Gewalt ist da, Angst aber nicht - Lehrer über ihren Alltag an Schulen

Schule

Lehrer machen immer häufiger Gewalterfahrungen an Schulen. Subtiles Mobbing, Hatespeech im Netz, körperliche Übergriffe: Sechs Lehrerinnen und Lehrer berichten aus ihrem Schulalltag.

Berlin

05.10.2020, 12:32 Uhr / Lesedauer: 5 min
Eine Umfrage hat ergeben: Gewalt und Cybermobbing seitens der Schüler umtreiben Lehrer mehr und mehr.

Eine Umfrage hat ergeben: Gewalt und Cybermobbing seitens der Schüler umtreiben Lehrer mehr und mehr. © picture alliance/dpa

Am 5. Oktober wird der Weltlehrertag zelebriert. Das zeigt sich an diesem Tag bereits beim Ansurfen der Google-Suchmaschine. Ein Doodle zeigt klassische Symbole aus dem Schulalltag: Bücher, Stifte, Lineal, ein lachendes Gesicht. Gezeigt wird aber auch: ein weinendes Gesicht. Denn Gewalt an Schulen ist keine Seltenheit. Nicht nur unter Schülerinnen und Schülern. Auch Lehrer werden angegriffen - verbal und körperlich. Sechs von ihnen berichten am Weltlehrertag in Protokollen von Erfahrungen aus ihrem Alltag.

Anika, 38, Lehrerin an einer Förderschule mit dem Schwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung:

„Bei unserem Förderschwerpunkt kommt es natürlich häufiger vor, dass man gebissen oder getreten wird. Aber 90 Prozent ist keine intentionale Gewalt, also eine bewusste Gewalt gegen den Lehrer oder die Lehrerin, sondern eben im Affekt. Das ist ein wichtiger Unterschied. Bei uns sind Kinder von der 1. bis zur 10. Klasse und gerade die Zwerge sind noch deutlich körperlicher. Wer da sauer wird, wirft eben sein Etui. Die Strategien, um etwa mit Frust umzugehen, müssen sie ja erst lernen. Die Älteren haben sich da schon mehr im Griff, sie beleidigen dann eher.

Aber je enger die Beziehung ist, desto weniger Vorfälle gibt es. Wir arbeiten ganz viel über Bindung, über Beziehung. In den meisten Fällen wollen die Schüler dir ja nichts Böses. Trotzdem muss man zwischendurch was einstecken. Ein Drittklässler hat mir mal so einen Ellbogenstoß versetzt, dass mir die Bauchdecke gerissen ist und ich eine Woche im Krankenhaus lag. Aber auch hier hat er die Gewalt nicht gegen mich richten wollen. Er hatte sich über einen Mitschüler geärgert und ich habe ihn festgehalten. Beim Losreißen ist das dann passiert.

Übrigens glaube ich gar nicht, dass es an den Schulen immer krasser wird. Ich glaube, es ist ein Verteilungsproblem. Wir haben halt immer weniger Förderschulen. Und so landen an den Regelschulen viele der Schüler, die früher zum Beispiel wegen Aggressivitätsproblemen auf meiner Schule gewesen wären. Wir wiederum haben jetzt nur noch die Kracher.“

Eva, 32, Refrendarin an einer Berufsschule im Ruhrgebiet:

„Ich hatte gerade Unterricht in einer ausbildungsvorbereitenden Klasse, als ein Schüler plötzlich anfing, mit Fäusten auf den Kopf eines Klassenkameraden einzuschlagen. Ich hatte das Gefühl, ich muss diesen Schüler schützen, gleichzeitig war mir klar, dass der andere Schüler deutlich größer und stärker war als ich. Ich habe dann die anderen aus der Klasse gebeten mir zu helfen, um die beiden zu trennen. Aber niemand hat mir geholfen. Ich war ganz allein in der Situation. Irgendwie ist es mir dann gelungen, diesen Schüler wegzuziehen. Seine Wut war nicht an mich als Lehrerin gerichtet, trotzdem empfand ich das als sehr angsteinflößend.

Kollegen kamen mir dann zur Hilfe und nahmen den Schüler mit. Den Unterricht habe ich noch zu Ende gemacht, danach bin ich aber regelrecht zusammengebrochen. Ich dachte nur: Darauf werden wir überhaupt nicht vorbereitet! Gewaltprävention lerne ich erst, wenn ich schon längst im Job bin. Das ist viel zu spät. Mein Vertrauen in die Schüler dieser Klasse war danach zerstört. Ich habe noch versucht zu ergründen, warum sie mir nicht geholfen haben. Viele meinten dann nur: ;Auf der Straße hilft uns auch keiner.‘ Auch da dachte ich: Krass, auch auf diese Art von Schicksalen werden wir nicht vorbereitet.

Mir fehlt das Handwerkszeug, die Professionalität, um damit richtig umzugehen. Ich habe tatsächlich auch nach einem Dreivierteljahr noch einen Kloß im Hals, wenn ich über diese Situation spreche. Trotzdem hat mich diese Erkenntnis eher bestärkt, als dass sie mich hat an dem Job zweifeln lassen. Ich möchte ja Schülern helfen und gerade auch denen die Hand reichen können, die Gewalterfahrungen gemacht haben.“

Mareike, 34, Lehrerin an einem Gymnasium im Münsterland:

„Grundsätzlich erlebe ich Lehrer und Schüler unserer Schule als Gemeinschaft. Gleichzeitig ist es aber auch so, dass unsere Schüler in der Regel klug genug sind, um Mobbing und Hatespeech so verdeckt zu machen, dass es eben nicht direkt auffällt. Ich weiß nicht, ob die Gewalt wirklich mehr wird, aber ich erlebe schon, dass immer mehr Schüler Probleme mit der Impulskontrolle haben. Und die Haltung uns Lehrern gegenüber hat sich verändert: Viele sehen uns Lehrer nur noch in der Bringschuld und versuchen die Hierarchien, die es ja nun mal an der Schule gibt, auszuhebeln.

Ich selbst bin zweimal in gewisser Weise Opfer von Gewalt geworden. Einmal war es tatsächlich eine Form von Mobbing. Ein LK-Schüler aus der Oberstufe, der sich selbst eher prinzenhaft aufgeführt hat, hatte sich von mir wohl nicht genug gesehen gefühlt und angefangen, gegen mich Stimmung zu machen. Das ging dann über lachen, sobald ich mich umdrehte, tuscheln, damit ich nichts mitbekam, Bemerkungen und bestimmte Blicke. Das hat die ganze Atmosphäre im Kurs so gestört, dass ich ihn auch nicht mit zur Kursfahrt genommen habe. Denn mit ihm im Raum habe ich mich schon unwohl gefühlt.

Ein anderes Mal bin ich von einem Sechstklässler geschubst worden. Ich wollte einen Streit schlichten und er ist so wütend geworden, dass er sich umgedreht hat und mich durch den Flur geschubst hat. Mir ist zwar weiter nichts passiert, aber der Schüler wurde für ein paar Tage suspendiert. Reue hat er gar nicht gezeigt. Also auch bei uns am Gymnasium kommen körperliche Auseinandersetzungen vor.“

Moritz, 37, Lehrer an einer Gesamtschule in Bremen:

„Die Frage ist ja schon: Was ist überhaupt Gewalt? Legen wir es eng aus, ist schon die Schulpflicht als solches eine Ausübung der Gewalt. Reden wir von Pöbeleien, Beleidigungen, dann kann ich sagen: Das erlebe ich oft. Das ist dann meist sowas wie ‚Ey bist du schwul?‘, wenn man ein pinkfarbenes Shirt trägt. Ich will das jetzt nicht verharmlosen, aber ich fühle mich dabei auch nicht als Opfer. Meist begegne ich solchen Sprüchen mit Humor. Im Internet kursieren auch ständig Memes über unsere Schule, da sind einige sehr kreative, witzige Sachen bei. Entsprechend nehmen wir das auch mit Humor — solange es eben eine gewisse Grenze nicht überschreitet. Ich wurde auch schon häufiger mal angespuckt, das finde ich dann nicht mehr witzig. Oder wenn ich bei Prügeleien dazwischen gehen muss. Das kommt natürlich auch vor.

Und ich weiß auch, wie es auch laufen kann: Ein Freund von mir wurde als Lehrer so gemobbt, dass er inzwischen seinen Job an den Nagel gehängt hat. Und auch bei uns gibt es Kolleginnen und Kollegen, die sagen: ‚Bei Schüler X gucke ich mal nicht so genau hin.‘, weil sie Angst haben, dass der ausrasten könnte. Das thematisieren wir dann aber im Team, weil genau dieses Weggucken ja das große Problem beim Mobbing ist.“

Maria, 43, Lehrerin an einer Berufsschule in NRW:

„Gemessen an unserem Klientel im Brennpunktgebiet ist die Gewaltbereitschaft unserer Schüler erstaunlich niedrig. Ich mein, es fehlte schon mal ein Schüler länger im Unterricht, später stelle sich raus, dass er in U-Haft saß. Ein anderer musste gehen, weil er eine Vorladung wegen bewaffneten Raubüberfalls hatte. Und manche haben Gewehre in unterschiedlichen Größen auf den Unterarm tätowiert. Natürlich fragt man sich da zwischendurch, wen man so im Klassenraum sitzen hat. Trotzdem ist mir noch nie etwas passiert.

Ich bin aber auch kein Opfertyp. Obwohl ich klein bin, kann ich körperlich sehr präsent sein. Ich weiche nicht zurück. Ich habe auch ein gutes Feingefühl dafür, wie ich deeskalieren kann — und ich weiß, wann ich meinen Mund halten muss. Bevor ich mich schlagen lasse, breche ich die Situation ab. Aber das erlebe ich wirklich eher selten. Was häufiger vorkommt ist, dass die Schüler Lehrern gegenüber verbal entgleisen. Mich hat einer zum Beispiel mal „du dummes Stück Scheiße“ genannt.

Viele kriegen noch nicht einmal mit, dass sie so entgleisen, dass sie vielleicht sogar drohen. Da mache ich zwar die Grenze klar, aber oft nehme ich das gar nicht ernst. Deshalb packt mich das nicht so. Und unsere Schule macht auch viel fürs Schulklima: Wir haben eine gute Schulsozialarbeit, Coolnesstrainings, Deeskalationsfortbildungen und Mediatoren. Das hilft sehr.“

Doreen, 49, Lehrerin an einer Förderschule in der Nähe von Dortmund

„Ich bin seit über 20 Jahren im Job und trotzdem immer noch erschrocken über diese Verrohung. Ich habe schon das Gefühl, dass das immer schlimmer wird. Dass es kein inneres Stoppen mehr gibt. Geschlagen wurde ich zwar noch nicht, aber ich hatte auch schon mal die Situation, dass ich dachte: Gleich hab ich eine sitzen! Ein Schüler fühlte sich zu Unrecht gemaßregelt und baute sich vor mir auf. Ich bin aber kein Stück zurückgewichen und hab mir nur gedacht: Wag es nicht, Kollege! Dann hat er auch die Kurve gekriegt.

Und einmal wurde ich beklaut. Ein Schüler hatte mein ganzes Portmonee ausgeräumt und da war ich schon richtig sauer. Ich hab das als persönlichen Angriff empfunden. Manchmal haben wir auch Eltern, die eskalieren. Gerade bei einigen Vätern gehen wir auch bewusst nicht alleine in die Gespräche. Aber Angst habe ich nicht. Sonst könnte ich meinen Job auch nicht machen. Und man hat ja auch eine Beziehung zu den Schülern. Darüber lässt sich ganz viel regeln. Manchmal bin ich erstaunt, wie entsetzt Kollegen an anderen Schulen über angebliche Probleme sind, bei denen ich nur denke: Na, dafür würde ich jetzt kein Fass aufmachen!“

RND

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