Homeoffice: Verändert das Virus unsere Arbeitswelt für immer?

Homeoffice

Das Land ist in Zeiten der Pandemie ins Homeoffice gewechselt. Ist die Vorstellung von dauerhaftem Homeoffice angesichts der Erfahrungen in der Corona-Krise für viele einfach nur blanker Horror?

Berlin

01.05.2020, 10:33 Uhr / Lesedauer: 4 min
Das Land ist in Zeiten der Pandemie ins Homeoffice gewechselt - jedenfalls dort, wo es ging.

Das Land ist in Zeiten der Pandemie ins Homeoffice gewechselt - jedenfalls dort, wo es ging. © picture alliance/dpa

Die Coronavirus-Pandemie hat die Arbeitswelt von Christian Drosten umgekrempelt – und das nicht nur, weil der Virologe von der Berliner Charité als Forscher plötzlich zu einer öffentlichen Person geworden ist. Es gibt auch eine Veränderung, die ihn betrifft wie viele andere.

Er sitze jetzt ständig in Videokonferenzen, hat Drosten im NDR-Podcast vor Kurzem erzählt. „Man lernt dabei häufig auch mal die Kinder von Gesprächspartnern kennen, die dann mal durchs Bild huschen, auch Haustiere haben wir schon gesehen.“ Das Konzentrationsniveau allerdings, so räumt er ein, sei bei solchen Konferenzen manchmal natürlich nur so mittelmäßig – auch diese Erfahrung macht er derzeit wohl nicht als Einziger.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin.

Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité in Berlin. © picture alliance/dpa

Deutschland ist also ins Homeoffice gewechselt – jedenfalls dort, wo es ging und wo Menschen nicht ihren Arbeitsplatz verloren haben. Aber gilt das nun einfach für die Zeit des Ausnahmezustands – oder verändert das Virus unsere Arbeitswelt auch auf Dauer?

Gesetzentwurf für den Herbst angekündigt

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) jedenfalls hat angekündigt, er wolle bis Herbst einen Gesetzentwurf zum Thema Recht auf Homeoffice vorlegen. Das hatte er schon im vergangenen Jahr einmal versprochen, ließ das Projekt dann aber liegen – auch wegen Widerstandes aus der Union und von den Arbeitgebern. Jetzt hält er die Zeit offenbar für gekommen.

Aber kann Heil das Gesetz diesmal durchsetzen? Welche Erfahrungen aus der Corona-Krise müssen einfließen? Und: Wo stehen wir eigentlich gerade?

Wie viele Menschen in der Corona-Krise ins Homeoffice gewechselt seien, lasse sich noch nicht wissenschaftlich zuverlässig sagen, erklärt Philipp Grunau vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit. Das Arbeitsministerium hat in der Zeit vor der Krise mit einer DIW-Studie argumentiert: Demnach haben 40 Prozent der Menschen einen Arbeitsplatz, bei dem sie zumindest zeitweise von zu Hause arbeiten könnten – doch nur zwölf Prozent haben das tatsächlich auch getan. Der Sprung in der Corona-Krise, so viel zumindest ist sicher, dürfte enorm sein.

Arbeitsmarktforscher Grunau geht davon aus, dass das Pendel auch nach der Krise nicht wieder komplett zurückschlägt. „Ich erwarte einen Wandel. Nach Corona werden mehr Menschen im Homeoffice arbeiten als zuvor“, sagt er. „Viele der Gründe, die früher gegen Homeoffice angeführt worden sind, fallen weg.“

Ein Hindernis seien beispielsweise oft fehlende technische Voraussetzungen gewesen – etwa, was den Zugang zum Firmennetzwerk angeht. „Aber gerade da haben die Firmen in der aktuellen Lage alles in Bewegung gesetzt, um besser zu werden. Dieser Fortschritt wird vermutlich bleiben“, prophezeit Grunau.

Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales.

Hubertus Heil (SPD), Bundesminister für Arbeit und Soziales. © picture alliance/dpa


Viele ersehnen das Büro

Wahr ist aber auch: Nicht wenige, die jetzt von einem Tag auf den anderen nach Hause mussten, wünschen sich zurück ins Büro. Die derzeitige Situation unterscheidet sich in zwei Dingen fundamental von dem, wie Homeoffice normalerweise gedacht ist. Zurzeit arbeiten die Menschen – anders als üblich – Vollzeit zu Hause und nicht an einem oder zwei Tagen in der Woche. Und vor allem müssen viele gleichzeitig ihre Kinder betreuen.

Matthias Schulz zum Beispiel, Ingenieur bei Vodafone in Düsseldorf, arbeitete schon bislang zwei Tage in der Woche von zu Hause. Er schätzt das, weil es die Wege verkürzt. Jetzt ist er die ganze Woche zu Hause – mit zusätzlichen Pflichten.

„Da meine Frau in einer Bank arbeitet, bin ich derjenige, der zu Hause die Stellung hält“, sagt Schulz. „Ich freue mich sehr, jetzt jeden Mittag mit meinen zwei Söhnen essen zu können.“ Aber es sei „natürlich eine besondere Herausforderung, ihnen gerecht zu werden“, während er arbeitet.

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Drastischer äußert sich eine 40 Jahre alte Juristin, die bei einer Behörde beschäftigt ist und nun mit vier Kindern vom Kitaalter bis zum Gymnasium zu Hause arbeitet: „Ich habe oft ein schlechtes Gewissen, wenn ich den Kindern sagen muss: Beschäftigt euch selbst, kümmert euch gegenseitig umeinander.“ Gleichzeitig könne sie ihr Pensum so kaum schaffen. „Die Folge, die auch viele Kolleginnen betrifft: Ich arbeite bis tief in den Abend oder auch die Nacht.“

In der derzeitigen Situation seien es oft die Frauen, die zurückstecken müssten. „Bei uns ist das auch so: Mein Mann verdient deutlich mehr, sagt die Frau. Deshalb sei klar: „Wenn wir beide ein Meeting haben, ist er derjenige, der ungestört ins Zimmer unter dem Dach verschwinden kann.“

Doch auch diejenigen, die keine Kinder zu betreuen haben, kämpfen mit Widrigkeiten. „Das Problem in der Corona-Krise ist ja: Wir konnten uns alle nicht vorab darauf einstellen im Homeoffice zu arbeiten“, sagt Diana Tipei, die in einem Softwareunternehmen in München für Vertriebsfragen zuständig ist. „Vielen fehlt der notwendige Raum, und sie müssen auf Sonderlösungen wie Küche oder Keller ausweichen.“

Für die 34-Jährige hat das gemeinsame Arbeiten in einem Büro viele Vorteile: „Man darf nicht unterschätzen, wie viel auch deshalb besser funktioniert, weil man einfach mal die Möglichkeit hat, ganz normal miteinander rumzuhängen und ins Gespräch zu kommen.“ Beim ungeplanten Treffen kämen oft besonders gute Ideen zustande. Immerhin bemühe sich ihr Arbeitgeber, die Nachteile des Homeoffice auszugleichen: „Wir machen große Online-Meetings, bei denen auch die Mitarbeiter von Außenstellen und aus dem Ausland eingebunden sind. So gesehen lernen wir uns alle auch gerade besser kennen.“

Währenddessen streiten Gewerkschaften und Arbeitgeberverbände bereits über die Zukunft des Homeoffice in Deutschland. „Für mobiles Arbeiten und Homeoffice brauchen wir Regeln: gesetzlich, in Tarifverträgen und Betriebsvereinbarungen“, sagt das DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. „Denn ungeregelt führt mobiles Arbeiten zu unbezahlten Überstunden und Dauerstress“, fügt sie hinzu. „Home Office sollte für die Beschäftigten nach der Krise auf jeden Fall freiwillig bleiben.“

Der betriebliche Arbeitsplatz müsse erhalten bleiben, betont die Gewerkschafterin – denn eine klare Trennung von Beruf und Privatleben sei vielen Beschäftigten sehr wichtig. Zentral sei es deshalb, all diese Punkte zu regeln – in einem Gesetz, das ein Recht auf Homeoffice schafft. „Der Vorstoß des Arbeitsministers, Homeoffice auch nach der Krise zu ermöglichen, ist gut und richtig“, sagt Buntenbach deshalb.

Wunsch nach schnellen Wegen

Die Arbeitgeberverbände fürchten dagegen, zusätzliche Bürokratie übergestülpt zu bekommen – sie lehnen ein Recht auf Homeoffice daher ab. Stephan Lenz ist Mitglied der Geschäftsführung von Tubex, einem Verpackungsmittelhersteller aus Baden-Württemberg. Die Arbeitnehmer in der Produktion könnten ohnehin nicht zu Hause arbeiten, erklärt er. In der Verwaltung wiederum hat sein Unternehmen etwa die Hälfte der Leute ins Homeoffice geschickt, um das Infektionsrisiko zu minimieren.

Nach der Pandemie soll sich das aber wieder ändern, sagt Lenz. Sein Unternehmen konkurriere über den Preis, dazu brauche er eine schlanke Verwaltung, die mit kurzen Wegen arbeite. „Es ist effizienter, wenn man kurz ans Nachbarbüro anklopfen und etwas klären kann, als dass man erst telefonieren muss oder gar ein Videomeeting ansetzen“, betont er. Der Staat solle sich da nicht einmischen, Arbeitgeber und Arbeitnehmer sollten sich untereinander einigen, ob in einem Betrieb Homeoffice möglich sei.

Nicht jeder Job ist geeignet

Klar ist dabei: Viele Jobs sind da von vornherein ausgeschlossen. Was beim Büroangestellten funktioniert, kann nicht für Supermarktkassiererin oder den Kellner gelten.

Arbeitsmarktforscher Philipp Grunau drückt es so aus: „Es wird immer Berufe geben, bei denen die Menschen gar nicht im Homeoffice arbeiten können.“ Der Kreis dieser Berufe wird aber gerade tendenziell kleiner. So ermögliche die Digitalisierung zum Beispiel , dass ein Kranführer nicht im Kran selbst sitzt, sondern mehrere Kräne zugleich von einem Ort aus steuert.

Grunau jedenfalls ist überzeugt: „Es lohnt sich für die Unternehmen, ihren Beschäftigten – wenn möglich – die Arbeitssituation zu geben, die diese wollen. Zufriedene Mitarbeiter sind leistungsfähige Mitarbeiter.“

Ist das Homeoffice also die bessere Lösung? Das sei auch eine Typfrage, antwortet Grunau. „Die einen sagen, Homeoffice hilft mir, Arbeit und Privatleben miteinander zu vereinbaren. Die anderen sagen, es erschwert die Trennung.“