen, seiner Lebensgefährtin und seinen Freunden“, sagte Reul am Mittwoch. „Der Tod dieses jungen Mannes führt uns schmerzhaft vor Augen, welches Risiko die Polizistinnen und Polizisten in unserem Land jeden Tag eingehen, um die Bürgerinnen und Bürger zu schützen“, sagte der Minister weiter. „Ihr Beruf ist lebensgefährlich, das wissen wir. Umso erschreckender und gnadenloser trifft uns der Tod dieses Kollegen. Heute stehen alle Beschäftigten der Polizei Nordrhein-Westfalens in Trauer vereint als Polizeifamilie zusammen.“

„Ich bin erschüttert über den Tod des Polizeibeamten“, sagte Gelsenkirchens Oberbürgermeister Frank Baranowski. „Das Leben eines jungen Menschen wurde ausgelöscht, der nichts anderes tat, als seiner Pflicht zu folgen. Unser Mitgefühl gilt seinen Angehörigen. Es ist schwer zu begreifen, dass jemand morgens das Haus verlässt, um seiner Arbeit nachzugehen und dann nie mehr zurückkehren wird.“

Die nordrhein-westfälische Polizei reagierte ebenso betroffen auf den Verlust des noch jungen Kollegen. Viele Dienststellen brachten ihre Bestürzung in den sozialen Medien zum Ausdruck. „Wir sind unendlich traurig“, hieß es da. Oder: „Wir trauern mit den Angehörigen.“ Die Profilbilder der Polizei bei Facebook und Twitter trugen als Ausdruck der Anteilnahme schwarze Trauerflor-Balken. Der Inspekteur der Polizei Nordrhein-Westfalen Michael Schemke hat anlässlich des Todes des Beamten für alle Streifenwagen des Landes Trauerflor angeordnet.

Der Artikel erschien zuerst auf WAZ.de

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